Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum in Bad Saarow bietet seit Jahren eine Gelegenheit, der Wirtschaft im Osten den Puls zu fühlen. Im Mittelpunkt stehen meist die Erfolgsgeschichten in Verbindung mit der Erörterung von Wegen, die Wettbewerbsfähigkeit weiter zu steigern. In diesem Jahr sorgte ein unter maßgeblicher Beteiligung des Forumsgründers Frank Nehrung und der Dresdner Dependance des Ifo-Instituts erstellter Bericht mit der These „Der Aufholprozess ist in Gefahr“ für besondere Aufmerksamkeit. Er thematisiert strukturelle Schwierigkeiten, die zu deren Überwindung eine kurzatmige Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht beitragen kann. Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung können Entscheidungen wie die rasche deutsch-deutsche Währungsunion und die Arbeit der Treuhand nicht länger als ausschlaggebend für die Malaisen benannt werden, auch wenn sie nachwirken mögen. Geblieben ist eine schwierige Lage zwischen einem teuren, aber häufig produktiven Westdeutschland und einem deutlich billigeren Osteuropa, in dem zahlreiche westliche Unternehmen produzieren, um ihre Durchschnittskosten zu senken.Die ostdeutsche Automobilindustrie mit ihrem Schwerpunkt in Sachsen zählt rund 50.000 direkt Beschäftigte und 200.00o Beschäftigte in Zuliefererbetrieben. Sehr viel mehr Menschen arbeiten in den osteuropäischen Ländern.85 Prozent des westdeutschen NiveausAnsiedlungen von Hochtechnologie in Ostdeutschland wirken ein wenig wie – zum Teil stattliche – Inseln in einer sehr heterogenen Region. Auf Sachsen („Silicon Saxony“) entfällt immerhin rund ein Drittel der gesamten europäischen Chip-Produktion. In einzelnen ostdeutschen Landkreisen wie in Jena, im Saalekreis sowie in den Landkreisen Spree-Neiße, Dahme-Spreewald und Uckermark übertrifft die Wirtschaftskraft den gesamtdeutschen Durchschnitt.Insgesamt betrachtet liegt die durchschnittliche ostdeutsche Wirtschaftsleistung je Kopf bei 85 Prozent der westdeutschen Wirtschaftsleistung. Das klingt annehmbar, aber in den vergangenen Jahren ist der Aufholprozess zu einem Halt gekommen. Nach dem Lehrbuch müssen sich die Ursachen des ostdeutschen Rückstands in einer Analyse der Produktionsfaktoren der Wirtschaft finden lassen.„Im Osten wird zu wenig in Unternehmen investiert“, postuliert der in Bad Saarow diskutierte Bericht. In der für die Produktivität wichtigen Bildung von Sachkapital durch Anlageinvestitionen existiert ein Defizit gegenüber dem Westen. „Auch gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen liegen die Unternehmensinvestitionen deutlich – um etwa 25 Prozent – hinter Westdeutschland zurück“, ist mit Blick auf den Zeitraum von 2019 bis 2023 zu lesen. „Dies zeigt, dass Unternehmen in Ostdeutschland viel zu wenig investieren, um stärkere Produktivitätssteigerungen realisieren zu können – geschweige denn, ein höheres Wirtschaftswachstum durch Verbreiterung der produktiven Basis zu erreichen.“Kleinteilig strukturiertVon einer „garstigen Lücke“ spricht das IWH – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Die nicht genügend ausgeprägte Fähigkeit ostdeutscher Unternehmen, aus eigener Kraft zu wachsen, begründet das Institut mit politischen Entscheidungen nach der Wiedervereinigung und der Abwanderung talentierter Arbeitskräfte in den Westen, einer dauerhaften Subventionierung unproduktiver Strukturen sowie „einem Mangel an Entrepreneurship, der sich aus dem Fehlen von Kapitalreserven und der Erfahrung des Systembruchs erklären lässt“. Das Fehlen von Kapitalreserven erklärt die Bad Saarower Studie mit einer Vermögenslücke zwischen West und Ost. „Immobilien, Betriebsvermögen sowie kapitalmarktnahe Anlagen sind in Ostdeutschland deutlich seltener vertreten“, heißt es. Die Gründe für die niedrigeren Unternehmervermögen lägen auf der Hand. Die ostdeutsche Unternehmenslandschaft sei vielfach kleinteiliger strukturiert, große eigentümergeführte Betriebe seien seltener und historisch bedingt hätten sich über Generationen gewachsene Unternehmensvermögen kaum herausbilden können. Die geringeren Betriebsgrößen und die schwächere Investitionsneigung tragen zum Rückstand bei Ausgaben für Forschung und Entwicklung bei, der sich abträglich auf die Innovationstätigkeit auswirkt. Die Schwäche zeige sich auch in einem Vergleich der Patentleistungen, wo die ostdeutschen Flächenländer bei rund 20 Prozent der westdeutschen Patentzahl je Einwohner stagnierten, heißt es in einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft. Die geringere Quote der in Forschung und Entwicklung tätigen Mitarbeiter an der Gesamtzahl des Personals erkläre sich „auch dadurch, dass etwa drei Viertel der in Forschung und Entwicklung tätigen Kräfte in der Wirtschaft in größeren Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten tätig sind, von denen es in den östlichen Ländern nur wenige gibt“. Besser sieht es immerhin aus, wenn die an Universitäten und Instituten tätigen Forscher und Entwickler in die Berechnung aufgenommen werden.Zu wenige AkademikerZu den Nachteilen aus zu niedrigen Investitionen und dem Manko bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung tritt ein demografisch bedingter Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung, der im Osten schneller voranschreitet als im Westen und besonders stark die Bevölkerungen in Sachsen-Anhalt und in Thüringen trifft. Nach wie vor verlassen zudem vor allem jüngere Menschen aus beruflichen Gründen den Osten. „Um dies auszugleichen, wäre eine höhere Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland nach Ostdeutschland erforderlich, wovon aktuell jedoch nicht auszugehen ist“, bemerkt die in Bad Saarow vorgestellte Studie.Hilfreich wäre es, Beschäftigten eine bessere Qualifikation zukommen zu lassen, denn das hochproduktive Arbeitsangebot wird knapp: „Mit Blick auf das Qualifikationsniveaus der Beschäftigten muss leider konstatiert werden, dass die ostdeutschen Flächenländer einen vergleichsweise niedrigen Anteil an Beschäftigten mit akademischem Berufsabschluss aufweisen.“An Vorschlägen für wirtschaftspolitische Initiativen fehlt es nicht. Was sie vermutlich nicht vermögen, ist die Änderung von historisch eingeprägten Verhaltensweisen. „Unverhältnismäßige Risikoscheu, Misstrauen gegenüber Innovationen und der Zukunft im Allgemeinen sind starke Grundströmungen, die auch an die nächste Generation weitergegeben werden, die die DDR-Zeit nicht mehr selbst erlebt hat.Entrepreneurship ist im Osten selbst bei den nach 1980 Geborenen deutlich seltener zu beobachten. Die Komfortzone wird der Innovation und der Möglichkeit persönlichen Wachstums vorgezogen“, schreibt das IWH-Institut. „Vielleicht ist dies das schwerste Erbe der Mauer.“Der Aufholprozess ist in Gefahr. Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026. Herausgegeben von Frank Nehring, Achim Oelgarth und Joachim Ragnitz. Hier geht es zur Analyse.