Das Kind einer Influencerin wird in einer Zürcher Badi begrapscht. Sie schreit – doch niemand hilft. Wie ist es um die Sicherheit in den Anlagen bestellt?Die städtischen Sommerbäder setzen auf Eigenverantwortung statt auf einen Sicherheitsdienst. Wo das Konzept an seine Grenzen stösst.Valentina Winkler28.08.2026, 05.04 Uhr4 LeseminutenDas Sportamt der Stadt Zürich empfiehlt, sich für Sicherheitsfragen an das Badepersonal zu wenden.Goran Basic / NZZDie Stadtzürcher Freibäder verzeichnen im Sommer 2026 Rekordbesuche. Bis zum 23. August meldet das Sportamt 2,87 Millionen Eintritte. Zum Vergleich: 2025 waren es über die gesamte Sommersaison noch 2,39 Millionen Eintritte. Trotz den vielen Gästen verläuft der Zürcher Badisommer laut der Stadtpolizei sehr ruhig: Bis Mitte August gab es keinen einzigen Einsatz wegen Körperverletzung oder Tätlichkeiten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch die Polizeistatistik erfasst nur Fälle, die einen Einsatz auslösen. Was Badegäste dem Personal melden, ohne die Polizei einzuschalten, bleibt darin unberücksichtigt. Ein Vorfall aus dem Juni zeigt, was das bedeuten kann.Übergriff ohne AnzeigeSara Leutenegger ist eine der bekanntesten Zürcher Influencerinnen. Mit ihrem Ehemann Lorenzo Leutenegger, Sohn des Altstadtrats Filippo Leutenegger, hat sie zwei Söhne. Mit dem Dreijährigen war sie Anfang Sommer im Strandbad Tiefenbrunnen. Auf dem Weg zur Toilette kam plötzlich ein Mann auf sie und ihr Kind zu. Er begrapschte den Knaben.«Ich war geschockt und konnte zuerst gar nicht reagieren. Ich wusste aber sofort, dass es sich hier um keine harmlose Situation handelt», erzählt Leutenegger. Der Mann habe sie direkt angestarrt und gegrinst. Kurz darauf sei er verschwunden.Leutenegger meldete das Geschehen den Mitarbeitenden der Badi, diese entschuldigten sich und versprachen ihr, verstärkt auf solche Situationen zu achten. Leutenegger erstattete keine Anzeige bei der Polizei. Sie habe gedacht, das bringe sowieso nichts, sagt die Influencerin. Sie habe den Täter schliesslich nur kurz gesehen.Der Fall des Übergriffs auf Leuteneggers Sohn ist ein besonders gravierender Sicherheitsvorfall. Im Zürcher Badesommer beschäftigt die Stadtpolizei eigentlich aber vor allem das Thema Diebstahl. 130 Fälle wurden in diesem Jahr zur Anzeige gebracht. Die Behörden weisen mit einer grossen Plakat- und Flyer-Kampagne auf das Risiko von Diebstählen hin.Unter dem RadarHört man sich unter den Badigästen um, so erfährt man, dass sie eher weniger offensichtliche Problematiken beschäftigen. Unerlaubtes Fotografieren und Filmen sind dabei besonders grosse Themen. Eigentlich ist beides in den Stadtzürcher Bädern verboten. Gerade im Frauenbad Stadthausquai berichten Frauen aber von Vorfällen, bei denen Personen versuchen, die Badenden zu fotografieren. Das geschieht von ausserhalb der Badeanstalt.In sozialen Netzwerken zeigen sich vor allem Eltern besorgt. Sie berichten, dass sie ihre Kinder in der Badi aus Angst vor unerlaubten Aufnahmen lieber nicht im Freien umziehen.Zürich setzt auf PräventionWie reagieren die Behörden auf die Bedenken und Vorfälle? Das Zürcher Sportamt setzt bei der Sicherheit in den Badis vor allem auf Prävention. In der Frauenbadi wurde, wo möglich, ein Sichtschutz installiert. Einen ständigen Sicherheitsdienst gibt es in den Badis allerdings nicht. Gelegentlich seien Stadtpolizei, SIP Züri oder die Securitas für präventive Kontrollgänge vor Ort.Aushänge erinnern in den Badeanstalten an das Foto- und Filmverbot. Auch das Badepersonal sei für mögliche Verstösse sensibilisiert. Wenn Besucher beobachteten, dass jemand gegen die Regeln verstosse, solle das Personal darauf aufmerksam gemacht werden, empfiehlt das Sportamt. Die Mitarbeitenden können die Situation einschätzen und bei Bedarf die Polizei beiziehen.Allgemein hält das Sportamt aber fest: Schwerwiegende Übergriffe und Vorfälle seien in den städtischen Badeanlagen «äusserst selten».Experten wollen weniger InterpretationsspielraumDoch reicht das Sicherheitskonzept der Stadtzürcher Badis aus, insbesondere wenn Kinder betroffen sind? Regula Bernhard Hug, Direktorin der Kinderschutzorganisation Schweiz, sieht die Badeanstalten stärker in der Pflicht. Die Verantwortung für die Sicherheit könne nicht hauptsächlich bei den Badegästen und beim Personal liegen. Entscheidend seien für sie unmissverständliche Regeln, gerade beim Schutz von Kindern und insbesondere beim Fotografieren und Filmen. Auch weil der Kinderschutzorganisation solche Fälle relativ häufig gemeldet würden.Das Schwimmbad Tiefenbrunnen in Zürich war diesen Sommer gut besucht.Ennio Leanza / KeystoneWenn etwa im Bereich eines Kinderbeckens Smartphones ausdrücklich verboten seien, wüssten alle, was gilt, sagt Hug. Niemand könne sich dann darauf berufen, mit dem Handy lediglich lesen zu wollen. Bei Verstössen könnten Badegäste oder Eltern schneller einschreiten. Es könne auch eher verhindert werden, dass unerlaubte Aufnahmen überhaupt erst entstünden.Kloten geht einen anderen WegIm Freibad Schluefweg in Kloten setzt man im Unterschied zu den Stadtzürcher Bädern seit mehr als zehn Jahren auf einen privaten Sicherheitsdienst, der für Ordnung sorgt. Auslöser war ursprünglich eine angespannte Personalsituation beim Badipersonal. Heute versteht die Stadt Kloten die zusätzlichen Kräfte vor allem als Ergänzung zum Badipersonal.Jeweils eine Frau und ein Mann patrouillieren auf dem Gelände, vor allem auf der Liegewiese. Sie sollen mögliche Probleme früh erkennen und Badegäste bei Verstössen gegen die Hausordnung ansprechen. «Das Erfolgsrezept ist, von Anfang an deeskalierend zu wirken», sagt Kurt Steinwender, Bereichsleiter Freizeit und Sport der Stadt Kloten.Auch beim Fotografieren und bei auffälliger Nutzung von Smartphones schauen die Sicherheitsleute hin. Bei über 2000 Badegästen könne jedoch nicht alles beobachtet werden. Deshalb seien auch Hinweise von Besuchern wichtig, sagt Steinwender.Im Ernstfall allein gelassenTrotz der zusätzlichen Präsenz musste der Sicherheitsdienst in Kloten diesen Sommer nur selten eingreifen. Für Steinwender spricht das nicht gegen das Modell. Im Gegenteil: Die Sicherheitsmitarbeitenden können Situationen früh erkennen und eingreifen, bevor diese eskalieren.Der entscheidende Unterschied im Sicherheitskonzept von Kloten im Vergleich zu Zürich liegt darin, wer eine problematische Situation zuerst erkennen und einschätzen soll. In Kloten übernehmen diese Aufgabe geschulte Sicherheitskräfte. In Zürich liegt die Verantwortung zunächst vor allem bei den Badegästen. Sie sollen Auffälligkeiten erkennen und dem Personal melden.Sara Leutenegger hat laut geschrien. Umstehende sahen, was geschah, griffen aber nicht ein. Bei ihr blieb am Ende vor allem das Gefühl, mit einer sehr belastenden Situation allein gewesen zu sein.Passend zum Artikel
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