Trotz Überlastung und Bedeutungsverlust: Die Parteien wachsen wiederDie Kantonalparteien sind für alles zuständig, haben kaum Ressourcen und kämpfen um ihr Prestige. Doch Corona und die geopolitische Unsicherheit verhelfen ihnen zu neuen Mitgliedern.Roger Blum04.09.2026, 16.09 Uhr7 LeseminutenNoch heute verfügen die Kantonalparteien quasi über eine «Allzuständigkeit».Christian Beutler / KeystoneAm 11. September wollen die Grünen eine Sektion Appenzellerland gründen, eine Kantonalpartei für Innerrhoden und Ausserrhoden. Bisher waren die Grünen nur in 23 Kantonen vertreten, ganz im Unterschied zu den Bundesratsparteien FDP, Mitte, SVP und SP, die in sämtlichen 26 Kantonen verankert sind. Historisch standen am Anfang der Parteien in der Schweiz nicht die nationalen Formationen, sondern kantonale.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vorläufer wie 1831 der Schutzverein im Kanton Bern, 1833 der Patriotische Verein in Baselland, 1834 der Oberegger Verein im Kanton St. Gallen und 1840 der Ruswiler Verein im Kanton Luzern führten später zu kantonalen Organisationen der Freisinnigen und der Konservativen. Die Sozialdemokraten hatten bereits in den 1860er Jahren Vorläufer in kantonalen Arbeitervereinen. Auch der Parteiauftritt der Bauern und Gewerbetreibenden nach dem Ersten Weltkrieg und jener der Grünen in den siebziger Jahren begannen in einzelnen Kantonen.Noch heute verfügen die Kantonalparteien quasi über eine «Allzuständigkeit»: Sie bestimmen die Kandidatinnen und Kandidaten für die Kantonsregierungen, für den Nationalrat und für den Ständerat, spuren also auch die Zusammensetzung des eidgenössischen Parlaments vor. Sie führen vor Ort nicht nur die kantonalen, sondern auch die eidgenössischen Wahlkämpfe. An ihnen hängt viel. Und zeitweise müssen sie auch erhebliche personelle Dissonanzen bewältigen, wie die Genfer FDP mit Staatsrat Pierre Maudet, die Tessiner Lega mit Staatsrat Claudio Zali, die Waadtländer Mitte mit Staatsrätin Valérie Dittli oder die Zürcher SP mit Ständerat Daniel Jositsch.Die Bundesebene ist wichtiger gewordenDoch die Kantonalparteien haben ein Mobilisierungsproblem. Früher spielte sich das politische Leben vor allem in den Kantonen ab. Heute werden die wichtigen Weichen auf Bundesebene gestellt. Die Bevölkerung nimmt daher die Bundespolitik stärker wahr als die Politik auf Kantonsebene. Die Bürger kennen die Bundesräte, und dank Sendungen wie «Arena» oder «Infrarouge» erleben sie auch die nationalen Parteipräsidenten immer wieder. Das entsprechende Personal in den Kantonen (vor allem in den grösseren) ist ihnen viel weniger bekannt.So ist die Stimmbeteiligung bei kantonalen Urnengängen, die nicht mit eidgenössischen Abstimmungen gekoppelt sind, regelmässig ziemlich niedrig. Eine Rolle spielt dabei auch der Medienwandel: Die Parteiblätter sind längst verschwunden, die Vielfalt des Medienangebots in den Kantonen hat abgenommen, und ein grosser Teil der Menschen nutzt Medien nur noch sporadisch und selektiv.Die Kantonalparteien sind auch weniger schlagkräftig als die Bundesparteien. Während die nationalen Parteizentralen ziemlich gut dotiert sind (natürlich im Vergleich etwa zu Deutschland immer noch bescheiden), müssen sich die Kantonalparteien oft mit Teilzeit-Parteisekretariaten begnügen. Sie können auch ihre Spitzenleute kaum entschädigen. Für sie gilt noch voll das Milizsystem: Viele Aufgaben werden ehrenamtlich ausgeübt, Freiwillige sind nötig.Und diese Freiwilligen müssen deutlich mehr Volksabstimmungen stemmen als die nationalen Parteizentralen. Zu den 29 eidgenössischen Abstimmungsvorlagen in den letzten vier Jahren kamen beispielsweise in den Kantonen Zug und Freiburg jeweils noch 12 kantonale hinzu, im Kanton Solothurn sogar 24. Das fordert die Kantonalparteien.Ansehnliche MitgliederzahlenWie es um die Verankerung an der Basis steht, zeigt eine Erhebung bei 19 Parteisektionen in den Kantonen Zug, Freiburg und Solothurn. Zug wählt am 4. Oktober den Kantonsrat, den Regierungsrat und die Gemeinderäte, Freiburg bestimmt am 8. und 29. November den Grossen Rat, den Staatsrat und die Oberamtleute. Der Kanton Solothurn wiederum gilt als eidgenössischer Durchschnittskanton: Das Solothurnervolk stimmt häufiger als das Volk anderer Kantone mit der eidgenössischen Mehrheit. Die Abweichung vom Bundesresultat betrug bei den letzten elf Abstimmungen stets weniger als fünf Prozent, meist um ein Prozent herum. Solothurn gehört zu den schweizerischen «Swing States».Wie die Erhebung zeigt, verfügen vor allem die bürgerlichen Parteien über ansehnliche Mitgliederzahlen: rund 4000 die FDP Freiburg wie auch die Mitte Freiburg, 3400 die SVP Freiburg, 3000 die FDP Solothurn, 1800 die FDP Zug, 1500 die Mitte Zug, 1500 die SVP Solothurn. Die SP ist stark in Solothurn mit 1780 Mitgliedern und in Freiburg mit 1090, zählt aber in Zug nur 330 Eingeschriebene. Die Grünen stützen sich in Freiburg auf 420 Personen, in Solothurn und Zug auf je 400, die Grünliberalen in Freiburg auf 150, in Zug auf 120 und in Solothurn auf 100. Das Centre gauche in Freiburg, die ehemaligen Christlichsozialen, spricht von mehreren hundert Mitgliedern.Misst man die Mitgliederzahlen aller Parteien jedes Kantons an der Zahl der Stimmberechtigten, dann ergibt sich ein Anteil von rund 5 Prozent. Vor allem vor der Einführung des Frauenstimmrechts war der Anteil höher; da lag er bei 10 Prozent. Doch den Parteien ging es wie den Kirchen: Die grösste Gruppe ist mittlerweile jene der Parteilosen. Allerdings stützen sich alle Parteien zusätzlich auf Sympathisanten, die nicht Mitglieder sind, aber die jeweilige Partei wählen oder sie auch mit Spenden unterstützen.Spenden, Mandatssteuern, SolidaritätsbeiträgeGeld brauchen die Kantonalparteien vor allem für die kantonalen und eidgenössischen Wahlkämpfe. In den Jahren ohne Wahlen machen sie Rückstellungen für die Wahljahre. Wie finanzieren sie sich? Und wie gross sind ihre Budgets? Einzelne bürgerliche Parteien machen keine Angaben.Die Mitte im Kanton Zug verfügt in einem Jahr ohne Wahlen über etwa 120 000 Franken, die zu einem Drittel aus den Mitgliederbeiträgen und zu zwei Dritteln aus den Beiträgen der Amtsträger (Regierungsräte, Kantonsräte, Nationalrat, Ständerat, Richter) sowie aus Spenden kommen. Die SP im Kanton Solothurn rechnet dieses Jahr mit 535 000 Franken, wovon fast die Hälfte aus den Solidaritätsbeiträgen stammt.Mitglieder der SP zahlen ihrem Einkommen entsprechend neben dem (niedrigen) Mitgliederbeitrag einen Solidaritätsbeitrag. Wer beispielsweise ein steuerbares Einkommen von 100 000 Franken aufweist, liefert 1000 Franken ab. Die Mitgliederbeiträge machen ein Viertel des Budgets aus. Kleinere Anteile liefern die Beiträge der Amtsträger, Spenden sowie der im Kanton Solothurn gesetzlich vorgesehene Staatsbeitrag an die Kantonsratsfraktion. Dank den Solidaritätsbeiträgen verfügt die SP über ein ziemlich grosses Budget.Auch im Kanton Freiburg ist das so. Dort haben die linken Parteien durchgesetzt, dass die Parteifinanzen veröffentlicht werden müssen. Auf der Website des Kantons lassen sich die Zahlen für 2024 nachlesen. Danach hatte die SP 277 000 Franken zur Verfügung, vor der FDP mit 174 000 Franken. Das kleinste Budget hatte das Centre gauche mit 30 000 Franken. Alle Parteien ausser der SP und den Grünliberalen wiesen einen Gewinn aus. Auch im Kanton Freiburg erhalten die Parteien einen Staatsbeitrag für ihre Wahlversände und für die Fraktionen.Besonders gefordert sind die Kantonalparteien, wenn Wahlkämpfe bevorstehen. In die diesjährigen Zuger Wahlen ziehen die Mitte mit 220 000 Franken, die Grün-Alternativen mit 200 000 Franken, die Grünliberalen mit 120 000 Franken und die SP mit 67 000 Franken. Die Zuger Grün-Alternativen haben vermögende Einzelspender hinter sich. Vor den Wahlen machen FDP und SVP keine Angaben, nach den Wahlen müssen indes alle Zuger Parteien über die Wahlkosten öffentlich Rechenschaft ablegen.Im Kanton Freiburg sieht es für den Wahlkampf ein wenig anders aus: Die SP kann über 200 000 Franken einsetzen, die Grünen wenden 105 000 Franken auf, die SVP hingegen nur 80 000 Franken, aber die FDP 205 000 Franken. Die Mitte hat ihr Budget noch nicht bekanntgegeben.Ohne Idealismus geht es nicht. Schirme an der Delegiertenversammlung der Grünen in Olten (25. März 2023).Urs Flüeler / KeystoneFester Bestand an FreiwilligenTeure Wahlkämpfe müssen die Kantonalparteien zweimal innerhalb von vier (in Solothurn und Zug) oder fünf Jahren (in Freiburg) bestreiten: einmal für Parlament und Regierung im Kanton, einmal für National- und Ständerat. So bleibt wenig Geld für Abstimmungskämpfe übrig.Die Kantonalparteien wählen daher aus und engagieren sich nur mit einer eigenen Kampagne bei jenen Themen, die ihnen besonders wichtig sind. Auch dafür brauchen sie Freiwillige, die Plakate aufhängen, Flyer verteilen, soziale Netzwerke bespielen und an Ständen präsent sind. Fast alle Parteien berichten, dass sie sich zuverlässig auf solche Freiwilligen stützen können. Es gebe «einen engagierten und verlässlichen Kern», bemerkt die FDP Solothurn, man habe innerhalb der Partei «kein Mobilisierungsproblem», wie die Zuger Grün-Alternativen feststellen. Einzig die Grünliberalen und das Freiburger Centre gauche weisen auf eine gewisse Mühe mit der Rekrutierung hin. Bei der Mitte Freiburg variiert das Engagement von Ortspartei zu Ortspartei, je nach Organisationsgrad.Fast ausnahmslos sind die Parteien zufrieden, ja begeistert, wie gut es ihnen gelungen ist, Kandidatinnen und Kandidaten für Parlament und Regierung zu finden. Nur die SVP Freiburg gesteht, dass es schwierig war, und die SP Zug weist darauf hin, dass sie in kleinen konservativen Gemeinden nicht so leicht die nötigen Personen finde, da man sich dort mit einer Kandidatur stark exponiere.Wer im Kanton Solothurn eine Partei präsidiert, erhält eine kleine Entschädigung, «aber sie deckt natürlich den Aufwand nicht», sagt die Kantonsrätin und Anwältin Sabrina Weisskopf, die an der Spitze der FDP steht. «Man ist Ansprechperson für alles. Man muss immer wieder zwischen den verschiedenen Positionen und Interessen innerhalb der Partei vermitteln. Man muss die Ressourcen freischaufeln, um notfalls rasch reagieren zu können.» Sie schätzt den Aufwand auf 20 Prozent ihrer Arbeitszeit ein.Die FDP, die früher im Kanton Solothurn eine dominierende Stellung hatte, jetzt aber nur noch eine von vier grösseren Parteien ist, muss immer wieder Allianzen schmieden, denn «Mehrheiten schaffen wir nur gemeinsam», hält Weisskopf fest.Regierungsräte sind keine HilfeDie Solothurner Nationalrätin und Lehrerin Laura Gantenbein ist Co-Präsidentin der Grünen in ihrem Kanton. Sie wendet ebenfalls etwa 20 Prozent ihrer Arbeitszeit für das Parteiamt auf. Dazu gehören nicht nur Sitzungen und Medienauftritte, sondern auch Besuche bei Sektionen. Sie sei deshalb viel unterwegs. «Es ist wichtig, am Puls der Leute zu sein», sagt sie. Die Entschädigung, die sie für das Co-Präsidium erhalte, reiche gerade, um die Spesen zu decken.Ohne Idealismus geht es nicht. Da setzt auch der Freiburger Grossrat und Mitte-Vizepräsident Bernhard Altermatt an, wenn er sagt, «dass der Druck innerhalb des kantonalen Demokratie- und Politikbetriebes massiv zugenommen hat und die Parteien immer wieder an die Grenzen der Leistungsfähigkeit im Milizzustand bringt». Die Vergütung für Parlamentarier sei gerade in mittelgrossen Kantonen ungenügend. Und die vollamtlichen Regierungsräte seien wegen ihrer Belastung im Amt für die Parteien keine Hilfe.Der Politologe Hans-Peter Schaub von der Universität Bern befasst sich systematisch mit den Parteien in der Schweiz. Noch vor Ende Jahr wird er für das «Année politique suisse» den Parteienatlas aufschalten, der frei zugänglich Daten zur Geschichte und Gegenwart von über 400 nationalen und kantonalen schweizerischen Parteien enthält. Man wird da Wahlergebnisse teilweise bis zurück ins 19. Jahrhundert finden, Steckbriefe, Mitgliederzahlen, Programme, Personen. Schaub sagt: «Der Trend ist, dass die Mitgliederzahlen der Parteien seit etwa 2020 wieder wachsen.» Die Pandemie, die Polarisierung, Trump und überhaupt die internationale Lage trügen dazu bei. «Die Relevanz der Politik wird von den Leuten erkannt», stellt Schaub fest.
Krise als Chance: Warum die Schweizer Parteien plötzlich wieder wachsen
Die Kantonalparteien sind für alles zuständig, haben kaum Ressourcen und kämpfen um ihr Prestige. Doch Corona und die geopolitische Unsicherheit verhelfen ihnen zu neuen Mitgliedern.








