InterviewDie Bank Vontobel steht vor dem Wegzug aus der Stadt Zürich – der städtische Finanzchef sagt: «Mir scheint die Aufregung teilweise übertrieben»Für den Grünen Daniel Leupi ist die Verlegung des Hauptsitzes zwar bedauerlich, aber kein fundamentales Problem. Eine Steuersenkung lehnt er ab.04.09.2026, 05.01 Uhr5 LeseminutenDaniel Leupi sagt, Vontobel werde weiterhin auch Steuern in der Stadt Zürich bezahlen.Maurice Haas für NZZFrage: Herr Leupi, die Bank Vontobel ist eine Stadtzürcher Institution. Jetzt verlegt sie ihren Hauptsitz und einen Grossteil der Arbeitsplätze in den Kanton Zug. Was bedeutet das für die Stadt Zürich?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Das ist sehr bedauerlich, aber letztlich etwas, das in einem dynamischen Wirtschaftsraum immer wieder vorkommt. Ein Unternehmen entwickelt sich. Und wenn ein Standort nicht das bietet, was es braucht, ist ein Umzug eine Option.Frage: Was genau hat Vontobel in Zürich gesucht und nicht gefunden?Antwort: Einen Platz für einen neuen Campus, in dem rund 1500 Mitarbeitende zusammengezogen werden können, die derzeit über mehrere Standorte verteilt sind. In der Stadt Zürich ist das fast nicht mehr möglich. Bei uns gibt es keine solchen grossen freien Flächen mehr.Frage: Sie nehmen den Wegzug einer der wichtigsten Finanzinstitutionen der Stadt Zürich erstaunlich leicht.Antwort: Wie gesagt, ich bedauere den Wegzug. Mir scheint die Aufregung teilweise auch übertrieben.Frage: Warum?Antwort: Erstens, weil Vontobel ja nicht ganz aus Zürich wegzieht, sondern am bisherigen Standort Bleicherweg festhält und dort weiterhin mit 300 Mitarbeitern vertreten sein wird. Und zweitens, weil solche Wegzüge von grossen Unternehmen sehr selten sind. Von den fünfzig besten Steuerzahlern gab es ausser Vontobel in den letzten zehn Jahren nur einen einzigen weiteren Abgang. Es sind aber im Gegenzug sehr viele Unternehmen, auch grosse, in die Stadt gezogen.In Baar im Kanton Zug wird Vontobel einen neuen Hauptsitz beziehen.Mathias Blattmann / CH MediaFrage: Welches war das andere Unternehmen, das weggezogen ist?Antwort: Das weiss ich nicht. Meine Aussage bezieht sich auf eine Auswertung unseres Steueramts. Namen von Unternehmen werden darin nicht genannt. Das Steuergeheimnis gilt auch für mich als Finanzvorsteher.Frage: Hat die Bankleitung von Vontobel die Stadt im Vorfeld über ihre Pläne informiert?Antwort: Nur sehr kurzfristig.Frage: Haben Sie versucht, die Bankleitung umzustimmen?Antwort: Das wäre illusorisch gewesen. Das Unternehmen hatte die Standortfrage sehr sorgfältig geprüft und einen Entscheid gefällt. Im Übrigen war es klar, dass wir Vontobel nicht das bieten konnten, was die Bank sucht, nämlich Platz für den neuen Campus.Frage: Es gibt in der Stadt Zürich den Üetlihof, den grossen Bürokomplex der untergegangenen Credit Suisse am Stadtrand. Er stand lange Zeit leer.Antwort: Der steht erstens nicht in der Verfügung der Stadt, und zweitens sind gemäss der UBS alle Flächen vergeben.Frage: Vontobel verlegt auch den Sitz der Holding nach Baar und damit den Steuersitz.Antwort: Es wird wie immer in solchen Fällen eine Steuerausscheidung geben. Weil Vontobel weiterhin einen Standort in der Stadt Zürich betreibt, wird die Bank hier auch weiterhin Steuern bezahlen.Frage: Wie gross ist der Verlust, der durch den Standortwechsel entsteht?Antwort: Ich weiss es nicht, und ich dürfte es Ihnen wegen des Steuergeheimnisses auch nicht sagen. Als Finanzvorsteher kenne ich nur die Steuereinnahmen der verschiedenen Branchen, nicht aber von einzelnen Unternehmen. Dazu kommt die angetönte Steuerausscheidung wegen des verbleibenden Standorts hier in Zürich. Klar ist aber, dass Vontobel nur eines von vielen Unternehmen ist und die Stadt wegen der Verlagerung nicht in finanzielle Probleme geraten wird.Frage: Vontobel hat durchscheinen lassen, dass die Steuerfrage zwar nicht im Zentrum stand, aber sehr wohl ein Aspekt war. Die Unternehmenssteuern sind schweizweit nirgends so hoch wie im Kanton Zürich.Antwort: Das wäre dann ein Problem, wenn die Steuereinnahmen der juristischen Personen sänken oder wir sehr viele leerstehende Büros hätten. Aber das ist nicht der Fall, im Gegenteil. Mit Beiersdorf und La Prairie haben zwei grosse Unternehmen unlängst ihre Hauptsitze in die Stadt Zürich verlegt. Hier ansässige Konzerne wie die Zurich-Versicherung, die UBS oder früher auch die Credit Suisse hatten Hunderte von Millionen Franken in ihre Standorte in der Stadt investiert. Julius Bär hat erst vor wenigen Wochen angekündigt, seinen Standort in Zürich Altstetten auszubauen. Das zeigt mir, dass es aus unternehmerischer Sicht keine fundamentale Unzufriedenheit mit der Stadt Zürich gibt.Frage: Auf kantonaler Ebene ist ein Anlauf, die Gewinnsteuern für Unternehmen zu senken, gescheitert, es gibt aber neue Bestrebungen. Unterstützen Sie diese?Antwort: Nein. Als Stadt Zürich könnten wir damit nichts gewinnen. Wollen wir wirklich, dass die Bodenpreise noch weiter steigen? Und der Wohnraum noch knapper wird? Wir sollen ausgerechnet an dem Ort, an dem schon heute alles am teuersten ist, den Druck noch weiter erhöhen? Das ergibt keinen Sinn für mich.Frage: Sie könnten ein attraktiverer Standort werden und Ihre Finanzlage verbessern. Die Stadt Zürich ist hoch verschuldet.Antwort: Daran würde ein tieferer Steuersatz aber nichts ändern. Wir hatten es ausgerechnet: Wäre der Gewinnsteuersatz von 7 auf 6 Prozent gesenkt worden, hätte die Stadt 150 Millionen Franken Steuern eingebüsst. Bei einem durchschnittlichen Unternehmenssteuerertrag von 2000 Franken pro Arbeitsplatz müssten Firmen mit rund 75 000 Arbeitsplätzen in die Stadt ziehen, um die Ausfälle zu kompensieren. Doch dafür fehlt in der Stadt ganz einfach der Platz. Wir hätten nur verloren.Frage: Dass Zürich bei den Unternehmenssteuern der teuerste Kanton ist, muss doch auch Sie stören. Die Stadt Zürich mag vielleicht ganz froh sein, wenn nicht noch mehr Firmen mit ihren Mitarbeitern kommen, aber schon in Winterthur und in vielen kleineren Gemeinden sieht es ganz anders aus.Antwort: Das sehen wir sehr wohl. Aus diesem Grund hätte ich die Idee prüfenswert gefunden, dass Gemeinden im Kanton die Steuerfüsse für Unternehmen und für Privatpersonen getrennt festlegen können. So könnten sie ihre Anreize feiner steuern. Aber politisch ist aus diesem Vorschlag nichts geworden.Frage: Sie würden abgesehen davon am Steuersystem gar nichts ändern wollen?Antwort: Doch. Wir müssen den nationalen Finanzausgleich anpassen. Wenn gewisse Standorte wenig investieren, tiefe Zentrumslasten haben und deshalb so tiefe Steuern und so hohe Erträge ausweisen, dass sie quasi die Krankenkasse der Bevölkerung bezahlen können, dann stimmt etwas nicht mehr.Frage: Sie meinen den Kanton Zug – dort, wo Vontobel 2030 hinziehen wird.Antwort: Er ist ein Beispiel, ja. In dieser Frage bin ich übrigens einig mit dem kantonalen Finanzdirektor Ernst Stocker von der SVP. Auch er findet, dass der Kanton Zürich einen zu geringen Ausgleich für seine hohen Zentrumslasten erhalte und das System angepasst werden müsse.Frage: Erleben wir schlicht einen Strukturwandel in der Stadt Zürich? Etablierte Unternehmen verlassen die Stadt, Tech-Startups rücken nach?Antwort: Nein, so sehe ich das nicht. Die Finanzbranche ist nach wie vor stark und baut sogar aus, ich habe es ja angetönt. Wenn es einen Strukturwandel gibt, dann viel eher beim produzierenden Gewerbe. Es wird von den hohen Liegenschaftspreisen zunehmend aus der Stadt vertrieben.Frage: Die Stadt könnte sehr bewusst wertschöpfungsintensive Branchen anziehen, um den wenigen Platz optimal zu nutzen.Antwort: An diesem Punkt sind wir schon heute. Banken und Versicherungen sind ja ausgesprochen wertschöpfungsintensiv. Wir müssen aber aufpassen, dass wir keine Monokultur schaffen. Für die Bevölkerung ist es wichtig, dass Quartierläden und Bäckereien erhalten bleiben. Wir wollen nicht, dass am Wochenende alle in die Agglomeration fahren müssen, um einzukaufen. Auch für die Krisenresistenz der Stadt ist ein möglichst breiter Branchenmix wichtig. Schauen Sie, was in den 1970er Jahren mit dem Jurabogen passierte, als dessen Uhrenindustrie in eine Krise stürzte. Das darf uns nicht passieren.Frage: Der Super-GAU für die Stadt Zürich wäre ein Wegzug der UBS. Ist dieser vom Tisch?Antwort: Davon gehen wir aus. Ein Hauptsitz einer Schweizer Bank wird nicht einfach leichtfertig ins Ausland verlegt. Dafür ist unter anderem die Swissness zu wichtig. Ich denke, in der Debatte um einen Wegzug der UBS ging es auch darum, in der Diskussion über Eigenkapitalvorschriften Druck auf den Bund aufzubauen.Passend zum Artikel
Vontobel-Wegzug für Stadtrat Daniel Leupi kein Problem – tiefere Steuern braucht es nicht
Für den Grünen Daniel Leupi ist die Verlegung des Hauptsitzes zwar bedauerlich, aber kein fundamentales Problem. Eine Steuersenkung lehnt er ab.






