Das Freibad ist nur noch Idylle, wenn das Wetter schlecht ist – oder der Sicherheitsdienst durchgreiftÜber einen Schweizer Sehnsuchtsort, der verlorenzugehen droht.17.06.2026, 05.29 Uhr4 LeseminutenDas Freibad – ein Ort, um dem irdischen Tempo kurz zu entfliehen. Doch im Gartenbad Bachgraben in Basel-Stadt trüben Sicherheitsvorfälle die Idylle.Stefan Bohrer / KeystoneDer vielleicht gemeinste Vorgang in einem Freibad ist der Moment, wenn die Sonne verschwindet, es dunkel wird, wie aus dem Nichts. Die Endorphine verfliegen, und man wird zurückgeholt in die Realität, von der man auch ein bisschen geflüchtet ist. Was bleibt, ist eine süss-klebrige Erinnerung an chlorhaltiges Wasser und Sonnencrème.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Volksbad wurde im 20. Jahrhundert auch dafür geschaffen, für diesen zumindest kurzzeitigen Ausbruch aus der Wirklichkeit; nicht als Luxusgut, sondern als Notwendigkeit. Ein bisschen Freiheit – oder zumindest das Gefühl davon – für die Bevölkerung in dichtbesiedelten Gebieten mit oft beengten Wohnverhältnissen und überschaubarem Zugang zu fliessendem (und sauberem) Wasser. Es wurde eine Erfolgsgeschichte.Heute ist die Gegebenheit eine andere, es wird kurz dunkel, wenn man auf Hugo da Silva trifft. Da Silva ist eine Wucht von einem Mann, Typ Bodybuilder, sein Händedruck eine Geste der Höflichkeit, natürlich, aber sie impliziert auch eine Botschaft: An mir gibt es, wenn es sein muss, kein Vorbeikommen.Da Silva ist nicht als Gast ins Gartenbad Bachgraben im Kanton Basel-Stadt gekommen, obschon es ihm «grossen Spass» macht, wie er gutgelaunt erzählt. Er arbeitet hier. Da Silva ist Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma – und an diesem Tag im Juni selbst im Einsatz. Das Basler Erziehungsdepartement hat ihn engagiert, damit er den Besuchern das Gefühl von Sicherheit vermittelt, das in den vergangenen Jahren verlorengegangen ist.Die Badis rückten ins schweizerische Bewusstsein, nachdem die jurassische Gemeinde Pruntrut im vergangenen Jahr entschieden hatte: Ins Freibad darf nur noch, wer den Schweizer Pass, eine Niederlassungs- oder eine Arbeitsbewilligung besitzt.Ausgeschlossen wurden damit vor allem junge Männer mit nordafrikanischem Hintergrund, angereist aus dem grenznahen Frankreich. Diese hatten mit übergriffigem Verhalten ein angenehmes Verweilen in der Badi verunmöglicht. Sie drangen illegal ein, pöbelten Sicherheitsbeamte an, wurden gar gewalttätig, belästigten junge Frauen.Schnell wurde klar: Aus der Badi ist ein Brennpunkt geworden. Und Pruntrut ist überall. Die Schweiz musste realisieren: Bei uns gibt es nun auch, was es in Nachbarländern schon lange gibt: Schlägereien und Belästigungen, Männer mit Migrationshintergrund sind überrepräsentiert.Doch ein grosses Thema durfte das nicht sein. Ob im deutschen Hessen oder im schweizerischen Basel: Die Behörden beschwichtigten, verloren sich in Ausflüchten. Es sei halt heiss gewesen, da könne das schon einmal passieren.Die Realität lässt sich jedoch schlecht leugnen. Idylle in Freibädern gibt’s nur noch, wenn das Wetter medioker ist.«Jetzt sind wir ja hier. Dann geht’s»Wie an diesem Samstag in Bachgraben. Es ist nicht viel los. Hugo da Silva führt entspannt durch die Anlage. Er erzählt, mit welchen Herausforderungen er konfrontiert ist, wenn es ungemütlich wird. Junge Männer, «multikulti», hielten sich für besonders stark, «vor allem verbal teilen sie aus». Sie bedrohten auch ihn, sagten ihm, dass sie «draussen auf ihn warten, dann passiert was». Da Silva lächelt. Er ist sich in seinem Job ganz anderes Klientel gewohnt. Doch für die Allgemeinheit ist bereits dieses Verhalten inakzeptabel: Gäste wollen nicht gestört – und schon gar nicht bedroht oder belästigt – werden.Es habe sich etwas verändert in der Gesellschaft, sagt auch da Silva, in der Erziehung auch. «Was soll man machen?», fragt er schulterzuckend. «Jetzt sind wir ja hier. Dann geht’s.»Zumindest einigermassen. Es wird im Beizli noch immer gestohlen, die Stimmung ist oft aggressiv aufgeladen. Gerade junge Frauen gehen dann nicht mehr gerne in die Badi. Und weiterhin sind es meistens junge Franzosen mit nordafrikanischem Hintergrund, die sich danebenbenehmen, wie regelmässige Besucher sagen. Doch die Kantonspolizeien aus Basel-Stadt und Baselland wollen die Delinquenten nicht (mehr) genauer benennen, das Erziehungsdepartement auch nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?Gratis via Drehtür: Hugo da Silva zeigt, wo die Delinquenten ins Gartenbad eindringen wollen.NZZ/sb.Wie es wirklich ist, erzählt Hugo da Silva auf seinem Rundgang. Beim Haupteingang werden die Kassiererinnen angegangen, wenn die Schlange lang ist. Oft versuchen die Männer auch, sich über einen Zaun oder eine Hecke ins Bad zu schleichen. «Es wurde auch schon probiert, mittels Metallschneider eine Drehtür durchzuschneiden.» Einmal drin, beginnen die Probleme. Das Sicherheitspersonal muss die Bademeister beschützen, Verwarnungen und Hausverbote aussprechen. Wenn die Situation ausartet, ruft es die Polizei. An gutbesuchten Tagen sind bis zu zehn Securitys im Einsatz. Hugo da Silva sagt, dass das zu Beginn bei den Besuchern für Irritationen gesorgt habe. Dunkel gekleidete starke Männer (und Frauen), die patrouillieren, passen nicht ins heile Bild, das viele aus der Badi kennen. Doch «mittlerweile» seien die Gäste dankbar. «Sie fühlen sich jetzt wieder sicher.»Nicht nur von der Front kommen klare Aussagen. Auch der finanzielle Aufwand sagt viel über den heutigen Zustand in der Badi aus. Der Kanton Basel-Stadt schätzt die Sicherheitskosten für seine drei Bäder, in denen er patrouillieren lässt, auf fast eine Viertelmillion Franken. Pro Saison.Der Aufwand zeigt eine gewisse Wirkung. Das verantwortliche Basler Erziehungsdepartement spricht im Sozialarbeit-Slang von einer «Stabilisierung der Situation», auf der man aufbaue.Verdrängung aus dem öffentlichen RaumDazu kommt schnell von aussen der Rassismusvorwurf. Als Pruntrut im vergangenen Jahr seinen Entscheid fällte, teilte die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) sofort mit, dass sie das Verbot im Jura für «problematisch und irritierend» halte. Das Schweizer Fernsehen beschrieb Messer, die mit in die Badi genommen werden, als «überraschende Gegenstände».In Pruntrut zahlen «Nichtansässige» neuerdings das Doppelte, stolze 15 Franken. Kaufen können sie ihr Ticket nur online – und herein kommt nur, wer sich an der Kasse ausweist. Ein Saisonabonnement dürfen sie nicht kaufen. In Basel wird versucht, den Delinquenten mit rigiderem Handeln zu begegnen. Nach 28 Hausverboten in der vergangenen Saison sind es jetzt – trotz mässigem Wetter – bereits wieder 18. Weil «konsequenter» durchgegriffen werde.Passend zum Artikel