Warum verlässt die Bank Vontobel die beste Stadt der Welt? Ein Realitätscheck in der Zuger AggloBaar bietet mehr als nur tiefe Steuern. Warum die Zuger Agglo für Topmanager und Firmeneigentümer ein Sehnsuchtsort ist.05.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAm Standort der künftigen Vontobel-Zentrale entstehen auch preisgünstige Wohnungen.NZZIn Zürich ist es ein Traum, in Baar ist es Realität: auf der grünen Wiese bauen. Im Unterfeld Süd in der Zuger Gemeinde Baar beginnen in wenigen Monaten die Bauarbeiten für die neue Zentrale der Bank Vontobel. Diese Woche gab das Zürcher Traditionshaus bekannt, dass es 2030 seinen Firmensitz und 1500 Mitarbeitende von der Stadt Zürich nach Baar verlegen werde. Die Ankündigung hat eine Schockwelle durch den Zürcher Finanzplatz gesendet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zug lockt seit Jahren mit tiefen Steuern und ist als Stützpunkt für internationale Grosskonzerne wie Amgen, Glencore oder Siemens beliebt. Nun zieht aber eine Urzürcher Bank dorthin. Das weckt einen bösen Verdacht: Haben nicht nur die Steuern Vontobel aus der Limmatstadt vertrieben? Hat Baar Vorzüge, die Zürich – in seinem Selbstverständnis die beste Stadt der Welt – nicht bieten kann?Ein «Filetstück» für VontobelFür den Realitätscheck trifft die NZZ Zari Dzaferi, den Bauvorsteher von Baar, und Mark Gustafson, den Finanzvorsteher, im Unterfeld Süd, unmittelbar bei der S-Bahn-Haltestelle Lindenpark. Die Spätsommersonne strahlt, Velofahrer brausen vorbei und grüssen die Einwohnerräte. Man kennt sich. Für Gustafson ist klar: Nicht der Kanton Zug, sondern Vontobel hat einen Glückstreffer gelandet. «Das Areal ist ein Filetstück», sagt er. Es sei verkehrsmässig sehr gut erschlossen und optimal zwischen Baar und der Stadt Zug gelegen.Auf 10 000 Quadratmetern werde ein neues Wohn- und Gewerbegebiet entstehen, mit drei Hochhäusern von 60, 50 und 40 Metern Höhe, erklärt derweil der SP-Mann Dzaferi. Gegenüber der künftigen Vontobel-Zentrale thront der Neubau der Private-Equity-Gesellschaft Partners Group. Die Lokalpolitiker erklären, dass das Grundstück lange nicht habe bebaut werden können. 2017 gab es einen ersten Versuch, das Areal zu entwickeln. Die Bevölkerung verwarf das Projekt aber an der Urne.Der Finanzinvestor Partners Group hat 2024 eine neue Zentrale in Baar bezogen.NZZHeute ist die Akzeptanz in der Bevölkerung hoch. «Es gab auch kaum Einwendungen oder Einsprachen», sagt Dzaferi. Die Leute seien besser abgeholt worden. Der Sozialdemokrat ist eine treibende Kraft bei der Urbanisierung der Gemeinde. Für ihn ist klar: Die zu entwickelnden Gebiete müssen zusammenwachsen. Der Mehrwert eines neuen Areals müsse aber allen zugutekommen. In den Hochhäusern wird auch preisgünstiger Wohnraum entstehen.Der FDP-Mann Gustafson erzählt, wie die Bank die Ansiedlung im Geheimen einfädelte: «Wir haben Vontobel vor einigen Monaten erstmals getroffen, um die Bankführung kennenzulernen und Informationen auszutauschen», sagt er. Davor hatte der Immobilienentwickler Cham Swiss Properties der Bank Vontobel das Projekt bereits unterbreitet, nachdem sie in Zürich vergeblich nach neuen Standorten gesucht hatte.In Baar ist die Genugtuung gross, dem mächtigen Zürich einen so grossen Namen abgeworben zu haben. Der heute in Zug ansässige Financier Maurice Pedergnana sagt: «Ich verstehe den Entscheid von Vontobel zu 100 Prozent. In Zürich hätte die Bank für ein solches Projekt zwanzig Jahre warten müssen.» Pedergnana ist 2012 aus Zürich gekommen.Er schwärmt von den Rahmenbedingungen: In Zug sei es möglich, eine Baubewilligung für ein Hochhaus in einem Jahr zu bekommen. «Das ist in Zürich undenkbar», sagt er. Die Zuger Behörden seien sehr hilfsbereit, nicht nur bei Steuerfragen oder Baubewilligungen. Gleichzeitig seien sie lokal stark verwurzelt, «an jedem Anlass sind Regierungsräte dabei».Doch Pedergnana brauchte Zeit, um als Städter in der Innerschweiz anzukommen. Noch in den nuller Jahren sei die katholisch-konservative, etwas verschlossene Mentalität in Zug stärker spürbar gewesen. Es gab viele Wochenaufenthalter, abends war kaum etwas los. Das sei jetzt anders. «Ich bin mit Vorurteilen hergekommen und habe gelernt, das Leben hier zu geniessen», sagt er. Der Zuzug der Bank Vontobel sei ein grosser Erfolg. Er zeige, dass Zug ein bedeutender Finanzplatz sei.Der Kanton war nicht im BildKritische Zürcher mögen argwöhnen, Zug habe die Bank mit aggressivem Marketing und Steuergeschenken umworben. Doch bei Vontobel lief es anders. Die Zuger Behörden brauchten gar keinen Pitch: «Die Kontaktstelle Wirtschaft des Kantons war nicht über die Umzugspläne Vontobels im Bild», sagt Bernhard Neidhart, Leiter des Zuger Amts für Wirtschaft und Arbeit. Bei einer Firma dieser Grösse sei das eher ungewöhnlich.Das Amt gehe grundsätzlich keine Unternehmen in anderen Kantonen aktiv an. «Wir unterstützen sie, wenn sie zu uns kommen», sagt er. Man gehe stark auf die Bedürfnisse bereits ansässiger Firmen ein. Diese machten einen Grossteil des Wachstums aus. «Zufriedene Unternehmen und ihre Manager sind die besten Standortförderer», sagt Neidhart. Er sieht Zug auch nicht in Konkurrenz zu Zürich. Zug sei ein Teil der Greater Zurich Area. Man teile den Fokus auf die Branchen Lifesciences, Technologie sowie Finanzen und IT/Blockchain.Trotz zurückhaltendem Vorgehen in der Standortförderung hat Zug in den vergangenen Jahren zahlreiche Grosskonzerne angelockt, die ursprünglich in Zürich und Umgebung ansässig waren: etwa der Airline-Caterer Gategroup oder der Zementriese Holcim. Im Januar verlegte der SMI-Konzern SGS seine Zentrale nach Baar und brach die Zelte in Genf ab. Noch früher dran war Sika. Der Bauchemiekonzern siedelte bereits 1958 um. Treibende Kraft waren damals aber nicht die Steuern, sondern die Eigentümerfamilie.Topmanager bestimmen den StandortVontobel betont zwar auch, nicht wegen der Steuern nach Baar zu ziehen. Ein Faktor sind sie trotzdem. Für die Bank würde sich die kombinierte Steuerlast von rund 19 Prozent in der Stadt Zürich künftig auf 15 Prozent reduzieren, wegen der geltenden OECD-Mindeststeuer. Damit würde Vontobel rund 10 Millionen Franken Steuern sparen.Doch die Einkommens- und Vermögenssteuern für natürliche Personen bleiben in Zug bedeutend tiefer als in Zürich, besonders für hohe Einkommen. Das ist der wahre Magnet. Denn die finanziellen Bedürfnisse von Eigentümern oder Topmanagern einer Firma sind ebenso entscheidend wie die Unternehmenssteuern. Der Ort, wo die Topkader einer Firma wohnen oder wohnen wollen, beeinflusst die Standortwahl einer künftigen Firmenzentrale stark.Viele Topmanager wohnen angesichts des hohen Steuerniveaus in der Stadt Zürich zwar bereits in steuergünstigen Zürichsee-Gemeinden oder in der Innerschweiz. Sie fahren mit dem Auto zur Arbeit in die Stadt. Das hohe Verkehrsaufkommen und die vielen Baustellen rauben aber Zeit und Nerven. Eine Fahrt nach Baar etwa vom südlichen Zürichseeufer aus ist hingegen ziemlich effizient. Ausser bei den Autobahnzubringern sind die Zuger Strassen selten verstopft, Parkplätze sind in Fülle vorhanden.Der SP-Mann Zari Dzaferi treibt die Urbanisierung Baars voran.NZZAuto wird nicht verteufeltAuch die Einstellung der Politik gegenüber dem Auto ist in Zug eine andere. «Das Auto wird nicht so verteufelt wie in Zürich», sagt Pedergnana. So werden auf dem künftigen Vontobel-Areal 565 Parkplätze entstehen. Mit dem Auto pendeln werden die meisten Banker aber trotzdem nicht, zumal die Privatbank nicht alle Parkplätze für sich beanspruchen kann.Womöglich könnten einige Mitarbeiter in das Hochhaus auf dem Areal ziehen. Die Fragen der Mitarbeitenden an einem Townhall-Meeting Vontobels deuten gemäss NZZ-Informationen darauf hin. Die Anbindung an Zürich wird sich mit der Fertigstellung der zweiten Etappe des Zimmerberg-Basistunnels in Zukunft jedenfalls weiter verbessern. Der Bauvorsteher Dzaferi ist überzeugt: «Baar ist keine Pendlerstadt mehr. Die Menschen wollen auch hier wohnen.»Für Zürich ist das eine neue, ungewohnte Ausgangslage.Passend zum Artikel
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