„Strandbad“ heißt das Freibad. Ein großer Name für ein ganz normales Freibad, das weder am See noch am Meer liegt, sondern zwischen zwei Bergketten in einem breiten Tal im Südschwarzwald. An den Berghängen stehen dicht gedrängt dunkelgrüne, fast schwarze Tannen, wie Soldaten in Formation. Im Osten Freiburgs, an der Sportmeile mit Tennisklubs und Unisportgelände. Neben dem „Strandbad“ fristet das alte Fußballstadion des SC Freiburg sein Dasein, die Flutlichtmasten wecken Nostalgie. Dahinter die Dreisam, die zu wenig Wasser führt, um richtig abzutauchen.Also rein ins „Strandbad“. Ein Dienstag im Juli, halb neun Uhr morgens, das gechlorte Wasser des großen Schwimmerbeckens glitzert in der Sonne, schwappt über den Beckenrand. Die Sonne im Osten steigt höher und höher. Grund unseres Besuches ist das gute Wetter, klar, aber auch ein besonderes Stück Freibad-Kultur: die sogenannte Sportbahn. Die gibt es auch in anderen Bädern. Auch dort ist sie schnellen Schwimmern vorbehalten. Was aber nirgendwo steht. Der Bademeister sagt, wir sollten sie mal testen. Machen wir, ziehen aber nur eine Bahn. Hier geht es uns zu schnell zu.Hier ist es wie auch sonst im Leben: Viele schätzen sich zu gut einDie Sportbahn ist ein abgesteckter Bereich im großen Schwimmerbecken, ein Freibad im Freibad, für mehr oder weniger ehrgeizige Sportler, die sich schwimmend und tauchend verstehen. Menschen, die sich sanft überholen, keine Konflikte aufkommen lassen. Schwimmen und schwimmen lassen. Meistens zumindest – solange alle schnell genug sind. Was „schnell“ ist, macht jeder mit sich selbst aus. Auf der Sportbahn sei es wie in der Gesellschaft als Ganzen, sagt Schwimmerin Lucy, 44. Viele schätzten sich zu gut ein. Der Besitz einer Schwimmbrille berechtige noch nicht dazu, die Sportbahn zu nutzen, stand mal in der Zeitung. Es sei erstaunlich, wer sich für einen Sportschwimmer halte.Die Badeordnung verbietet niemandem, sich auf der Schnellschwimmer-Bahn zu bewegen. Eben deshalb gelten darauf ungeschriebene Gesetze. Im Rest des Freibads ist dagegen vieles reglementiert: nur vorwärts rutschen, nicht mit Straßenschuhen um die Becken laufen, Frauen nicht an die Brüste fassen. Ja, tatsächlich weist ein Schild am Eingang des „Strandbads“ genau darauf hin.Die Wassertemperatur beträgt 24 Grad, die Luft ist noch frisch, der Bademeister trägt Pullover. 15 Frühschwimmer gleiten durch das fünfzig Meter lange und zwanzig Meter breite Becken. Rote, gelbe, blaue Badekappen werden sichtbar, es wird gekrault, auf dem Rücken geschwommen und mit den Füßen gewendet. Alles ist im Fluss, ruhiger könnte es in einem geöffneten Freibad kaum sein.Selbst schnelle Krauler meiden zuweilen die SportbahnDie Sportbahn nimmt nur 3,75 Meter Breite des Beckens ein, markiert wird sie durch zwei Leinen, die das gesamte Becken in drei Bereiche unterteilen. Der schmalste ist die Sportbahn, in der Mitte. Schwimmbrille trägt hier jeder, eine Badekappe ist die Regel, am Beckenrand liegt Material herum: Trinkflaschen und Schwimmbojen aus Schaumstoff, sogenannte pull buoys. Die Schwimmer hängen ihre Handtücher platzsparend über die Bänke am Rand.Aus dem Becken steigt jetzt Felix, 28, Ehering, Band mit Schließfachschlüssel um den Hals. „Traumhaft, so ruhig.“ Zweimal die Woche kommt er her. Felix hat nicht die Sportbahn genutzt, sondern die breitere Bahn rechts, auf der weniger los war. Als Brustschwimmer sei er zu langsam für die Sportbahn, er wolle niemandem im Weg sein. „Auf der Autobahn fahre ich ja auch nicht mit einem Vierzigtonner auf der linken Spur.“Jetzt könne man „schön“ auf der Nebenbahn schwimmen, sagt auch Otte, 41, betonte Brustmuskeln, pinke Badekappe mit der Aufschrift „Prinzenbad Kreuzberg“. Er steht unter einer Palme, Wassertropfen perlen an ihm herunter. Otte ist in knapp einer halben Stunde einen Kilometer gekrault, das macht er drei-, viermal die Woche. Das ist ordentlich, warum schwimmt er nicht auf der Sportbahn? „Ich schwimme dort, wo Platz ist.“ Meistens nutzt er die Sportbahn, weil die einen „pushe“. Heute gilt „gemütliches Tempo“.Der Verkehr muss fließen – wie auf der AutobahnAuf den Nebenbahnen geht es normalerweise viel wuseliger zu. Jugendliche machen Arschbombe, Senioren mit Sonnenbrille schwimmen Brust in Zeitlupe, am Beckenrand wird posiert. Nur die Füße dürfen nass werden, nur ja nicht die Haare.Jetzt aber mal jemand, der sich auf die Sportbahn getraut hat: Charly Maucher, „wie Taucher“ sagt er, 66, braungebrannt, breites Lächeln. „Es ist unbeschreiblich, seit 1. Mai bin ich jeden Tag hier. Als ob ich mit dem Fahrrad in den Urlaub fahre. Fehlt nur noch das Riff.“ Eine bis eineinhalb Stunden schwimmt er jeden Morgen, auch das ist ordentlich. Um sieben sei es ein bisschen stressig gewesen. Aber das System funktioniere – auch wenn jemand rückwärts schwimme und die anderen nicht im Blick habe. „Es ist ein öffentliches Bad. Niemand hat ein Vorrecht.“Das System. Ganz rechts an der Leine schwimmen, kurz vor Bahnende nach links herüberziehen, am linken Rand wenden, wieder rechts einordnen. Alle schwimmen hintereinander her, man kommt sich nicht entgegen, weil man in einem langgezogenen Kreis schwimmt, gegen den Uhrzeigersinn. Wer schon mal auf der Sportbahn geschwommen ist, fühlt Druck. Der Verkehr muss fließen – wie auf der Autobahn. Mal eine Pause im Wasser am Beckenrand stehend zu machen, ist schwierig, weil man Platz zum Wenden wegnimmt. Aber Pause zu machen und etwas zu trinken, ist auch wichtig. Lucy (heute zehn Bahnen) ist sich unsicher, ob sie rechts oder links Pause machen soll.Der Bademeister wohnt im Freibad – direkt über dem KassenhäuschenAuf der Sportbahn riskiert man bei hohem Tempo einen Tritt in den Bauch oder ins Gesicht; manche machen sogar Rollwende. Dass es eng wird, ist möglich – etwa wenn jemand Schmetterling schwimmt und die Hälfte der Breite einnimmt. Dann passen keine vier Schwimmer nebeneinander, wie es hier theoretisch ginge. Um zu überholen, darf man dem Vordermann auch mal auf den Fuß klapsen, sagt Maria, Lehrerin, 37, Schwimmbrille in der Hand, Sportbahn. An diesem Morgen funktioniert alles hervorragend, sanftes Überholen, keiner bremst aus, die Leute gleiten nur so durch das Wasser. Flow.35 Schwimmer passten auf die Sportbahn, sagt Chef-Bademeister Michael Lorenz, 57, der mit seiner Frau seit vielen Jahren im Freibad wohnt. Die Wohnung befindet sich über dem Kassenhäuschen, in dem er gerade vor seinem Computer sitzt. Schwimmen darf auch er nur unter Aufsicht eines Kollegen. Seit er die Bahn vor zwanzig Jahren eingeführt hat, hat er nie ein Schild mit der Aufschrift „Sportbahn“ aufgestellt. Andere Bäder unterteilen zwei- und dreifach, separieren schnelle, langsamere und geschwätzige Schwimmer. Die Bahn für ambitionierte Schwimmer sei „richtig gut“, sagt Lorenz. Ohne sie gäbe es Ärger, weil alle kreuz und quer schwimmen würden. Konflikte auf der Sportbahn selbst versucht Lorenz zu verhindern: „Wenn Senioren meinen, dort Rückenschwimmen machen zu müssen, fordern wir sie auf, die Bahn zu wechseln.“Wie kann knapper Raum gerecht verteilt werden?Ärger wegen einer Sportbahn? Beispiel Heppenheim an der Bergstraße. Nachdem das dortige Freibad 2018 eine Schnellschwimmer-Bahn eingeführt hatte, machte die Stadt eine Umfrage: 91 Prozent wollten sie behalten. In Jugenheim, Rheinland-Pfalz, gab es mal Stress wegen der Extrabahn; von einem Zweiklassensystem war die Rede. Gegner und Befürworter sammelten Unterschriften, der Bürgermeister musste vermitteln. Über allem steht die Frage: Wie kann knapper Raum gerecht verteilt werden? Ein Privileg für Sportschwimmer ist eine eigene Bahn allemal.Im „Strandbad“ steht jetzt Katharina, 46, selbstbewusst an der Sportbahn, bereit zum Reinspringen. Vorher eine Frage: Wie viele Schwimmer passen auf die Sportbahn, was meint sie? 15 seien in Ordnung, sagt sie. Konflikte könnten entstehen, wenn sich beim Überholen eine Dreierreihe bilde. „Aber man kann ja miteinander reden.“ Geredet werde eher nicht im Wasser, sagt Roland, 57, behaarte Brust, der jetzt aus dem Wasser steigt. Knapp zwei Kilometer ist er geschwommen, um sich ein bisschen vor der Arbeit „zu lockern“. Er habe mithalten können.Bevor ein anderer Felix, 39, Wettkampfschwimmer, Sabbatjahr, ins Wasser geht, wärmt er sich auf. „Dann sehe ich, wie die Leute wenden, und kann mich darauf einstellen.“ Viele schauten nicht nach hinten. Selten aber gebe es Stress. Wenn ihn ein langsamer Schwimmer stört, sagt er es. „Dann bin ich der Böse. Aber ich habe keine Lust auf Stress“, sagt er und lacht.Die Sportbahn hat keine Regeln. Nur eine Ordnung.Wenn jemand zu langsam auf der Sportbahn unterwegs sei, griffen die Bademeister nicht ein, meint Maria. Hier sage niemand: Sie müssen weniger Brust schwimmen. Es gebe klare Regeln, die man unter Schwimmern lerne. Als sie jetzt ins Wasser springt, ist sie Schwimmer Nummer neun auf der Sportbahn. Also noch viel Platz.Viertel nach zehn. Andreas, 65, trocknet am Beckenrand, gleich muss er ins Geschäft. Auch er hat die Sportbahn genutzt. „Ich bin nicht der Wahnsinnsschwimmer, aber ich kann es mir erlauben.“ Ab und zu komme es vor, dass sich jemand beschwere, weil „so richtige Kampfschwimmer“ unterwegs seien: „Die sind sehr rücksichtslos.“ Aber reglementieren müsse man hier gar nichts, „da reicht der gesunde Menschenverstand“.Die Schnellschwimmer-Bahn füllt sich. Andreas kommentiert das Geschehen: „Jetzt wird es schneller.“ Drei Schwimmer sind unterwegs, kurz vor Bahnende schwimmen sie nebeneinander. Am Beckenrand machen zwei Pause. Ein Schwimmer weiter hinten erkennt die Situation. Zu viel Verkehr. Weit vor dem Wenden stoppt er und dreht um. Die Sportbahn hat keine Regeln. Nur eine Ordnung.
Freibad Sportbahn: Ungeschriebene Regeln der Schnellschwimmer
Die Schnellschwimmer-Bahn im Freibad ist eine kleine, nasse Welt für sich. Dort begegnen sich Athleten und Selbstüberschätzer. Ein Besuch am Beckenrand.










