PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftStrandbad-Debatte„Ich will nie wieder ein totes Kind aus dem Wasser holen“Stand: 08:15 UhrLesedauer: 5 MinutenDerzeit Deutschlands berühmtester Schwimmbadchef: Rettungsschwimmer Mathias Nobel in seinem Heidebad in Halle-NietlebenQuelle: Claudia Becker/WELTKein Deutsch, kein Zutritt: Der Betreiber eines Strandbades in Halle/Saale führte eine neue Hausordnung ein – und löste eine hitzige Debatte aus. Während er von den einen gefeiert wird, beschimpfen ihn andere als Rassisten. Ein Ortsbesuch.Der Duft von Kiefern liegt in der Luft. Der Strand so weiß. Im Wasser wird getobt. In dieser heißen Mittagsstunde kann man sich keinen angenehmeren Ort vorstellen als das Heidebad in Halle-Nietleben. Doch es ist ein trügerisches Idyll.Seit einer Woche tobt um das Strandbad eine hitzige Debatte. Angefangen hat es mit einer Presseerklärung, die der Betreiber Mathias Nobel am vergangenen Montag verfasst hat und deren befremdliche Botschaft landesweit für Entsetzen sorgte: Nobel verkündete, dass künftig nur noch Menschen sein Strandbad besuchen dürften, deren Deutschkenntnisse so gut sind, dass sie die Baderegeln verstehen.Nobel, 46, braun gebrannt, durchtrainiert. Rote Trillerpfeife. Er ist hier nicht nur der Chef, sondern muss als Rettungsschwimmer auch für die Unversehrtheit seiner Badegäste sorgen. Als er die Zeilen der Pressemitteilung formulierte, stand er noch ganz unter dem Eindruck eines Vorfalls, der sich am Abend zuvor abgespielt hatte und bei dem, wie er berichtet, die Sicherheit eines Kindes gefährdet war.Das Kleinkind stand bis zur Brust im See – alleinEs war kurz vor 20 Uhr. Nach seiner Durchsage, dass das Bad gleich schließen werde, habe er seinen Rundgang gemacht. Eine Familie saß noch am Strand. „Ich machte sie darauf aufmerksam, dass gleich Feierabend ist.“ Die Antwort: „Ja, ja.“ Ihre Sachen hätten sie nicht zusammengepackt. Nobel sei unsicher gewesen, ob die Gäste, offenbar mit Migrationshintergrund, ihn verstanden hätten. Sie hätten ihn jedenfalls auch ignoriert, als er sie anwies, das zu ihnen gehörende Kleinkind, das bis zur Brust im Wasser stand, sofort aus dem See zu holen. Es war im Schwimmerbereich, dort, wo es nur wenige Schritte weiter steil bergabgeht. „Die Eltern saßen so weit weg, die hätten im Notfall gar nicht reagieren können.“ Also habe er das Kind selbst aus dem Wasser geholt. Lesen Sie auchEs sei nicht die erste Situation gewesen, in der seinen Anweisungen oder denen seiner Mitarbeiter nicht Folge geleistet worden sei, weil die Angesprochenen vermutlich nichts verstanden hatten. Für ihn sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis etwas passiert. „Ich hatte hier schon einmal ein lebloses Kind auf dem Arm“, sagt er. „Ich will nie wieder ein totes Kind aus dem Wasser holen.“Nun muss er sich scharfe Kritik gefallen lassen. Für das Wochenende ist eine Protestkundgebung gegen „rechte Politik“ vor dem Heidebad angekündigt. Vergangene Woche hatten Unbekannte den Eingangsbereich mit Bändern abgesperrt: „Geschlossen wegen Rassismus.“ Auch die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) tadelte den Ausschluss nicht deutsch sprechender Personen und verwies auf die Möglichkeit mehrsprachiger Hinweise und internationaler Zeichen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sieht in Nobels Schritt gar einen möglichen Rechtsbruch. „Grundsätzlich kann der Ausschluss von Menschen, die nicht Deutsch sprechen, von der Nutzung eines Schwimmbads eine verbotene Benachteiligung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) darstellen“, so Sebastian Bickerich, Sprecher der Behörde. „Man stelle sich vor“, so Bickerich, „wie groß die Aufregung wäre, wenn deutschsprachige Reisende in Mallorca künftig Spanisch- oder Katalanischkenntnisse oder am Roten Meer Arabischkenntnisse nachweisen müssten, bevor sie baden gehen.“Mathias Nobel weist jeden Rassismusvorwurf von sich: „Vor zehn Jahren wurde ich noch öffentlich kritisiert, weil ich für viele gegenüber den Flüchtlingen zu positiv eingestellt war.“ Als 2016 in einer Bürgerversammlung die Ankündigung, alleinreisende minderjährige Flüchtlinge in Halle-Nietleben unterzubringen, für Proteste sorgte, habe er sich für eine Willkommenskultur eingesetzt. Einsatz für GeflüchteteDamals berichtete die „Mitteldeutsche Zeitung“ über Nobels Engagement für die jungen Syrer, für die er mit dem örtlichen Heimatverein ein Tischtennisturnier organisierte. Damals, so erinnert er sich, habe er den neuen Einwohnern gleich Freikarten für das Heidebad geschenkt. „Bis heute lade ich jedes Jahr über die evangelische Kirchengemeinde Hunderte von Migranten ins Heidebad ein.“ Gut die Hälfte der Gäste habe einen Migrationshintergrund, die meisten seiner Angestellten seien keine Biodeutschen. Er habe sogar einmal für sein Bad als „Schmelztiegel der Kulturen“ geworben. Das ändert nichts daran, dass Nobel, der nach eigenen Aussagen keiner Partei angehört, rechtsextremen und ausländerfeindlichen Kräften eine perfekte Vorlage geliefert hat. „Erstes Freibad zieht die Reißleine“, heißt es auf dem Facebook-Profil der AfD, die von „Kontrollverlust“ schwadroniert und vom „dramatischen Scheitern der ungesteuerten Zuwanderung im deutschen Alltag“. Unter den zahlreichen User-Kommentaren dominiert der Tenor: „Gar nicht erst in unser Land lassen.“Lesen Sie auchNobel hätte diese Hetze sicherlich verhindern können, wenn er in seiner Pressemitteilung auch das geschrieben hätte, was er jetzt an diesem heißen Sommertag im Schatten des Eingangshäuschens erzählt, durch das auch an diesem Tag immer wieder Migranten zum Schwimmen kommen. „Es gibt bei uns natürlich auch Hausverbote gegen deutsche Badegäste“, sagt er. Und zwar häufig wegen rassistischer Äußerungen. „Die kommen eher von Älteren, von 60-, 70-Jährigen“, so Nobel: „Die sind die Schlimmsten.“ Und dann sagt er noch etwas und unterstreicht seine Aussage, indem er Daumen und Zeigefinger zusammenhält, sodass kaum Platz zwischen den Fingern ist: Die Familien, mit denen kein Gespräch möglich sei, die gleich zum Wasser rennen, ohne dass er die Möglichkeit habe, die Baderegeln zu erklären, Familien, die keine Schwimmhilfen dabeihaben und die Kinder trotzdem im tiefen Wasser planschen lassen, die die Anweisungen der Rettungsschwimmer ignorieren – die seien wirklich die Ausnahme: „Ich spreche von einer Familie im Monat.“Was bleibt, ist ein Trümmerhaufen, den Nobel sich mit seiner schlechten Kommunikation zuzuschreiben hat und den er jetzt beseitigen muss. Hanna Henke, die Pfarrerin der nahegelegenen Gemeinde, deren Engagement für Geflüchtete Nobel unterstützt, plant gemeinsam mit ihm im Heidebad einen „Tag der Verständigung“. Lesen Sie auchDie Stadt Halle hat ihn längst aufgefordert, seine Baderegel zurückzunehmen, wonach nur Eintritt hat, wer richtig Deutsch spricht. Jetzt ist er mit den Verantwortlichen im Austausch, die Unterstützung bei der Überwindung von Sprachschwierigkeiten anbieten, beispielsweise über Piktogramme oder QR-Codes, mit denen Gäste die Baderegeln in ihrer Sprache abrufen können. Gut wäre sicher auch das: ein Schild auf Deutsch und in allen anderen relevanten Sprachen, das klarmacht: Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Ärger – egal, welche Sprache er spricht.
Strandbad-Debatte: Sprachbarrieren und der Kampf um Sicherheit im Heidebad - WELT
Kein Deutsch, kein Zutritt: Der Betreiber eines Strandbades in Halle/Saale führte eine neue Hausordnung ein – und löste eine hitzige Debatte aus. Während er von den einen gefeiert wird, beschimpfen ihn andere als Rassisten. Was ist passiert? Ein Ortsbesuch.














