Gegenwärtig wird viel über die Bilanz der Wiedervereinigung und auch die damit verbundenen finanziellen Lasten und Vorteile gesprochen. Gibt es in der Wirtschaftswissenschaft dazu belastbare Daten?Ehrlich gesagt: Nein. Es hat in der Vergangenheit immer wieder Versuche gegeben, die öffentlichen Finanztransfers zwischen West- und Ostdeutschland zu berechnen. Aber das ist aufgrund der Schwierigkeiten einer Regionalisierung von Zahlungsströmen schon 2005 aufgegeben worden. Hinzu kommt, dass man auch nicht seriös ermitteln kann, wie denn ein kontrafaktisches Szenario ohne Wiedervereinigung ausgesehen hätte. Klar ist, dass insbesondere in den frühen Neunzigerjahren der Westen von dem Nachholbedarf der ostdeutschen Bevölkerung profitiert hat und dass viele westdeutsche Investoren auch gute Gewinne in Ostdeutschland gemacht haben. Dem stehen aber die fiskalischen Belastungen durch Förderprogramme und Sozialausgaben gegenüber.Der Ökonom Joachim Ragnitz lehrt an der Technischen Universität Dresden und ist stellvertretender Leiter der dortigen Niederlassung des Ifo-Instituts. Er gilt als Experte für die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands und den demographischen Wandel.Patrick WelterWie stellt sich der Saldo der wirtschaftlichen Ströme zwischen West- und Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung nach Ihrer Berechnung dar?Wir haben näherungsweise berechnet, wie hoch denn der Unterschied zwischen der Binnennachfrage in Ostdeutschland und den von den Menschen dort erwirtschafteten Einkommen ist – die Differenz entspricht definitorisch den Nettozahlungen, die Ostdeutschland aus Westdeutschland und dem Ausland erhält. Im Gesamtzeitraum seit 1991 sind das knapp 1,9 Billionen Euro, die vom Westen in die ostdeutschen Flächenländer geflossen sind. Diese Summe erhöht sich auch weiterhin, im zuletzt verfügbaren Jahr 2023 kamen 47 Milliarden Euro hinzu. Dabei kann man aber nicht trennen zwischen Geldern aus öffentlichen Quellen und privaten Investitionen. Aber immerhin gibt dies eine Größenordnung an.In der Debatte wird immer wieder auf eine ältere Studie Ihres Kollegen Ulrich Blum aus Halle hingewiesen, der zu einem anderen Ergebnis gelangte. Er hat dafür die zusätzliche Wertschöpfung durch Arbeitskräfte einbezogen, die von Ostdeutschland nach Westdeutschland gezogen sind.Das ist eine ziemlich heikle Rechnung, denn wir wissen ja nicht, ob diese Wertschöpfung anderenfalls nicht auch erzielt worden wäre, sei es durch die Einstellung von westdeutschen Arbeitslosen oder durch höhere Produktivitätssteigerungen. Ich würde mir die Zahlen von Ulrich Blum ehrlich gesagt nicht zu eigen machen – aber er hat natürlich einen Punkt, wenn er sagt, dass der Westen durch die Marktchancen im Osten profitiert hat.Sind im Rückblick zurechenbare Fehler bei der Transformation der ostdeutschen Wirtschaft in den ersten Jahren nach der deutschen Einheit gemacht worden? In welchem Zustand war die Wirtschaft am Ende der DDR überhaupt?Alle ernst zu nehmenden Untersuchungen zeigen, dass die DDR-Wirtschaft jahrzehntelang auf Verschleiß gefahren wurde und deswegen unter den Bedingungen offener Märkte so oder so zusammengebrochen wäre. Die Vereinigung hat es ermöglicht, dass westdeutsche und ausländische Investoren hier neue und im Ganzen auch wettbewerbsfähige Produktionsstrukturen aufbauen konnten. Natürlich hätte man im Nachhinein manches anders machen können, so mit Blick auf die nicht immer glückliche Privatisierungstätigkeit der Treuhandanstalt, die Übertragung des überaus komplexen westdeutschen Rechtssystems auf eine Transformationsökonomie oder auch die ganzen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Aber man muss eben auch bedenken, dass es damals keine Blaupause für die Vereinigung gab und dass darüber hinaus ein unheimlicher politischer Druck bestand, den Osten ganz schnell dem Westen anzugleichen. Wenn man das berücksichtigt, haben wir die Einheit doch ganz gut hinbekommen.Wenn man den Blick nach vorn richtet: Was kann die Politik tun, um das Gefälle bei Wirtschaftskraft und Vermögen zwischen Ost und West zu verringern?Erst einmal muss man sich von der Vorstellung trennen, es gäbe „den Osten“ – es gibt strukturstärkere Regionen wie Dresden, Berlin, Jena oder Leipzig, die sich nicht mehr so stark von vielen westdeutschen Städten unterscheiden, und es gibt sehr strukturschwache, häufig ländlich geprägte Regionen, die sehr weit zurückliegen. Aber solche regionalen Unterschiede gibt es in Westdeutschland ja auch: Die norddeutschen Flächenländer liegen bei der Wirtschaftskraft auch deutlich hinter den süddeutschen Ländern zurück, und innerhalb der Bundesländer gibt es ebenfalls starke und schwache Landkreise. Man braucht sicherlich wachstumsfördernde Maßnahmen in ganz Deutschland, und die helfen dann auch – und vielleicht sogar besonders – den schwächeren Bundesländern, aber nicht unbedingt den schwächeren Landkreisen. Da muss man sich wohl damit abfinden, dass derartige regionale Disparitäten noch sehr lange bestehen bleiben. Für ein neuerliches „Sonderprogramm Ost“ sehe ich jedenfalls keinen Anlass. Die ungleiche Verteilung der Vermögen lässt sich aus meiner Sicht kurz- und mittelfristig gar nicht beseitigen. Das ginge nur durch eine massive Umverteilung von West nach Ost, indem man westdeutsche Vermögen stark besteuert und die Einnahmen dann Richtung Osten transferiert.Von welchen Zeiträumen sprechen wir hier, bis eine Angleichung bei der Wirtschaftskraft realistisch ist?Manche ostdeutschen Wachstumspole können sicherlich bald aufholen, den westdeutschen Durchschnitt haben sie zuweilen sogar schon erreicht. Die siedlungs- und wirtschaftsstrukturell benachteiligten Räume werden das vermutlich nie schaffen, ebenso wenig wie das in den strukturschwachen Gebieten Westdeutschlands der Fall ist. Deswegen wäre es besser, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und das Ziel eher im Sinne einer „Klubkonvergenz“ zu definieren, also eine Annäherung ostdeutscher Regionen an vergleichbare Landkreise im Westen. Das ist dann ein realistisches Ziel; alles andere schafft nur weitere Enttäuschung.
Ökonom Joachim Ragnitz sieht für ein neuerliches „Sonderprogramm Ost“ „keinen Anlass“
Die ungleiche Verteilung der Vermögen zwischen Ost und West lässt sich aus Sicht von Joachim Ragnitz nicht so bald beseitigen. Der Ökonom befürwortet realistische Ziele.











