Eigentlich sind wir Anhänger eines antizyklischen Lebensstils: In Cafés sollte man nur unter der Woche gehen, auf den Bauernhof nur im Nieselregen, ins Museum am besten, wenn draußen die Sonne scheint – und ins Freibad ausschließlich, wenn es bewölkt ist. So hat man überall seine Ruhe. Aber wenn tage- bis wochenlang knapp 40 Grad herrschen, lässt sich diese Lebensart nicht mehr durchhalten, vor allem nicht mit Kindern. Kein Kind möchte den dritten Tag in Folge ins Museum, wenn alle Freunde Heldengeschichten aus dem Freibad erzählen.Als wir an einem der heißesten Nachmittage also im Freibad ankommen, ist es nicht so schlimm wie erwartet. Es ist schlimmer. Die Liegewiese ist völlig ausgetrocknet, aber sowieso kaum zu sehen, weil Handtuch an Handtuch an Handtuch liegt. Schattenplätze gibt es nicht mehr, also ab ins Wasser. Man kommt nur kaum rein. Mit Ellbogeneinsatz erkämpfen wir uns einen halben Quadratmeter, ein Kind auf dem Arm, das andere hinter uns herziehend. Von allen Seiten wird man mit Bällen beworfen, mit Wasserpistolen beschossen, vom Beckenrand springende Kinder schlagen neben einem ein.Wieso stören einen die anderen Menschen überhaupt?Zum Glück sind unsere Kinder noch so klein, dass wir ins Babybecken ausweichen können, wo man als Erwachsener noch einen Rest Autorität genießt: Die Zweijährigen reagieren doch deutlich ehrfurchtsvoller auf strenge Elternblicke als die Gruppe Vierzehnjähriger aus dem Vorort. Man kann sich also an den Beckenrand setzen, die Füße kühlen, ab und zu streng schauen und den Wahnsinn beobachten.Irgendwann fällt einem auf: Die Kinder nehmen das alles überhaupt nicht als stressig wahr. Sie tauchen, planschen, erkunden das Becken und sehen dabei nur das kleine Stück Wasser vor sich, oder die Rutsche, oder die Wasserpistole. Die anderen Menschen werden allenfalls mal als interessante Erscheinungen registriert, die kurz ins Blickfeld geraten (oder stürzen). Fragt man später, wohin die Kinder am nächsten Tag wollen, kommt die Antwort wie aus der Wasserpistole geschossen: ins Freibad natürlich! Kein Wort vom klimatisierten Museum.Wir versuchen es wie die Kinder zu machenWann fängt es also an, dass einen andere Menschen so stressen? Die Vierzehnjährigen scheinen die Menschenmassen auch noch nicht zu stören, im Gegenteil: Aus der Reihe kann man erst tanzen, wenn es eine Reihe gibt. Was wäre in der Pubertät langweiliger als ein leeres Schwimmbad? Auch in den Zwanzigern sucht man eher Orte auf, an denen möglichst viel los ist: Clubs, Konzerte, Fußballstadien. Man will Leute kennenlernen, sich präsentieren, behaupten, seinen Platz finden.Vielleicht ändert sich das erst, sobald man seinen Platz gefunden hat – ganz sicher aber spätestens, wenn man Kinder hat. Plötzlich gibt es wenig Verlockenderes, als für fünf Minuten alleine auf einer Bank zu sitzen und einen Baum anzuschauen. Kinder hassen schon Spaziergänge. Einen Baum anzuschauen, kann man ihnen als Programmpunkt nicht anbieten – sie würden sich immer dafür entscheiden, mit 5000 fremden Menschen durch ein Schwimmbad zu toben.Also gehen wir mit – und versuchen uns, genau wie die Kinder, nur auf das kleine Stück Wasser vor uns zu konzentrieren. Die einsame Bank vor dem Baum muss noch ein paar Jahre warten. Attraktiv wird sie ja sowieso nur, wenn man lange genug im Getümmel war.