«Wir sind nicht bürgerlich, wir sind liberal»: Die Zürcher GLP positioniert sich für die Wahlen – und nimmt dabei vor allem eine Partei ins VisierDie Ambitionen sind gross, die bisherigen Erfolge weniger: Bei den jüngsten Gemeindewahlen hat die GLP jeden fünften Sitz verloren.10.08.2026, 05.00 Uhr6 LeseminutenDie Zürcher Grünliberalen sehen sich als liberale Fortschrittspartei.Karin Hofer / NZZDie Zürcher Grünliberalen haben schwierige Monate hinter sich. Die einst so erfolgsverwöhnte Partei hat sich bei den Kommunalwahlen Anfang Jahr eine blutige Nase geholt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In elf von dreizehn Zürcher Gemeindeparlamenten hat die GLP Sitze verloren. In einem Rat blieb ihre Delegation unverändert und in einem einzigen hat sie zugelegt. Insgesamt hat die Partei fast jeden fünften Sitz eingebüsst. Sie hält jetzt noch 57 Mandate, 12 weniger als vorher.Besser lief es bei den Wahlen in die Gemeinde- und Stadtregierungen. Dort hat die GLP 6 Mandate gewonnen, sie kommt nun auf 52. Gerade in den grossen Gemeinden hat die Partei aber gelitten: In Winterthur, Illnau-Effretikon und Schlieren ist sie aus dem Stadtrat ausgeschieden. In Dübendorf hat sie eines von zwei Mandaten verloren, und zwar den symbolträchtigen ehemaligen Sitz des GLP-Urgesteins Martin Bäumle. Dafür hat sie in Kloten, Uster und Wetzikon je einen Sitz geholt.Die GLP will drittstärkste Kraft werdenDas Vertrauen der Zürcher Stimmbürger in die GLP hat offensichtlich an vielen Orten gelitten. Das ist eine schwierige Ausgangslage für das Superwahljahr 2027. Im Frühling wählt der Kanton ein neues Parlament und eine neue Regierung. Und im Herbst sind nationale Wahlen.Nora Ernst.PDNora Ernst ist Co-Präsidentin der kantonalen GLP. Sie will mit ihrer Partei trotz den Rückschlägen auf kommunaler Ebene zwei grosse Ziele erreichen, wie sie der NZZ sagt. Erstens: Die GLP soll im Kantonsparlament von 24 auf 27 Sitze wachsen und dabei die FDP überholen. Die GLP würde mit diesem Sprung hinter der SVP und der SP zur drittstärksten Kraft. Zweitens, und hier wird es für die Co-Präsidentin persönlich: Die GLP will in den Regierungsrat einziehen – mit Nora Ernst als Kandidatin.In Bern wiederum will die Partei ihren Ständeratssitz mit Tiana Moser verteidigen. Und im Nationalrat will sie von 4 auf 5 oder besser 6 Sitze wachsen.Ernst hat an der ETH Umweltnaturwissenschaften studiert und ist beim Versicherungskonzern Swiss Re als Risikomanagerin tätig. Die 39-Jährige sitzt im Winterthurer Stadtparlament. Im Gespräch streicht sie ihre Wirtschaftskompetenz hervor. Sie habe ein tiefes Verständnis für komplexe Herausforderungen und Führungserfahrung. Sie sagt, sie wolle in ihrer Kampagne die Wirtschaft und die Standortpolitik ins Zentrum stellen. Das Vertrauen in die Wirtschaft schwinde. Es brauche neue, glaubwürdige Stimmen.Rein arithmetisch hätte die Partei Anrecht auf einen Sitz in der Kantonsregierung. Ihr Wähleranteil ist mehr als doppelt so gross wie jener der Mitte, und diese ist seit vielen Jahren mit Silvia Steiner im Regierungsrat vertreten, die auf eine weitere Amtszeit verzichtet.Die Mandate werden allerdings nicht nach dem Wähleranteil im Parlament vergeben, sondern nach der Beliebtheit der Kandidatinnen und Kandidaten. Und auf dieser Skala hat die GLP bis jetzt nicht reüssiert. Die Partei hat in Zürich noch nie eine Wahl in die Kantonsregierung geschafft.Gleichzeitig sind die Chancen für die GLP grösser als 2023. Damals traten alle sieben Bisherigen wieder an, was es für Aussenstehende schwierig machte, einen Sitz zu erobern. Vier Jahre später werden vier, vielleicht sogar fünf Sitze frei.Viertstärkste Partei im KantonsratDie GLP, 2004 im Kanton Zürich gegründet, versteht sich als klassische Zentrumsbewegung: weder eindeutig links noch eindeutig rechts. Sie stimmt mal mit dem einen Lager, mal mit dem anderen.Dieser Zickzackkurs hat in den letzten Jahren gut funktioniert. Im Kantonsparlament sind die Mehrheiten der Polparteien und ihrer Adlaten so klein, dass nur wenige Stimmen den Unterschied zwischen Erfolg und Niederlage ausmachen. Und diese Stimmen kann die GLP liefern. Wer die GLP auf seiner Seite weiss, hat gute Chancen, im Parlament mit einem Geschäft durchzukommen.Filippo Leutenegger, der Präsident der kantonalen FDP, bestätigt dies. Er sagt, dass die GLP eine wichtige Partnerin sei. Angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse spiele sie oft das Zünglein an der Waage. Ein Nachteil sei, dass sie politisch wenig greifbar sei. «Oft ist weder bei der Partei noch bei der Fraktion absehbar, wie sie am Ende entscheiden wird. Ich habe den Eindruck, dass der GLP der Kompass fehlt.»Tobias Weidmann, der Fraktionschef der SVP im Kantonsparlament, hat mit dem Kurs der Partei ebenfalls Mühe: «Die GLP ist für uns keine verlässliche Partnerin für eine konsequent liberale und bürgerliche Politik. Im Kantonsrat stimmt sie mehrheitlich mit der Klimaallianz. In einzelnen Dossiers arbeitet sie zwar auch mit dem bürgerlichen Lager zusammen. Insgesamt ist sie jedoch schwer berechenbar.»Diese Einschätzung hört man auch von links, einfach mit umgekehrten Vorzeichen. Thomas Forrer ist der Fraktionschef der Grünen im Kantonsparlament. Er sagt: «Die Zusammenarbeit in ökologischen Fragen ist gut – wenn auch der GLP immer wieder einmal das L im Weg steht, besonders dann, wenn’s um die Finanzierung geht.» Forrer vermutet, dass dies mit ein Grund dafür sei, warum die GLP bisweilen lange brauche, um in Einzelgeschäften eine Position zu erlangen. «Oft erfahren wir erst kurz vor der Einreichung, ob die GLP einen Vorstoss mitträgt oder nicht», sagt er.«Wir sind an Lösungen zwischen den beiden Polen interessiert», sagt die GLP-Fraktionschefin Christa Stünzi. «Bei vielen Geschäften müssen wir aber unsere Haltung in der Fraktion noch entwickeln.»Auf die Frage, wo sich ihre Partei von den Grünen unterscheidet, antwortet Nora Ernst: «Namentlich in Wirtschaftsfragen. Wir haben grosse Mühe mit dem linken Narrativ der bösen Wirtschaft.» Christa Stünzi ergänzt, es brauche die Wirtschaft, um die grossen ökologischen Herausforderungen wie den Klimawandel anzugehen. «Der Reflex der Linken ist: Wenn es der Staat macht, wird es besser. Diese Haltung teilen wir ganz und gar nicht.»Den Vorwurf, dass die GLP eine unzuverlässige Partnerin sei, weil sie mal so, mal so abstimme, weist sie zurück. «Jede Partei weiss ganz genau, wo es zwischen ihnen und der GLP Gemeinsamkeiten gibt und wo nicht», sagt Stünzi. Sich selbst grenzt die GLP in einem wichtigen Punkt von der FDP und der SVP ab: «Wir sind nicht bürgerlich», sagen die beiden GLP-Kaderfrauen, «wir sind liberal.»Liberal à la GLPDieses Selbstverständnis der Zürcher Grünliberalen reicht so weit, dass sie sich sogar als «die liberalste Partei für ein gutes Morgen» bezeichnen. Der Slogan zielt direkt auf die Urmutter der liberalen Bewegungen, die FDP: Wenn die GLP am liberalsten ist, dann muss der Freisinn weniger liberal sein. Es ist eine Kampfansage.Der FDP-Chef Leutenegger weist diesen Führungsanspruch der GLP zurück. «Die Grünliberalen sind zwar gesellschaftsliberal, aber selten wirtschaftsliberal. Hin- und hergerissen zwischen liberal und Umwelt stimmen sie zu oft mit den Linken und Grünen.» Zwar spreche sich die GLP punktuell für Steuersenkungen aus. In vielen anderen, vor allem wirtschaftlichen Fragen aber entscheide sich die Partei oft gemeinsam mit den Linken für mehr Regulierung und mehr Staat.Was also heisst liberal nach dem Verständnis der GLP? Nora Ernst erklärt es so: «Wir machen eine Wirtschafts- und Standortpolitik, die auf das Wir fokussiert ist und nicht auf das Ich. Wir denken an das volkswirtschaftliche Ganze.»Im Gegensatz zur FDP habe die GLP keine Angst vor Veränderungen. Man stelle Althergebrachtes viel eher infrage. Christa Stünzi nennt ein Beispiel: «Bei Diskussionen um das Opernhaus heisst es bei der FDP sehr schnell und reflexartig: Das ist eine gestandene Institution, die es zu erhalten gilt.» Die GLP sei nicht per se gegen das Opernhaus. «Aber wir wollen darüber diskutieren, wie viel Geld dafür sinnvoll ist.»Ein weiteres Beispiel ist laut Nora Ernst die Frage der Kita-Förderung. Die FDP wolle einfach möglichst wenig Staat. Die GLP hingegen wolle Anreize setzen, um die Erwerbstätigkeit der Mütter zu erhöhen. Das komme der Wirtschaft nämlich auch stark zugute. Die FDP ist nach der Bewertung der GLP eine freiheitlich-konservative Partei, sie selbst ist eine freiheitlich-progressive.Stellt sich nur noch die Frage, welche Ausrichtung bei den Stimmbürgern besser ankommt.Passend zum Artikel
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