PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessArtikeltyp:MeinungAchtung, SchnellschwimmerLassen Sie mich vor, ich tue Ihnen nichtsVon Max OppelStand: 09:10 UhrLesedauer: 4 MinutenBahnenschwimmen könnte so schön seinQuelle: Getty Images/Oliver RossiAls geübter Krauler würde unser Autor im Freibad gerne zügig seine Bahnen ziehen. Doch langsame Beckennachbarn blockieren Wendezonen, ignorieren Überholmanöver und fühlen sich von freundlichen Hinweisen gestört. Für ihn ist das eine Metapher für den Zustand unserer Gesellschaft.Ich bin der Typ, der Ihnen im Schwimmbad an den Fersen klebt. Die Nervensäge, die Sie an den Fußsohlen kitzelt, damit Sie endlich Platz machen. Ich kann nicht anders. Vielleicht können Sie mich nach dem Lesen dieses Textes verstehen. Oder Sie ärgern sich weiter über den Barrakuda im Karpfenteich.Mein Problem ist, dass die sonst so regelwütigen Deutschen gerade im Freibad gerne alles laufen lassen. Mal ist eine Bahn für Sportschwimmer abgetrennt, mal nicht. Je höher die Temperaturen, desto geringer meine Chancen, ungestört meine Runden drehen zu können. Bei Sommerhitze kapitulieren nämlich die Badeanstalten vor Besuchern, die unbedingt kreuz und quer durch das gesamte Becken paddeln müssen wie junge Hunde auf der Jagd nach dem Stöckchen. Und ernsthafte Schwimmer wie ich geben schon aus Selbstschutz klein bei. Meine Stunde schlägt also, wenn der Sommer so ist wie dieser im Nordosten: Unbeständig.Lesen Sie auchWas mich dennoch fertig macht: Auch an wolkigen Tagen kommen mir seit Beginn meiner Schwimm-Leidenschaft Menschen in die Quere, die das Prinzip des Bahnen-Schwimmens im Kreis anders verstehen wollen als ich. Dabei scheint es so einfach: rechts schwimmen, links überholen – wie auf der Landstraße. Wobei es noch Platz in der Mitte gibt. Und der Gegenverkehr auch bei Kollision keinesfalls tödlich ist. Man könnte also in friedlicher Koexistenz durchs Becken gleiten – drei Personen hätten im Normalfall Platz nebeneinander auf einer Bahn. Wäre da nicht die gemeine Schwimmerin, der gemeine Schwimmer.Der schwimmt nämlich in all seiner Bräsigkeit nicht ganz rechts, sondern driftet stets zur Mitte. Er wischt beim Kraulen mit dem linken Arm wie eine Machete durchs Unterholz. Er tritt bei seinem technisch bedenklichen Brust-Beinschlag aus wie ein Pferd – und trifft Schnellschwimmer wie mich beim Überholvorgang gerne in die Weichteile, während seine ungeschnittenen Fußnägel tief in meine Flanke kratzen.Übertreibe ich? Vielleicht ein bisschen. Aber: All das ist mir schon passiert – und noch viel mehr: Durchschnitts- oder auch Sonntagsschwimmer beenden die Bahn gerne in der Mitte am Beckenrand, stehen also bei der Rollwende genau im Weg, statt nach rechts zügig Platz zu machen. Sie haben Zeit und Lust auf ein Schwätzchen – und warum sollte der Rand einer Sportschwimmer-Bahn nicht der richtige Ort dafür sein? Dass ich nicht normal wenden kann, häufig sogar anhalten muss, nur weil Oma und Opa ganz beseelt von ihrer vermeintlichen Leistung in der Mitte verschnaufen wollen – mich macht es krank.Mehrfach hat man mir schon Prügel angedrohtNoch so ein Verhaltensklassiker einer Blei-Ente: Sie ignoriert den schnelleren Schwimmer hinter sich konsequent – und stößt sich bevorzugt direkt vor ihm ab, statt ihn vorzulassen. Das Tempo der anderen interessiert sie nicht, sie nimmt sich den Platz, der ihr vermeintlich zusteht.Lesen Sie auchGlauben Sie mir, ich habe mich schon unzählige Male an freundlichen Hinweisen versucht: „Lassen Sie mich doch bitte vorbei.“ „Stehen Sie bitte nicht am Rand und blockieren Sie nicht die Wendezone.“ „Könnten Sie bitte auch mit Ihrem linken Bein auf der rechten Seite der Bahn bleiben?“ Alles vergebens. Ein paar Mal hat man mir schon Prügel angedroht, mich einen rücksichtslosen Idioten genannt. Oft habe ich das meinerseits ignoriert, immer mal wieder auch selbst zurückbeleidigt und mich gefühlt wie ein SUV-Fahrer in der verkehrsberuhigten Zone.Bin ich wirklich das Problem, weil ich die ungeschriebenen Gesetze des Bahnen-Schwimmens auch von den anderen einfordere? Ich habe den Verdacht, dass sich der eine oder andere heimlich darüber ärgert, dass er ständig überholt und abgehängt wird. Und sich durch extra sture und starre Schwimmzüge rächen will, mag der Schnellere ihm auch noch so dicht an den Haxen kleben. Auch der Hinweis, dass wir uns schließlich auf einer Bahn für schnellere Schwimmer befinden, verfängt nicht. Blei-Enten überschätzen notorisch das eigene Können. Motto: „Ich schwimme doch schnell!“Lesen Sie auchGanz selten mal ein Lichtblick: Mein Ideal beim Sportschwimmen hält sich möglichst weit rechts, überholt zügig, macht am Rand sofort Platz, zeigt mitunter sogar Respekt und Anerkennung für den offensichtlich gut trainierten Mitschwimmer – und lässt ihn gerne vor wie einen Ferrari auf der Autobahn. Am Ende ist das Ganze eine Metapher für unsere Gesellschaft: Rücksicht nehmen, Regeln beachten und Leistung fördern – aus der Mode. Neid und Gleichmacherei sind auf dem Vormarsch. Anpassung nach unten. Blei-Enten wählen bestimmt die Linke.Nicht dass Sie denken, es gäbe keine schnelleren Schwimmer als mich. Ab und zu schon, ich freue mich über jeden einzelnen, der mich mal überholt. An dem kann ich mir ein Beispiel nehmen. An alle anderen kann ich nur appellieren: Lassen Sie mich vor, ich tue Ihnen nichts. Ich schwimme einfach nur schneller als Sie.
Schnellschwimmer im Freibad: Lassen Sie mich vor, ich tue Ihnen nichts - WELT
Als geübter Krauler würde unser Autor im Freibad gerne zügig seine Bahnen ziehen. Doch langsame Beckennachbarn blockieren Wendezonen, ignorieren Überholmanöver und fühlen sich von freundlichen Hinweisen gestört. Für ihn ist das eine Metapher für den Zustand unserer Gesellschaft.











