Steigen die Temperaturen, schwindet bei nicht wenigen Menschen der Wille zu Form und Haltung. Das erschwert das Zusammenleben – und muss nicht sein.28.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenJe heisser die Tage, desto durchlässiger die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben: bei den Kleidersitten, beim Aufenthalt im Freien, beim Verkehr mit Fremden. Man kommt sich in der Hitze näher. Sinkt aber der Abstand, so steigt das Erfordernis von Anstand – dem Schmiermittel für ein zivilisiertes Zusammenleben. Sieben Ratschläge für etwas mehr Haltung – trotz Hitze.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.1. Das Badetuch zeigt und verdient RespektEs gibt tatsächlich einen Ort, an dem man das strapazierte Modewort «Dichtestress» richtig und zu Recht gebraucht: in einer beliebigen Badeanstalt in einer Schweizer Stadt. Wenn beinahe nackte Menschen sich freiwillig so dicht aneinanderdrängen wie Pouletflügeli in der Verpackung, kann man nicht anders, als riechen, hören und spüren, wie mangelnder Rückzugsraum das Wohlbefinden stört. Gerade weil in der Badi heute die Grenze des helvetischen Komfortabstandes zwangsläufig verletzt wird, sind Rücksicht und Anstand dort nötiger denn je. Beide beginnen beim Textil: Wer im Schatten ein Badetuch ausrollt, das die Ausmasse eines SUV besitzt, betreibt keinen Sonnenschutz, sondern imperialistische Landnahme.Gefragt ist heute das schmale Tuch, quasi das Tiny House unter den Liegeflächen. Dieses beweist nicht nur Rücksicht und Respekt, es erleichtert den Mitmenschen auch den Gang zum See oder Kiosk. Schliesslich ist er in der überfüllten Badi zum veritablen Balanceakt durch ein Minenfeld aus Gliedmassen geworden. Sollte der Tritt auf fremdes Territorium unumgänglich sein, tut man ihn mit demselben entschuldigenden Lächeln im Gesicht, wie wenn man dem Tanzpartner aus Versehen auf den Fuss getreten ist.Schliesslich ist das Badetuch in der Badi die letzte Bastion der Zivilisation, und der auf ein Rechteck geschrumpfte Privatraum ist tabu: Einem Badenden das Tuch zu verrücken und den Schattenplatz zu stehlen, ist denn auch kein Kavaliersdelikt, sondern nichts weniger als ein textiler Übergriff.2. Oben ohne? Das geht an genau zwei OrtenIm Gesicht des Mittvierzigers war keine Spur von Scham oder Unsicherheit zu erkennen: Mit grosser Selbstverständlichkeit rollte er in einem Strassencafé im Zürcher Seefeld das T-Shirt über seinen nicht geringen Bauch bis unter die Brüste und verschaffte der bleichen, behaarten Kugel frische Luft. Minutenlang.Er ist nicht allein mit seiner Schamlosigkeit. Immer mehr Männer entblössen sich, unabhängig von Alter und körperlicher Beschaffenheit, in aller Öffentlichkeit, auf Plätzen oder in Bars. Und es sind nicht nur jene, die sich mit viel Gym und Proteinen in Form gebracht haben. Aber die natürlich auch. Das weibliche Pendant dazu ist etwas seltener: Es bewegt sich in Sport-BH und Radlerhosen im öffentlichen Raum. So wie die 25-jährige Influencerin, die sich diese Woche auf Social Media darüber empörte, dass ihr die Lufthansa in dieser Garderobe das Boarding verweigerte.Natürlich ist die Frage, was als nackt gilt, stark abhängig von Zeit, Ort und Kontext. So konnte im viktorianischen Zeitalter bereits ein entblösster Knöchel für Schamesröte sorgen. Aber bei allem Kulturrelativismus: Es gibt keinen Grund, diese Grenze weiter zu verschieben. Niemand will bei der Begegnung mit fremden Menschen mit der Beschaffenheit von deren Brustwarzen, Nabel oder Unterbauch konfrontiert werden – so wohlgeformt diese sein mögen. Ein bedeckter Oberkörper erleichtert den Verkehr unter Fremden massiv. Oben ohne geht also genau an zwei Orten: in den eigenen vier Wänden. Oder – öffentlich – überall dort, wo gebadet wird.3. Hitze fördert Gerüche. Aber man kann etwas tun dagegenVon der Wirkungsdauer des Deos bis zum Verwesungstempo des Mülls: Der Sommer ist eine unverzeihliche Jahreszeit, was Vergänglichkeit anbelangt. Sosehr wir uns jedes Jahr auf die Jahreszeit freuen, ist sie auch oft eine einzige olfaktorische Zumutung. Das verlangt nach mehr Rücksicht beim Miteinander. Einmal mehr duschen, Deo nachtragen oder das T-Shirt wechseln, das sollte selbstverständlich sein. Und ist es auch für viele.Nicht so selbstverständlich scheint das Geruchsbewusstsein der Leute hingegen beim Management des Hauskehrichts zu sein. Die ökologischen Bemühungen der Bio-Müll-Trenner in Ehren, aber Fäulnisexperimente auf dem Fenstersims oder Balkon müssen nicht auch noch sein. Im Winter mögen die Müll-Prokrastinierer noch davonkommen, wenn die weggeworfenen Bananenschalen und Salatblätter direkt schockgefroren werden.Im Sommer aber, wenn der Biomüll nach zwei Tagen zur stinkenden Madenzucht mutiert und die Nachbarn unfreiwillig Teil dieses Feldversuchs werden, sobald sie das Küchenfenster zum Lüften öffnen, ist auch Neurodiversität keine zulässige Ausrede mehr, um das tägliche Leeren vor sich herzuschieben.4. Die Sonnenbrille ist Lichtschutz, nicht SchutzschildFür viele Menschen ist die Sonnenbrille längst mehr als ein Schutz vor UV-Strahlen. Sie ist zum unerlässlichen modischen Accessoire geworden, zum teuren Statussymbol gar, das gern vorgeführt wird. Vorab aber werden die getönten Gläser oft als psychologisches Visier benutzt: Filtern sie doch nicht nur das Sonnenlicht, sondern auch die soziale Interaktion. Und genau da, wo das Zweite im Vordergrund steht, hört der Anstand auf.So ist es eine Frage des minimalen Respekts, bei der Begrüssung und in Innenräumen die Brille abzunehmen. Anders als in Japan ist es in Europa ein Zeichen der Höflichkeit, dem Gegenüber beim Gespräch in die Augen zu sehen.Wer diese Regel bricht, irritiert: So ist der französische Präsident Emmanuel Macron vergangenen Januar anlässlich des WEF nicht nur wegen seiner Kritik an Trumps Zöllen aufgefallen, zu reden gab vorab die Tatsache, dass er mit Sonnenbrille ans Rednerpult trat. Macron hatte sie wegen einer Blutung im Auge medizinisch verordnet bekommen, womit die legitime Ausnahme von der Regel formuliert ist.Sonst gilt: Wer das modische Visier auch auf der schattigen Terrasse oder an der Bar nicht abnimmt, signalisiert keine Coolness, sondern eine Distanzierungsneurose. Anders als man vermuten mag, tarnt eine Sonnenbrille im Kontakt mit anderen Menschen nicht, sie sagt vielmehr: «Ich kann der Realität gerade nicht ins Auge blicken.» Und das ziemlich laut.5. Begrüssen ist nett. Aber wie? Gibt es kühle Umarmungen?Wissen Sie, wie viele Schweissdrüsen die Haut der Handfläche hat? Und die der Achsel? Nein? Wir auch nicht, aber eindeutig zu viele, um sie bei über 30 Grad im Schatten zur Begrüssung an sein Gegenüber zu pressen. Im Sommer bringt selbst die eher unterkühlte Schweizer Art für einmal ein Zuviel an Nähe hervor, wenn einem nasse Hände entgegengehalten und klebrige Umarmungen aufgedrängt werden.Die Begrüssungs- und Verabschiedungsregel ist eigentlich einfach: je höher die Temperaturen, desto weniger Hautkontakt. Es ist wohl kein Zufall, dass man sich in tropischen Ländern wie Kolumbien oder den Philippinen mit einem einzelnen, lässigen Küsschen auf die Wange begrüsst. Da berühren sich maximal zwei Quadratzentimeter Haut für maximal eine Sekunde. Wir sollten dieses Begrüssungsritual auch in der Schweiz einführen, denn alles darüber ist zu viel.Wer damit dennoch zu viel Schweissaustausch oder Irritation beim Gegenüber vermutet: Luftküsse verteilen! Die sind nämlich nicht nur von Kleinkindern verteilt sehr herzig, sondern auch absolute Trockenheitsgaranten – und erst noch relativ immun gegen kulturelle Missverständnisse.6. Wo gehören nackte Füsse hin? Und wo nicht?Wenn wir schon bei den Schweissdrüsen sind: Am meisten davon haben neben den Handflächen und Achseln übrigens die Fusssohlen. Und darum gilt in puncto Füsse folgende Regel: Man hat morgens genau eine Chance, um sich zu entscheiden, ob man den Tag mit oder ohne Schuhe bestreitet. Haben die Füsse einmal in Schuhen gesteckt, sollten sie da für den Rest des Tages bleiben – es sei denn, dazwischen lag ein Badibesuch oder eine Dusche.Womit wir bei den Orten wären, an denen Barfüsseln okay ist: nämlich ausschliesslich in der Badi, im eigenen Zuhause und vielleicht noch bei ganz guten Freunden im Garten. Überall sonst: striktes Schuhobligatorium; selbst wenn es offene sind. Denn auch wenn gefühlt die halbe Menschheit auf Social Media nach Fussbildern fragt: So verbreitet ist der Fussfetisch in der Durchschnittsgesellschaft dann doch auch wieder nicht. Nackte Füsse gehören deshalb weder auf Sitzpolster im Zug, Armlehnen im Flugzeug noch Spannteppiche im Büro. Spätestens seit Birkenstocks im Fashion-Mainstream angelangt sind, kann niemand mehr behaupten, Sommerschuhe seien zu unbequem. Und gegen schwere Beine auf langen Reisen gibt es Thrombosestrümpfe oder notfalls auch Brennnesseltee.7. Niemand muss über Mittag mit dem Chef in die BadiArbeitsstrukturen sind heute agil, Hierarchien flach, die Verantwortung ist verteilt: Eine etwas umgänglichere Unternehmenskultur als noch in den neunziger Jahren zu pflegen, ist aus Sicht der Mitarbeitermotivation sicher sinnvoll. Doch es gibt eine Ausnahme, bei der sich jedes noch so dynamische Unternehmen an den strengen Regeln der einstigen Siezkultur orientieren sollte. Nämlich bei der Frage, ob man mit Arbeitskollegen (oder noch schlimmer: Vorgesetzten) in den Mittagspausen baden gehen sollte.Sosehr es zu begrüssen ist, dass das Menschsein bei der Arbeit wieder etwas mehr Berücksichtigung zu finden scheint – spätestens beim Wissen um die Badehosenwahl oder die Bauchnabelbehaarung des Chefs sollte Schluss sein mit dem Organisationsmodell der flachen Hierarchien.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel