In ein paar Jahren dürfte die aktuelle Hitzewelle gar nicht mehr so außergewöhnlich erscheinen. 40 Grad Celsius, die bisher im Juni in Deutschland überhaupt noch nie gemessen wurden, sind nicht das Ende der Erwärmung. Hitzetage werden in allen Landesteilen zunehmen, besonders im Osten und entlang des Oberrheingrabens.Der Hitzestress ist doppelt menschengemacht: Die Menschheit hat sich ihr eigenes Treibhaus geschaffen. Das Wetter wird deshalb selbst in den – nun ehemals – gemäßigten Breiten immer maßloser. Dagegen kann Deutschland allein wenig tun, wenn die Energiewende nicht global gelingt, wird es auch in Staaten mit relativ niedrigem CO₂-Ausstoß wärmer. Aber unter der Hitze leiden viele auch, weil das Land sich nicht ausreichend vorbereitet hat.Mäßige Isolierung, zu wenige KlimaanlagenMäßig isolierte Häuser aus dem vergangenen Jahrtausend heizen sich tagsüber mehr auf, als sie nachts abkühlen können. Klimaanlagen sind, absurderweise selbst in Krankenhäusern und Pflegeheimen, längst nicht Standard. In der Hitze schlafen Millionen Menschen schlechter, sind gereizter, arbeiten weniger produktiv. Zusammen mit den Kosten für die Kühlung von Werkhallen und anderen Arbeitsplätzen kostet das die Volkswirtschaft Milliarden. Tendenz steigend.Die Hitze legt außerdem offen, dass der Klimawandel nicht alle gleichermaßen trifft. Stadtbewohner leiden mehr als Menschen auf dem Land, wo die umliegende Natur zumindest nachts die Luft kühlt. In den bodenversiegelten Städten, vor allem in Ballungsräumen, staut sich die Hitze. Dann bringt auch nächtliches Lüften wenig. Ältere Menschen sterben eher an den Folgen der Hitze als Jüngere, aber auch kleine Kinder und Babys sind in Gefahr.Überrascht von der Hitze kann eigentlich nur sein, wer sich in den vergangenen Jahrzehnten eingeredet hat, dass die Naturwissenschaftler nicht rechnen können. Dass Deutschland trotzdem kaum vorbereitet ist, liegt am Grundproblem der Klimapolitik: Die Erderwärmung lässt sich immer wieder gut verdrängen.Die Klimakrise ist nicht jeden Tag spürbarDie Klimakrise läuft oft in Zeitlupe ab, Veränderungen merkt man lange Zeit kaum. Sie bedeutet, anders, als manche Freunde der Apokalypse behaupten, auch nicht, dass das Wetter jeden Tag extrem ist. Ist die Hitze fürs Erste vorbei, entspannen sich viele oder hoffen auf mehr Wetterglück im nächsten Jahr. Angesichts der für Deutschland ungünstig veränderten Wahrscheinlichkeiten für Hitze, Starkregen und Dürren ist eine solche Haltung mindestens naiv, wenn nicht auf fahrlässige Weise prometheisch.Neben der menschlichen Verdrängungsgabe ist ein weiteres Problem der Klimapolitik, dass es kaum einen Bereich menschlichen Handelns gibt, der für die Treibhausgasbilanz egal wäre. Weil alles mit allem zu tun hat, sind Veränderungen schwer durchzusetzen. Bezogen auf Fragen der Anpassung, ist aber gerade dieser Wesenszug der Klimapolitik eine Chance. Es gibt viele Stellschrauben, fast jeder kann etwas tun. Wer zum Beispiel ein Haus baut, kann seinen Architekten bitten, sich bei der Fenstergröße eher am Mittelmeerraum als an Skandinavien zu orientieren. Man kann Wärmepumpen einbauen (die auch kühlen können), Bäume pflanzen, und genug zu trinken, ist auch keine unüberwindbare Schwierigkeit.Auf dem Stuttgarter SchlossplatzdpaVon den politischen Ebenen ist die der Kommunen am besten geeignet, um mit administrativen Maßnahmen die klimatische Daseinsvorsorge zu verbessern. Wer etwas anpassen will, muss das Bestehende kennen, und die lokalen Hebel kennen die Städte und Gemeinden am besten. Was notwendig ist, unterscheidet sich stark, je nach Region.Das liebe GeldDas Problem beginnt, wenn es ums Geld geht. Das fehlt den meisten Kommunen. Und da Maßnahmen zur Klimaanpassung nicht zu ihren Pflichtaufgaben zählen, verzichten selbst viele der Kommunen darauf, obwohl sie eigentlich das Leben ihrer Bewohner klimatisch gerne erträglicher machen würden. Die wirksamste Klimaanpassungspolitik wäre deshalb, die Kommunen zum Handeln zu verpflichten – und sie dafür entsprechend finanziell auszustatten.Klimaanpassung ist hierzulande, anders als in anderen Teilen der Welt, nicht notwendigerweise eine Frage des Überlebens. Aber die Herausforderung ist gewaltig, Präzedenzfälle für einen so schnellen Temperaturanstieg gibt es nicht. Das sogenannte Präventionsparadox macht mutige Politik zudem unattraktiv: Wenn erfolgreiche Vorsorge verhindert, dass sich der Wähler einer abgewendeten Gefahr bewusst ist, wird er dafür kaum dankbar sein. Für einzelne Maßnahmen mag das gelten.Aber wenn es in ihrer Summe gelingt, ein Maß an Freiheit zu erhalten, wäre das aus Sicht vieler gerade in ihre Wohnungen Eingesperrter eine anerkennungswürdige Leistung. Kein Kommunalpolitiker kann verhindern, dass es am Nachmittag 40 Grad hat. Aber wenn es Bäume gibt, unter denen man am Abend ein Buch lesen, sich auf ein Getränk treffen, mit den Kindern spielen kann, würde das eine warme Erinnerung wecken: daran, wie schön der Sommer mal war.