Das Klimaphänomen El Niño ist bereits in vollem Gange, und während in Uruguay die Vorbereitungen auf weitere Überschwemmungen laufen, haben Panama und El Salvador in Zentralamerika bereits den Dürrealarm ausgerufen. Über die möglichen Folgen des Klima-Jahrhundertereignisses kann erst einmal nur spekuliert werden, zu unberechenbar ist das zyklisch wiederkehrende Phänomen. Für den Amazonas-Regenwald jedenfalls könnten sie gravierend sein, wird er doch in einem äußerst geschwächten Zustand getroffen. Experten halten es inzwischen für nicht ausgeschlossen, dass El Niño ihn über einen unumkehrbaren Kipppunkt treibt.Wird dieser klimatische Kipppunkt überschritten, könnte sich der Regenwald zu großen Teilen in Savannenlandschaften verwandeln. Die größten Treiber für diese Entwicklung sind die steigenden Temperaturen und der Verlust von Waldfläche. Im Zusammenspiel mit dem aktuellen El Niño könnte das zu einer tödlichen Mischung für eines der bedeutendsten Ökosysteme werden, das nicht nur wegen seiner beispiellosen Artenvielfalt gebraucht wird, sondern auch das Weltklima maßgeblich beeinflusst. Doch wie konnte es so weit kommen, dass das Katastrophenszenario Realität werden könnte?Kipppunkt bei mehr als 28 Prozent Entwaldung?Auch ohne El Niño steuert der südamerikanische Tropenwald mit großen Schritten auf großflächige Veränderungen zu. Rund zwei Drittel des Amazonas könnten schon bei einer Erderwärmung zwischen 1,5 und 1,9 Grad kippen, sollte die Entwaldung zugleich auf 22 bis 28 Prozent steigen. Ohne weiteres Abholzen würde dieser Punkt erst bei 3,7 bis 4 Grad Celsius Erwärmung erreicht. Das ergab die Studie eines Forscherteams vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, die vor kurzem im Fachmagazin „Nature“ erschienen ist. Die Abholzung an einem Ort macht also auch Waldgebiete andernorts anfälliger gegenüber höheren Temperaturen.Grund dafür ist ein sich selbst erhaltender Wasserkreislauf. Der Amazonas-Regenwald trägt nämlich erheblich selbst dazu bei, dass es in der Region weiter regnet. „Verliert man östlich Teile des Regenwalds, bedeutet das weniger Wolkenbildung und weniger Wassertransport“, erklärt der Klimafolgenforscher Nico Wunderling, Hauptautor der „Nature“-Studie. In ihrer Modellierung haben die Wissenschaftler verfolgt, woher die Feuchtigkeit für Niederschlag in verschiedenen Waldgebieten stammt und wie sich Abholzung und Erderwärmung darauf auswirken. Besonders der Westen und Süden sind auf den Wasserkreislauf angewiesen. Die feuchte Luft vom Atlantik versorgt nämlich maßgeblich den Osten mit Regen. Ein Teil des Regenwassers verdunstet dann oder wird von den Bäumen aufgenommen und über die Blätter wieder an die Luft abgegeben. Der Wind schiebt die feuchten Luftmassen weiter. So versorgt der östliche Wald den Rest mit Wasser. „Dieses Feuchtigkeitsrecycling macht den Amazonas-Regenwald zum Klima-Kippelement: Schon eine moderate zusätzliche Erwärmung könnte eine Kettenreaktion in großen Teilen des Waldes auslösen, da die Abholzung den Amazonas deutlich anfälliger macht“, erklärt Wunderling.Der Amazonas-Regenwald produziert große Mengen seines Niederschlags selbst.picture allianceWie alle Projektionen unterliegen auch die Ergebnisse dieser Studie gewissen Unsicherheiten. Nimmt man allerdings die gesamte Studienlage zusammen, ergibt sich ein überwiegend konsistentes Bild. Der Amazonas-Regenwald wird durch Klimawandel, Abholzung und Dürren zunehmend geschwächt und erholt sich immer langsamer, dort, wo der Wald sich eigentlich erholen soll.Etwa ein Fünftel des Amazonas ist inzwischen entwaldet. Das ist nicht mehr weit entfernt von den 28 Prozent, die von den Wissenschaftlern als kritisch erachtet werden. Hauptursachen für den Flächenverlust sind Abholzung und Waldbrände, überwiegend in Brasilien, dem Land mit den größten Waldanteilen. Ein Viertel der Fläche wurde hier in den letzten 36 Jahren zerstört. Die derzeitige brasilianische Regierung unter Präsident Lula hat sich zum Ziel gesetzt, die Abholzung zu senken. Bisher mit Erfolg, immerhin, in den vergangenen zwölf Monaten wurde so wenig abgeholzt wie seit zehn Jahren nicht mehr.Die Flächenverluste durch die drohenden Waldbrände zu verhindern, dürfte sich hingegen schwieriger gestalten. Denn während die Abholzung sich durch politisches Engagement senken lässt, hängen Waldbrände vor allem mit dem Wetter zusammen.Waldbrände spielen eine entscheidende RolleWaldbrände sind fast ausnahmslos auf menschliche Aktivität zurückzuführen. Landbesitzer legen das Feuer, um auf bisherigen Waldflächen Vieh zu halten und Plantagen anzulegen. Eine traditionelle und häufig auch legale Praktik. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Auch Indigene vor mehr als 10.000 Jahren haben den Regenwald schon auf diese Weise bewirtschaftet. Aufgrund der ganzjährig hohen Luftfeuchtigkeit haben sich die Brände allerdings nicht ausgebreitet. Lange galt der Regenwald deswegen als feuerresistent. Erst in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden Aufzeichnungen bekannt, die zeigen, wie sich Feuer unkontrollierbar ausbreiteten. Seitdem brechen regelmäßig Waldbrände aus, die größere Flächen zerstören. Fast immer gehen sie auf schwere Dürren zurück, oftmals ausgelöst durch das El-Niño-Phänomen.Das Problem ist also nicht unbedingt, dass Feuer überhaupt auftritt, sondern vielmehr, dass der Wald heute nicht mehr so widerstandsfähig ist. Er speichert heute nicht mehr so viel Wasser, wie er das mal getan hat. Die großflächige Entwaldung, Landwirtschaft und der Straßenbau haben den ursprünglich dichten, flächendeckenden Urwald fragmentiert. Insgesamt kann der Wald dadurch weniger Luftfeuchtigkeit unter den Kronen speichern. Zusätzlich steigen die Temperaturen mit dem Klimawandel immer weiter an, und die Trockenperiode verlängert sich. Das entzieht dem Wald zusätzlich Wasser und begünstigt die Ausbreitung von Waldbränden.Die Waldbrände im Amazonasgebiet sind schwer zu kontrollieren und sorgen, wie hier 2019, immer wieder für unberechenbare Flächenverluste.dpaBesonders anfällig dafür sind Randgebiete oder Bereiche, die in der Vergangenheit bereits gebrannt haben. Einmal entfacht, finden die Flammen in abgestorbenen Bäumen und Totholz massig Brennstoff und werden schnell unkontrollierbar. Erst die Regenzeit, die für gewöhnlich im Dezember einsetzt, dämmt die Brände ein. Diese fällt jedoch während eines El Niño deutlich trockener aus oder kann sich sogar verzögern. Dadurch steigt die Waldbrandgefahr enorm an.El Niño ist aber nicht etwa der Auslöser für die jetzt so gefährliche Situation. Das Wetterphänomen war schon peruanischen Fischern im 17. Jahrhundert bekannt. Allerdings trifft es dieses Mal auf einen Wald, der erst 2024 von großen Bränden heimgesucht wurde. Die Folgen waren verheerend: Eine Fläche von mehr als drei Millionen Hektar ging in Flammen auf. Etwa fünfzehnmal so viel wie im Vorjahr schreiben Wissenschaftler vom Joint Research Center der Europäischen Kommission in ihrer Studie. Eine Zahl, die verdeutlicht, wie variabel und unkontrollierbar der Waldverlust und wie hoch das Risiko inzwischen ist, den Kipppunkt zu überschreiten.Wissenschaftler sind sich einig: Eigentlich benötigen die betroffenen Gebiete mindestens sieben Jahre, um sich von den Folgen zu erholen. „Wenn dieser nächste El Niño also wirklich so stark ausfällt, wie erwartet, könnte dies zu gewaltigen Waldbränden führen, die sich über zuvor unvorstellbare Gebiete ausbreiten“, wird der Amazonas-Experte Bernardo Flores vom Jurua-Institut in Manaus, Brasilien, in „Nature“ zitiert.Ein Kippen des Amazonas-Regenwaldes hätte schwerwiegende Folgen und wäre weltweit spürbar. Er speichert eine Kohlendioxidmenge, die den weltweiten Emissionen von etwa 15 bis 20 Jahren entspricht. Brennen Bäume ab oder sterben und werden zersetzt, setzen sie in kurzer Zeit große Mengen des Treibhausgases wieder frei. Auf diese Weise geben einzelne Gebiete schon jetzt mehr Kohlendioxid ab, als sie speichern. Bis sich degradierte Waldgebiete wieder erholen und einen ähnlichen Artenreichtum wie Urwälder aufweisen, vergehen Jahrzehnte.Daher lohnt sich ein Blick auf die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios. Dass dieser El Niño den Regenwald tatsächlich zerstört, ist lediglich eines von vielen möglichen Szenarien und sicherlich das schlimmstmögliche. Nicht alle Experten halten es für möglich, dass ein einziges Wetterphänomen reicht, um den Kipppunkt zu erreichen. Vielmehr handele es sich um einen Schritt in diese Richtung, sagt Nico Wunderling gegenüber „Nature“. Dass dieser Entwicklung auch etwas entgegenzusetzen ist, zeigen die jüngsten Daten. Im letzten Jahr sind so wenig Waldbrände ausgebrochen wie lange nicht, weil die Bevölkerung, geschockt vom Feuerrekord 2024, engagiert dagegen vorgegangen ist. Aber eines ist wohl sicher, fasst Bernardo Flores die Situation zusammen: „El Niño wird ein echter Härtetest.“