Der Wirtschaftsstandort Ostdeutschland droht aufgrund der demographischen Entwicklung und der Investitionszurückhaltung von Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen. Das ist der zentrale Befund einer Studie, die Staatsministerin Elisabeth Kaiser (SPD), die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. „Ostdeutschland hat beeindruckende Fortschritte erzielt, die Studie zeigt aber auch, dass sich der Aufholprozess verlangsamt“, sagte Kaiser wenige Tage vor dem Beginn des Ostdeutschen Wirtschaftsforums in Bad Saarow.Zu dem Spitzentreffen der ostdeutschen Wirtschaft in dem traditionsreichen Kurort vor den Toren Berlins hat sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angekündigt. Der Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026, den Kaiser im Bundesfinanzministerium vorstellte, dürfte für angeregte Debatten sorgen. Denn Studienautor Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden, sieht ohne neue Wachstumsimpulse die Gefahr, dass sich die Abstände zwischen Ost und West mit Blick auf die wirtschaftlichen Leistungsindikatoren wieder vergrößern könnten. „Der Aufholprozess ist kein Selbstläufer mehr“, sagt der Ökonom.Für den Wettbewerbsreport hat Ragnitz im Auftrag der vor zwei Jahren in Bad Saarow gegründeten Unternehmerinitiative Saarower Kreis rund 250 Kennzahlen zur wirtschaftlichen Aktivität in Ost und West verglichen. Sein Fazit: „Wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern, droht der Abstand wieder zu wachsen.“Investitionsschwäche und rückläufige ErwerbsbevölkerungBesonders kritisch für die Zukunftsaussichten bewertet Ragnitz die Investitionen der Unternehmen je Einwohner in Ostdeutschland. Sie erreichten in den Jahren 2019 bis 2023 drei Viertel des westdeutschen Niveaus. Die demographische Entwicklung stellt den Osten ebenfalls vor große Herausforderungen. „Mit einer rückläufigen Erwerbsbevölkerung wird es schwer, das Wachstumstempo aufrechtzuerhalten“, sagt Ragnitz.Die Ostbeauftrage der Bundesregierung fordert deshalb eine Stärkung des Wirtschaftsstandorts. „So fördern wir den wirtschaftlichen Erfolg des gesamten Landes“, betonte Kaiser. Investitionen in den Osten seien die Voraussetzung für wirtschaftliche Sicherheit und für Zukunftsperspektiven vor Ort. „Das festigt den Zusammenhalt und damit auch unsere Demokratie“, sagte sie. Nicht nur die Unternehmen sollten mehr investieren. „Wir müssen massiv in Bildung gehen, Forschung und Entwicklung fördern und den Technologietransfer in die Wirtschaft stärken“, sagte Kaiser.Eine Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey im Auftrag der Standortinitiative Land der Ideen und der Deutschen Kreditbank unter rund 1500 ostdeutschen Unternehmern und anderen Entscheidungsträgern aus der Privatwirtschaft legt nahe, dass ihre Investitionszurückhaltung anhalten dürfte. Denn ein Viertel der Befragten gibt an, in den nächsten drei Jahren gar keine Investitionen zu planen. Ein weiteres Viertel plant demnach Investitionen auf dem aktuellen Niveau.Regierungswechsel sorgt für keinen neuen SchwungDer Bundesregierung ist es demnach noch nicht gelungen, im Osten für neuen Schwung zu sorgen. Gut die Hälfte der Befragten wartet nach eigenen Angaben noch auf positive Effekte der jüngsten wirtschaftspolitischen Maßnahmen aus Berlin, und 28 Prozent sehen für ihr Unternehmen überhaupt keine relevanten Weichstellungen seit dem Jahresbeginn. Im Vorjahr hatten kurz nach dem Regierungswechsel immerhin fast 40 Prozent der von Civey befragten Entscheider angegeben, dass sie der neuen Bundesregierung zutrauen, für Wachstumsimpulse zu sorgen.Im Rahmen des Ostdeutschen Wirtschaftsforums werden neben Bundeskanzler Friedrich Merz und der Ostbeauftragten Elisabeth Kaiser auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) versuchen, Impulse zu setzen. Eröffnet wird die dreitägige Konferenz am Sonntag von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident, Sven Schulze (CDU), machen drei Monate vor den Landtagswahlen in ihren Ländern ebenfalls in Bad Saarow Station.Die wirtschaftliche Entwicklung in den beiden Flächenländern sorgt für wenig Rückenwind im Wahlkampf. „Beide Länder liegen im Vergleich ziemlich weit hinten, das kann man aber nicht den aktuellen Landesregierungen anlasten“, sagt der Ökonom Joachim Ragnitz. Um dem Wachstum neuen Schwung zu verleihen, müssten auch hier die Investitionen steigen. Als Ausgleich für die sinkende Zahl der Menschen im Erwerbsalter seien außerdem große Produktivitätsfortschritte nötig, sagt Ragnitz.Bis 2035 sinkt die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Ostdeutschland um rund sieben Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind es laut Prognosen des Statistischen Bundesamts sogar mehr als zehn Prozent. Mit einer gezielten Förderung von Technologietransfers aus der Forschung könnte im ostdeutschen Mittelstand Abhilfe geschaffen werden. „Damit könnte die strukturelle Innovationsschwäche ostdeutscher Unternehmen überwunden werden“, sagt Ragnitz.
Joachim Ragnitz warnt: Droht Ostdeutschland der wirtschaftliche Rückschritt?
Die Aufholjagd der ostdeutschen Wirtschaft ist schon lange erlahmt. In der Krise setzen strukturelle Probleme dem Wirtschaftsstandort besonders zu. Nun droht der Abstand zwischen Ost und West wieder zu wachsen.










