Interview«Je weniger der Körper bei der Arbeit zählt, desto mehr wird er zum Statussymbol», sagt der SportsoziologeSeit einem Vierteljahrhundert erforscht Markus Lamprecht, wie die Schweiz Sport treibt. Er erklärt, warum ihn das Wort «Vereinssterben» nervt – und weshalb Pumpen das neue Turnen ist.04.09.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenIm August fand in Luzern die 15. Seeüberquerung statt. Schwimmen gehört in der Schweiz zu den beliebtesten Sportarten. Ein Viertel der Bevölkerung tut es regelmässig.Philipp Schmidli / CH MediaFrage: Herr Lamprecht, haben Sie heute schon Sport gemacht?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Tatsächlich. Am Morgen trainierte ich zu Hause mit leichten Gewichten und dehnte mich. Früher lief ich Marathons und absolvierte Triathlons. Inzwischen nehme ich an keinen Wettkämpfen mehr teil, treibe aber fast jeden Tag Sport, meistens draussen in der Natur.Frage: Ältere Menschen sind hierzulande am sportlichsten. Mit 68 zählen Sie laut der Studie «Sport Schweiz 2026» zur aktivsten Altersgruppe des Landes. Als Co-Autor sind Sie ein gutes Beispiel für dieses Studienergebnis.Antwort: Ich passe ziemlich gut ins Raster unserer Studie. Wir haben in den vergangenen Jahren einen Sportboom beobachtet. Der Sport ist vielfältiger geworden und erfasst heute mehr Menschen, die sich dafür begeistern können. Das betrifft vor allem auch ältere Menschen, insbesondere ältere Frauen.Frage: In der Schweiz wähnt man sich oft in einem Land der Sportfanatiker. Ihre Studie bestätigt diesen Eindruck. Die Schweiz gehört neben Finnland und Schweden zu den sportlichsten Ländern Europas. Warum?Antwort: Vor unserer Haustüre liegt ein Outdoor-Sportparadies. Wir haben nicht nur schöne Berge und Wälder, sondern auch ein exzellentes Netz von Wanderwegen und Velorouten, Seen, in denen man schwimmen kann. Dazu kommen eine grosse Vereinslandschaft, gute Sportstätten und vielfältige Angebote sowie eine lange Tradition, sich sportlich zu betätigen.Frage: In Deutschland verzichten mit 32 Prozent doppelt so viele wie in der Schweiz auf Sport, in Portugal sind es gar zwei Drittel. Haben diese Länder denn keine schöne Natur?Antwort: Doch, durchaus. In der Schweiz sind die Versportlichung der Gesellschaft und die Expansion des Sports weiter fortgeschritten. Damit meine ich, dass Sport und Sportlichkeit einen immer höheren Stellenwert haben. Viele tragen beispielsweise auch im Alltag Sportkleidung und Turnschuhe. Zudem wächst der Kreis der Aktiven: Immer mehr Menschen treiben mehrmals pro Woche mehrere Stunden Sport. Wenn man unsere erste «Sport Schweiz»-Studie aus dem Jahr 2000 anschaut oder Zahlen, die bis in die 1970er Jahre zurückgehen, ist deutlich erkennbar, was sich verändert hat.Markus LamprechtPDWer treibt wie Sport – und was sagt das über die Gesellschaft aus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Markus Lamprecht. Der Zürcher Soziologe war 33 Jahre lang ETH-Dozent, wo er die Forschungsstelle für Sportsoziologie leitete. Im Auftrag des Bundesamts für Sport erarbeitet er seit 2000 mit seinem Büro Lamprecht & Stamm die repräsentative Studie «Sport Schweiz». Die neuste Ausgabe erschien im August. Lamprecht ist ausserdem Co-Autor des Freiwilligenmonitors.Frage: Was prägte früher den Sport, was heute?Antwort: Früher dominierten ihn junge Männer und der leistungsorientierte Wettkampf im Verein. Heute treiben fast alle Sport, wobei Gesundheit und Wohlbefinden im Fokus stehen. Zudem trainieren wir nicht mehr nur zu festen Zeiten in klassischen Sportanlagen, sondern jederzeit, überall und oft bei kommerziellen Anbietern wie Fitness- oder Yogastudios.Frage: Zum ersten Mal stagniert die Sportaktivität der Schweizer Bevölkerung. Ist es nun vorbei mit dem Sportboom?Antwort: Tatsächlich hatten wir in den letzten 25 Jahren immer höhere Zahlen und eine klare Zunahme. Wir befinden uns bereits auf einem sehr hohen Niveau. Die Stagnation hängt aber auch damit zusammen, dass wir im Tessin nach dem starken Boom zwischen 2014 und 2020 wieder einen Rückgang sehen. Teilweise führen wir das auf die Folgen der Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen zurück. Es gibt aber weiterhin viele Menschen, die sagen, dass sie mehr Sport treiben möchten. Ich glaube deshalb nicht, dass sich eine Trendwende ankündigt.Frage: Jeder Fünfte trainiert heute im Fitnessstudio. Erstmals sind mehr Personen Mitglied in einem Fitnesszentrum als in einem Sportverein. Überrascht Sie dieser Befund?Antwort: Er hat sich angekündigt. In unserer ersten Vereinsstudie von 1996 wurde gesellschaftlich die Krise im Vereinssport thematisiert und düstere Zukunftsaussichten für einige Vereine vorhergesagt. Lange hielten sich die Vereine viel besser als erwartet. Nun sehen wir aber tatsächlich, dass sich einiges bewegt.Auffällig viele junge Männer verlassen die Vereine. Unter anderem wegen des Körperkults. Jean-Christophe Bott / KeystoneFrage: Jeder zehnte Schweizer Sportverein kann keine neuen Kinder mehr aufnehmen und führt eine Warteliste. Wann springen die Mitglieder ab?Antwort: Tatsächlich haben noch nie so viele Kinder in Vereinen Sport getrieben wie heute. Sie beginnen immer früher damit, oft schon im Alter von 3 bis 5 Jahren. Doch ab 15 Jahren verlassen viele den Verein. Besonders häufig tun das inzwischen junge Männer. Sie wechseln zunehmend ins Fitnessstudio.Frage: Warum?Antwort: Früher traten vor allem die Frauen schon in jungen Jahren aus den Vereinen aus. Diese schufen daraufhin neue Angebote im Breitensport und übertrugen ihnen Verantwortung. So gelang es, viele zu binden. Junge Männer blieben vor allem wegen des Leistungssports im Verein. Doch Krafttraining bietet ihnen nun eine individuelle Alternative. Damit können sie Muskeln aufbauen, ihren Körper optimieren, mit digitalen Hilfsmitteln Fortschritte messen.Frage: Wie ordnen Sie das als Soziologe ein?Antwort: Im Verein zählen Wettkampfsport, Gemeinschaft und Geselligkeit zu den Kernwerten. Doch ihre Bedeutung schwindet. Langfristige Trends wie die Individualisierung und der Wertewandel hin zur Selbstverwirklichung prägen auch den Sport. Man präsentiert sich, betont seine Einzigartigkeit und schafft Sinn und Identität durch das eigene Tun. Befragte nannten die zeitliche Freiheit und Flexibilität als entscheidende Vorteile gegenüber dem Verein. Sie wollen trainieren, wann es ihnen passt, unabhängig bleiben und sich möglichst wenig binden.Frage: Was verlieren wir, wenn wir allein im Fitnesszentrum schwitzen, statt gemeinsam zu turnen, zu schwimmen oder zu laufen?Antwort: Teilweise den Zusammenhalt, die Gemeinschaft und das Miteinander. Früher galten Vereine als Schule für die Demokratie. Mitglieder lernen, miteinander etwas zu organisieren und mitzubestimmen. Aber wir dürfen die Veränderung nicht zu kulturpessimistisch deuten. Die Vereine sind durchaus noch da, und wenn es um Kinder und Jugendliche geht, sind sie extrem stark. Das Wort «Vereinssterben» höre ich gar nicht gerne, weil es schlicht falsch ist.Frage: Gleichzeitig etablieren sich lose Gruppen in den sozialen Netzwerken – zum Beispiel Running-Klubs oder Rennradtreffen. Denkt die Schweiz Vereine zu eng?Antwort: Diese neuen Formen der Gemeinschaft sind nicht zu unterschätzen. Viele bilden online Gruppen, messen sich auf Plattformen wie Strava, vergleichen ihre Leistungen und tauschen sich mit Sportfreunden aus. Das schafft Konkurrenz für die traditionellen Vereine. Diese reagieren aber durchaus und bieten zunehmend Angebote für Nichtmitglieder an, etwa Läufe, offene Trainings, Kurse oder Ausflüge und gesellige Anlässe.Frage: Immer häufiger treiben wir Sport zu Hause, folgen Anweisungen einer Yoga-Lehrerin, die sie in einem Youtube-Video gibt. Was macht das mit der Gesellschaft, wenn wir uns in den privaten Raum zurückziehen?Antwort: Das hängt wiederum mit der Individualisierung zusammen. Wir befreien uns von vorgegebenen Sozialformen und Bindungen – von Stand, Klasse, Religionsgemeinschaft und Familie. Wir verabschieden uns von Traditionen, um unser Glück zu suchen und unser Leben selbst zu gestalten. Ich warne davor, zu behaupten, der soziale Zusammenhalt breche dadurch zusammen und die Gesellschaft zerfalle. Das halte ich für übertrieben. Auch der individualisierte Mensch sucht Bindungen, doch er wählt sie selbst und breiter.Frage: Machen dann schliesslich nicht alle wieder das Gleiche?Antwort: Das ist genau die Ironie daran: Alle wollen einzigartig sein und stellen sich entsprechend dar, aber am Schluss orientiert man sich in den sozialen Netzwerken an denselben Vorbildern, ist ähnlich angezogen und hat die gleichen Tattoos. Daher ist Individualisierung nicht ein Vereinzeln oder ein Zerfallen, sondern eine Einbindung in neue und selbstgewählte Beziehungen und Bewegungen.Frage: Wo entstehen die neuen Formen des Sports besonders – in der Stadt oder auf dem Land? Gibt es einen Stadt-Land-Graben?Antwort: Im Sport gibt es diesen Graben nicht, doch es gibt Unterschiede. Dass mehr Leute im Fitnesscenter sind als im Verein, haben wir in der Stadt Zürich bereits vor sechs Jahren festgestellt, jetzt sehen wir diesen Trend auch in den Agglomerationen. Die klassischen Kraftsportarten und Yoga sind eher städtisch, während der traditionelle Turnverein eher auf dem Land verankert ist. Wandern tun alle.Zwei Wanderer geniessen die Aussicht auf den Limmerensee im Kanton Glarus. Wandern durchbricht in der Schweiz alle Gräben.Gian Ehrenzeller / KeystoneFrage: Tatsächlich vereint das Wandern die Schweiz: Die Hälfte der Bevölkerung tut es. Wie wurde Wandern so populär?Antwort: Vor dem Jahr 2000 haben die Leute gesagt: «Ich mache keinen Sport, ich wandere.» Wandern ist heute im Zuge der Versportlichung eine Sportart geworden. Und hat in den vergangenen Jahren geboomt. Gesundheit, Wohlbefinden, Selbstverwirklichung und Naturerlebnis treffen hier aufeinander. Die Wanderausrüstung ist zudem modischer und funktionaler geworden. Sie hat sich vom «Rote-Socken-Image» entfernt. Man kann sich gut darin inszenieren – gerade auch in den sozialen Netzwerken.Frage: Frauen haben insgesamt aufgeholt: Sie treiben fast gleich viel Sport wie die Männer. Kinderlose zum Teil sogar mehr als Männer. Doch es gibt eine grosse Ausnahme: Mütter.Antwort: Wenn sich Lebenssituationen ändern, hat das grosse Auswirkungen auf die Sportaktivität. Bei jungen Müttern nimmt die Sportaktivität stark ab. Es ist nicht so, dass es nur die Inaktiven und die Sehr-Aktiven gibt, die immer aktiv bleiben. Die Sportbeteiligung kann sich im Lauf des Lebens immer wieder ändern. Neben der Familie ist auch die Erwerbstätigkeit ein wichtiger Faktor. Gerade wenn eine Frau Mutter und erwerbstätig ist, fehlen häufig Zeit und Energie für den Sport.Frage: Bei Vätern hingegen geht die Sportaktivität kaum zurück. Die Rollenverteilung widerspiegelt sich im Sportverhalten.Antwort: Ja, eindeutig. Bei den Müttern geht die Aktivität viel stärker zurück als bei den Vätern. Ich muss anfügen, dass wir mittlerweile auch bei den Vätern einen kleinen Rückgang feststellen. Sie scheinen heute mehr Familienarbeit als noch vor zwanzig Jahren zu leisten.Frage: Je mehr eine Person verdient und je höher sie gebildet ist, desto mehr Sport treibt sie. Warum?Antwort: Die finanziellen Mittel erklären die Unterschiede nur bedingt. Entscheidender sind kulturelle Unterschiede und das Gesundheitsbewusstsein, das in höheren Sozialschichten stärker ausgeprägt ist. Der Soziologe Pierre Bourdieu spricht vom «Habitus». Je weniger der Körper für die Arbeit eine Rolle spielt, desto mehr wird er zum Statussymbol. Man pumpt und hat viele Muskeln, obwohl man sie eigentlich gar nicht braucht. Während sich die Unterschiede bezüglich Geschlecht und Alter in den letzten dreissig Jahren stark verändert haben, ist dieser sozioökonomische Faktor beim Sport erstaunlich stabil geblieben.Frage: Man sieht heute viele Führungskräfte und Manager bei extremen Ausdauerleistungen wie dem Ironman oder an Ultraläufen statt beim Golfen. Haben sich die Sportarten verändert, die als besonders prestigeträchtig gelten?Antwort: Ja, diese Beobachtung teile ich. Es gab schon frühe Untersuchungen über Triathleten aus den 1990er Jahren. Bereits damals war auffällig, dass sehr viele Ärzte und Manager extremen Ausdauersport machen. Das hat nochmals sehr stark zugenommen.Yoga zählt zu den beliebtesten Trendsportarten. Immer mehr Menschen suchen im Sport gezielt Entspannung und Wohlbefinden.Stefan Kaiser / KeystoneFrage: Wieso entspannen sich Führungskräfte nicht beim Yoga?Antwort: Sie arbeiten in einem Feld, in dem Leistung zählt. Wir haben den Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und Freizeitaktivitäten vor vielen Jahren untersucht. Wer unter grossem Stress steht und viel leisten muss, liegt in der Freizeit selten im Liegestuhl. Meist suchen diese Personen keinen Ausgleich zur Arbeit, sondern bringen die gleiche Einstellung zum Sport mit.Frage: Auch die gesellschaftliche Wahrnehmung solcher Extremleistungen hat sich verändert.Antwort: Absolut. Früher wurden Menschen, die einen Ironman absolvierten, als «totale Spinner» wahrgenommen. Heute hat sich der Blick komplett gewandelt. Die Leistungsgrenzen werden immer weiter verschoben – bis hin zu Mehrfach-Ironmans oder extremen Challenges wie jener von Jonas Deichmann. Das liegt auch im Wesen des Sports: Wir suchen neue Rekorde, Grenzen und Herausforderungen.Passend zum Artikel