Der Osten kennt eine Erfahrung, die viele westdeutsche Wohlstandsregionen lange für weit entfernt hielten: Wohlstand ist nicht selbstverständlich. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung wirkt eine alte Rollenverteilung plötzlich erstaunlich brüchig. Lange galt Ostdeutschland als der Teil des Landes, in dem wirtschaftliche Unsicherheit, Abwanderung und der Verlust industrieller Strukturen besonders tief ins gesellschaftliche Gedächtnis eingesunken sind. Der Westen dagegen stand in der öffentlichen Wahrnehmung eher für Kontinuität: starke Unternehmen, sichere Arbeitsplätze, wachsenden Wohlstand. Inzwischen werden auch dort Werksschließungen, Stellenabbau, Investitionszurückhaltung und der Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit mit einer Nervosität diskutiert, die früher häufig als ostdeutsche Befindlichkeit abgetan wurde.

Kann die Erfahrung Ostdeutschlands deshalb mehr sein als historische Last? Ist es vielleicht sogar eine Art Frühwarnsystem? Drei Stimmen aus den alten Bundesländern, die Wirtschaft aus sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen, zeichnen kein einheitliches Bild. Aber sie beschreiben eine Verschiebung: Sorgen, die viele Ostdeutsche seit Jahren kennen, erreichen inzwischen auch westdeutsche Wohlstandsregionen.