Die Schweizer Freibäder wurden in den vergangenen Monaten zum Brennpunkt erklärt. Ausgerechnet ein Wintersportler beweist nun: Es geht auch anders. Besuch in der Sonnenberg-Badi in Herisau.25.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Badi ist ein Schweizer Kulturgut. Schon in den 1940er Jahren notierte der Schriftsteller Max Frisch in sein Tagebuch: «Sonniges Wetter und viel Volk. Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest.» Anlass war die Eröffnung des von Frisch kreierten Freibades, der Letzigraben-Badi in Zürich, wo die Leute noch heute in der Sonne sitzen und im Wasser baden, Pommes und Glace essen, Fangis oder Fussball spielen – wie in der ganzen Schweiz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Badi ist zum innerörtlichen Feriendomizil geworden, einem Dörfchen im Dorf, einem Städtchen in der Stadt – mit eigener kleiner Bevölkerung. Halb nackt sind alle gleich, Arbeitslose wie Akademiker, Junge wie Alte.Doch das Kulturgut ist gefährdet, so scheint es derzeit fast. In Basel-Stadt kam es im vergangenen Jahr zu Diebstählen und Pöbeleien, Sicherheitspersonal musste aufgeboten werden. Im jurassischen Pruntrut wurde ausländischen Staatsbürgern der Eintritt verwehrt, in Bern löste kürzlich eine Transfrau, die aus dem Frauenbereich verwiesen wurde, eine nationale Debatte aus. «Schweizer Badis im Brennpunkt», titelte der «Blick» vor einem Monat und deutete die Badi als «Abbild der politischen Realität». «Badi-Sterben, Beckenkämpfe, Burkini-Verbot» als Sinnbild für nationale Sorgen wie «strapazierte Staatskassen, kolportierten Dichtestress und die Angst vor dem Fremden».Das klingt, als entwickle sich unser innerörtliches Feriendomizil zum Entwicklungsland. Sind die Schweizer Badis wirklich in Gefahr?Der Beat und der Hefti«Ich nehme das überhaupt nicht so wahr», sagt Beat Hefti, 48, Bademeister im ausserrhodischen Herisau, wo die Badi-Idylle noch immer Realität ist. Willkommen im Sonnenberg-Freibad!Die Idylle begrüsst einen jeden Morgen auf Tiktok oder Instagram mit einem kurzen Video. Hefti trägt ein rosafarbenes T-Shirt und eine rosafarbene Mütze, steht vor dem Kassenhäuschen und spricht in die Kamera. Jedes Video beginnt mit dem Ausruf «Guete Morge, mitenand, Freibad-Herisau-News» und dem heutigen Datum, als sei er Nachrichtensprecher oder Wetterfrosch. Gewissermassen ist er das auch: Hefti redet von den Wetterprognosen, von den Luft- und Wassertemperaturen, die der Tag bringen soll. «Wiedo ä wunderbars Tägli», verspricht er an diesem Samstagmorgen Anfang Juli mit der Ernsthaftigkeit eines «Tagesschau»-Moderators.Für die Leute unter zwanzig ist er Beat, einer der bekanntesten Bademeister der Schweiz. Seine Videos schauen bisweilen mehrere tausend Follower. Für die Leute über zwanzig ist Hefti der wohl bekannteste Bobfahrer der Schweiz. Bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi gewann er Gold im Zweierbob.Er schraubt an der Badi wie am SchlittenHefti ist nur einen Kilometer vom Sonnenberg-Freibad entfernt aufgewachsen. Die Badi thront über Herisau, ist umgeben von Wald und Wiesen und damit nicht Teil eines modernen Sportkomplexes mit Hallenbad, Freibad und Sporthalle. Hefti sagt: «Wir fuhren früher nicht in die Ferien, sondern bekamen einfach das Saisonabo für die Badi.»Das Sonnenberg-Freibad sieht, abgesehen von ein paar Modernisierungen, aus wie in Heftis Kindheit. Freibäder sind Zeitkapseln, Baden, Raketenglace und Fangis lassen sich nicht digitalisieren. Nur die Beckenränder sind nun aus Chromstahl, nicht mehr aus Beton, und an der Stelle einer alten Rutsche in Form eines Drachens stehen jetzt eine «Freifallrutsche» und eine «Breitbahnrutsche», wie Hefti beim Rundgang sagt.Das Sonnenberg-Freibad ist nicht Teil eines Sportkomplexes, sondern einfach: Badi.Er kennt diese Begriffe inzwischen, weiss, dass das Chlorwasser einen pH-Wert von 7,0 haben muss, «denn über 7,4 können sich Algen besser bilden». Neben dem Beckenrand lachen Pensionäre über die weiss gefärbten Haare eines Teenagers. «Marianne, soll ich mir die Haare auch weiss färben?», fragt der weisshaarige Siebzigjährige und zwinkert. Im grossen Becken ziehen die Erwachsenen ihre Längen, ins kleine knallen Jugendliche Arschbomben. Und oben, auf der Rutschbahn, stauen die Kinder das Wasser, damit sie nachher schneller rutschen können. «Hey, ufhöre! Aberutsche», ruft Hefti. Und grinst.Hefti hält einen Fuss ins Wasser und sagt: «25 Grad sind perfekt.» Er pröbelt und trickst, um die 25 Grad zu erreichen, verschiebt Wassermassen ins Ersatzbecken und zurück oder deckt die Pools über Nacht mit Blachen zu, was einen «Unterschied von bis zu zwei Grad» mache. Hefti schraubt an seiner Badi, wie er früher an seinem Schlitten geschraubt hat, als er die Mitteltrennung anpasste oder das Federblatt. Heute kämpft er um die Wassertemperatur, nicht mehr um Hundertstelsekunden.Ein Sportler stirbt zweimal2019 hat Hefti seine Karriere als Bobfahrer beendet, weil der Schweizer Bobverband nicht mehr auf ihn gesetzt habe, so Hefti. Es heisst, dass Sportler zweimal sterben: einmal als Athlet, einmal als Mensch. Auch Hefti hatte Probleme, wenn es auf den Winter zuging, jene Zeit, die jahrzehntelang aus Training und Wettkampf bestand, aus Adrenalin und Flow. Weil er am Schluss seiner Karriere kaum mehr Geld verdiente, war Hefti gezwungen, einen anderen Job zu finden. Also machte er eine Marketingausbildung, doch er «verstand kein Wort». Hefti fremdelte mit den Konzepten und den Folien, der umständlichen Sprache. Hefti, der Tüftler mit Zimmermannslehre, ist eher Büezer als Businessman.Nach zwei, drei Jahren sei der Phantomschmerz der Sportlerkarriere vorbeigegangen, sagt Hefti. Er arbeitete beim Fleischhändler Micarna und anschliessend beim Sportzentrum in Herisau, ehe er die Führung des Sonnenberg-Freibades übernahm – und seine Frau Sheena die Pacht des dortigen Restaurants.Pink- oder rosafarbenes Shirt und rosafarbene Mütze: die «Markenzeichen» des Bademeisters Beat Hefti.Seither bastelt das Ehepaar an seinem Badi-Idyll. Sheena passt die Menukarte an, es gibt Veggie-Burger und jeden Freitag «Bratwurst, Brot und Bier» für neun Franken. Als die Schweizer Fussballnationalmannschaft gegen Kanada spielt, gibt es Pancakes, gegen Bosnien-Herzegowina Cevapcici. Im Juli veranstalteten sie ein Promi-Turmspringen mit dem ehemaligen Skirennfahrer Daniel Albrecht. Im August findet ein Day-Dance statt.Hefti hat Wände herausgerissen und neue aufgezogen. Es gibt jetzt einen Hindernisparcours sowie eine Unterwasserbeleuchtung, damit die Gäste bis in die Nacht baden können. Hefti ist zwar bei der Gemeinde angestellt, hat aber viele Freiheiten. Die Idylle lebt auch von ihrer Unkompliziertheit.Man muss nur miteinander reden!Nun führt Hefti über die grosse Wiese, auf der Badetücher verteilt sind, Menschen liegen, lesen, dösen. Mittendrin steht eine Art Aufsichtsturm, wo sich Hefti an vollen Tagen postiert. Weiter hinten raucht einer Shisha, sprechen Sechstklässlerinnen über Sechstklässlerthemen («Ich glaube, er steht auf dich»), spielen ein paar Kinder Fussball. Wenn das Sonnenberg-Freibad ein Abbild der politischen Realität ist, dann geht es der Schweiz gut.Danach sieht Hefti eine Gruppe Teenager mit Unterhosen unter den Badehosen. Hefti interveniert. «Hoi Jungs», sagt er. «Hoi Beat», sagen die Jungs. «Unterhosen unter den Badehosen sind leider nicht erlaubt», sagt Hefti. Die Teenager geloben Besserung, doch man wird das Gefühl nicht los, dass diese Unterhaltung nicht zum ersten Mal geführt wird – und nicht zum letzten Mal.Beat Hefti tadelt die Jugendlichen, die Unterhosen unter den Badehosen tragen. «Wegen des Styles», sagen sie. «Und weil die Badehosen zu kurz sind.»Hefti tüftelt und schraubt auch im zwischenmenschlichen Bereich. «Wir haben so viele verschiedene Nationen und Sprachen hier drin. Es kann immer wieder zu Missverständnissen kommen. Und dann muss ich vermitteln.» Hefti vertritt die gutschweizerische «Man muss nur miteinander reden»-Haltung, die in Pruntrut, Basel-Stadt oder Bern offenbar nicht mehr gereicht hat.Dann klingelt Heftis Handy, in der Küche sei eine Sicherung rausgeflogen. Er eilt nach hinten. Ein braungebrannter MacGyver im rosaroten T-Shirt.Als Athlet kämpfte Beat Hefti um Hundertstelsekunden. Nun geht es um die Wassertemperatur.Die Saison dauert bis Ende September. Bis dahin ist er Beat, der Bademeister. Dann, von Oktober bis Ende März, ist er wieder Hefti, der Bobfahrer, der in St. Moritz und Innsbruck Bob-Events veranstaltet und Junioren trainiert. Die beiden teilen sich das Jahr untereinander auf.Passend zum Artikel
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