EEin Tag am Beckenrand ist ein Erlebnis. Im Sommer ist einfach die ganze Welt da. Es gibt die unaufgeregten Schwimmer, die außerhalb des Sportbereichs ihre zwei Kilometer zusammensammeln, die Engagierten, die am Beckenrand ein Arsenal an Qualverstärkern aufbauen, die Mütter, die nach jeder zweiten Bahn auf ein wartendes Kind treffen, das noch ein Eis will. Teenager, die an den Schwimmbad-Trennleinen hängen, schwangere Freundinnen, die seelenruhig quatschend nebeneinander schwimmen. Männer, die Kinder zu einer weiteren Bahn animieren, Omas, die Tauchringe reinwerfen, Kinder, die hinterherspringen, Opas, die am Ende Ringe wieder hochtauchen müssen. Und es gibt im Schwimmbereich auch eine große Bewegungsbreite. Die einen, die ihre erlernte Technik in vollem Bewusstsein einsetzen, Beine strecken, Arme strecken, Schwimmen wie Yoga unter Wasser. Andere, hektischer, flacher, kurze Atempause nur, um schnell wieder abzutauchen. Schnelle, die sich in einen Rausch schwimmen, am Bahnende nicht stoppen, nur klatschend wenden. Die ruhigen Atmer, die Lauten, die Träumer, die Verspielten, die mitten in der Bahn in einen Tauchgang starten, sich auf den Rücken drehen, um noch mal den Himmel durchs Wasser zu sehen. Natürlich ist da auch jede Form des Sich-Aufspielens im Wasser. Viel Platz einnehmen, sich groß machen, Flossen an, Schmetterling schwimmen, jenen Stil, bei dem die Arme auf voller Breite rotieren. Im offenen Meer ist das ein großartiger Propellerrausch, im städtischen Bad eher ein Schrei nach Aufmerksamkeit. In der französischen Elle stand neulich die Wortschöpfung »mansplashing«, also die spritzende Schwimmbadvariante des Manspreadings, des männlichen Sich-breit-Machens. Das Aufkommen ist aber definitiv unisex. Etwas überengagiert wirken diese Aggroschwimmer im städtischen Bad, wo sich die meisten vom Wasser aufnehmen lassen wollen, statt dagegen zu kämpfen.Schwimmen ist eigentlich die Sportart, bei der man sich am meisten selbst gehört. Kein Ball, der einen irgendwohin treibt. Keine Mitspieler, die fordern, kein Pumpen auf Zuruf, auch keine Verantwortung für etwas anderes als sich selbst. Hier gilt nicht »Du gegen dich«, wie es sich beim Sommer-Laufen anfühlt, hier gilt eigentlich: Du mit dir. Die sportliche Variante von Selbstliebe. Dass dazu auch noch Ruhe herrscht, macht es so meditativ. Unter Wasser kann einen niemand volllabern. Zwar gibt es inzwischen immer bessere Technik für Schwimm-Kopfhörer, aber die meisten funktionieren über MP3. Bluetooth geht nicht unter Wasser. Die Podcastisierung dieser Sporteinheit hat deshalb noch nicht stattgefunden. Es bleibt vorerst beim natürlichen Soundbett: Es platscht, es gluckert, Umgebungsgeräusche, dann völlige Ruhe, nur der eigene Atem im Körper.Welcher Schwimmtyp wären Sie? Illustration: Yves HaltnerWasser macht leicht. Der eigene Körper verdrängt Wasser, und diese verdrängte Menge wirkt als Auftriebskraft. Man fühlt sich befreit. Und noch toller: Einatmen vergrößert die Körpermasse kurzzeitig, verdrängt also mehr Wasser und bewirkt ein wenig mehr Leichtigkeit. Auch das macht einen Teil der Entspannung aus. Zumindest gilt das für eine ruhige Badestelle in der Natur. Denn zwischen der literarischen Erzählung vom Schwimmen als Akt der Entrückung – hier kriegt der Protagonist mal Gelegenheit, sich der Welt zu entziehen – und der realen Erfahrung eines Schwimm­beckens in einem städtischen Bad, sagen wir an einem Samstag um 16 Uhr, liegen dann doch Welten. Nach vielen intellektuellen Büchern über Wasser als Meditationsumfeld und Selbstfindungsmedium in den vergangenen Jahren war es dann der Roman 22 Bahnen von Caroline Wahl, der zum Bestseller wurde. Eine unprätentiöse Ode an das Feierabend-Schwimmen. Wahl schreibt in einer ersten Szene von ihrer Protagonistin, die ihren Freibadbesuch mit einem Tauchgang beginnt: Sie setzt sich unten auf den Beckenboden und beobachtet die vielen zappelnden Beine. Muss man mal nachmachen: Oben schwimmen alle unterschiedlich, aber von unten sehen die Bewegungen dann doch erstaunlich ähnlich aus. Wasser ist im besten Sinne ein großer Gleichmacher. Es planschen Frauen wie Männer, es toben Junge wie Alte, es schwimmen Dicke wie Dünne, es herrschen Ehrgeiz wie Trägheit, zufällig verteilt.Nach einem Tag am Beckenrand fragt man sich unweigerlich: Schwimmen wir alle so, wie wir leben? Ist die Frau mit den Flossen auch im Büro eine, die immer an allen vorbeimuss? Ist der Träumer, der im Wasser vor sich hin gleitet und die anderen gar nicht zu sehen scheint, genauso, wenn man ihm an der Selbstzahlerkasse im Supermarkt begegnet? Sind die, die am Beckenrand quatschen und nach vier Stunden und drei Bahnen das Schwimmbad verlassen, auch auf einer Party diejenigen, die jedes Gerücht mitnehmen, ohne je selbst eines zu produzieren? Wird jeder im Wasser zu dem, der er schon immer war?Yves Haltner hat die Schwimmtypen illustriert. Haltner ist 36 Jahre alt und lebt in Berlin. Im heißen Sommer des vergangenen Jahres verlegte er sein Homeoffice ins Prinzenbad. In seinem Skizzenbuch entstanden die ersten Schwimmerporträts. Dass er sich auch selbst in seiner Reihe untergebracht hat, kann er nicht ausschließen. Man darf ihn suchen: ein Krauler. Illustration: Grafilu