«Kein Schwimmen, nur schauen!»: Wie Migranten mit Gefahren am Wasser vertraut gemacht werdenJunge Männer aus dem Ausland laufen besonders Gefahr, zu ertrinken. Gezielte Präventionsmassnahmen sollen helfen – zum Beispiel ein Spaziergang an der Limmat in Zürich.24.06.2026, 14.23 Uhr4 LeseminutenAktualisiertIm Juli 2024 stiegen zwei junge Afghanen bei der Werdinsel ins Wasser. Augenblicke später gerieten sie in Not.NZZEs hatte viel geregnet. Doch jenem fatalen Mittwochabend vor einigen Jahren klarte es auf. Die Sonne zeigte sich am Himmel, die Limmat floss dahin. Mit mehr Wasser als sonst zwar, aber dennoch verlockend.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das dürften sich auch zwei junge Männer aus Afghanistan gedacht haben. Sie stiegen bei der Werdinsel ins Wasser. Augenblicke später gerieten sie in Not. Die Kraft der Strömung hatte sie offenbar überrascht. Einer konnte von beherzten Passanten gerettet werden. Sie sprangen ins Wasser, schwammen zum 16-Jährigen hin und konnten ihn und sich selber zurück ans rettende Ufer bringen.Das zweite Opfer allerdings trieb unentdeckt die Limmat hinunter, wahrscheinlich unter der Wasseroberfläche. Zwei Helikopter sowie mehrere Polizeitrupps und Feuerwehrleute an Land suchten den Fluss ab. Vergeblich. Gegen 18 Uhr 30 schliesslich – 45 Minuten nachdem Beobachter bei der Werdinsel Alarm geschlagen hatten – konnte der 19-Jährige aus der Luft entdeckt und wenig später von Polizeitauchern geborgen werden. Die Limmat hatte den Teenager bis hinters Kloster Fahr in Unterengstringen hinabgetrieben.Die Rettungskräfte konnten nichts mehr tun. Wie die Kantonspolizei später mitteilte, war der Mann bereits tot, als er auf der Schlieremer Seite des Flusses aus dem Wasser getragen wurde.Ungeübte SchwimmerDer verstorbene Afghane gehört zu einer Risikogruppe. Junge Männer geraten in Schweizer Seen und Flüssen immer wieder in Schwierigkeiten. Oder noch schlimmer. In der Gruppe der 17- bis 32-Jährigen kamen im vergangenen Jahr zehn Personen bei Badeunfällen ums Leben. Das Jahr zuvor waren es zwölf. All diese Opfer waren Männer. Sie stammen aus Afghanistan, Guinea, Rumänien, Nordmazedonien, Litauen, Polen, Frankreich, Italien, Spanien, Grossbritannien und der Schweiz.Hinzu kommt: Nach Erkenntnissen der Polizei dürfte es sich bei den beiden afghanischen Verunfallten von der Werdinsel um ungeübte Schwimmer gehandelt haben.Junge Männer, die kaum oder gar nicht schwimmen können und trotzdem ins Wasser wollen, weil es alle anderen auch tun im Sommer an der Limmat oder am Zürichsee: Es ist ein Problem, das angegangen werden will.Aber wie?Zum Beispiel so: «Kein Schwimmen, nur schauen!» Tanya Randegger wird diese Anweisung mehrmals wiederholen an diesem sonnigen Spätsommernachmittag in Zürich. 25 Jugendliche hören der Rettungsschwimmerin der SLRG aufmerksam zu, obwohl sie wahrscheinlich nicht alles verstehen. Die 13- bis 17-Jährigen stammen aus Afghanistan, Somalia, Eritrea und der Türkei. Die jungen Migrantinnen und Migranten sind ohne Eltern oder Verwandte in die Schweiz gekommen. Sie wohnen im Bundesasylzentrum im Industriequartier, die Schule Limmat im gleichen Viertel besuchen sie erst seit wenigen Tagen.Für sie steht in den kommenden zwei Stunden eine Präventionsmassnahme auf dem Programm: ein Spaziergang vom Sihlquai aus der Limmat entlang, der ihnen die Tücken des vermeintlich ungefährlichen Wassers im Fluss näherbringen soll. Lehrerinnen, Sozialpädagogen und Mitarbeiterinnen der Asylorganisation Zürich sind ebenfalls dabei. Man unterhält sich auch mit den Händen.Randegger fragt die Jugendlichen: «Könnt ihr gut schwimmen?» Einer von ihnen antwortet: «Alles gut, alles gut.» Die Lebensretterin ist nicht überzeugt. Aber das macht nichts. Der Kurs richtet sich an Nichtschwimmer.«Das Seil am Rettungsring gut festhalten!»Auf dem Lettensteg beim EWZ-Kraftwerk hält die Gruppe ein erstes Mal. Unten fliesst die Limmat ins Kraftwerk hinein, von Auge ist die Strömung kaum auszumachen.Aber am Seil spürt man sie: Randegger und die beiden anderen SLRG-Vertreter haben sogenannte Wurfsäcke dabei, die man in den Fluss werfen kann und die sich dort mit Wasser füllen. Die Jugendlichen müssen sie an Land ziehen. Die Vorführung soll demonstrieren, wie stark die Strömung selbst an einer solch unscheinbaren Stelle sein kann.Badegäste, die von der Kornhausbrücke oder vom Lettenviadukt ins Wasser springen, sind an diesem Nachmittag keine auszumachen. Sie könnten den Migranten als schlechtes Beispiel dienen, vor allem den jungen Männern unter ihnen.79 Prozent aller landesweit Ertrunkenen im Jahr 2025 waren männlich, 34 von 43 Todesopfern insgesamt. Warum das so ist, ist unklar. Aber: «Männer überschätzen ihre Fähigkeiten eher als Frauen, und sie unterschätzen die Gefahren im Wasser», sagt Christoph Merki, der Mediensprecher der SLRG.Wagemut, Gruppendruck und Leichtsinn liegen manchmal nahe beieinander. Aber nicht auf dem Spaziergang mit der Lebensrettungsgesellschaft und der Asylorganisation. Am Kloster-Fahr-Weg wird den Jugendlichen gezeigt, wie man einen Rettungsring ins Wasser wirft («Das Seil gut festhalten!»).Unter der Wipkingerbrücke gibt es einen Crashkurs, wie man als Nichtschwimmer Schwimmern in Not helfen kann: die Hilferufenden vom Ufer aus im Auge behalten, bis die Rettungskräfte eintreffen. Ein Seil, einen Ast, eine Stange oder ein Paddel reichen, an dem sich die Personen im Wasser festhalten können. Oder einen Rucksack («Das geht auch!»). Nur so weit ins Wasser gehen, wie man selber noch stehen kann.Panik unter WasserUnd, vielleicht die wichtigste Regel: «Nur gute Schwimmer schwimmen hinaus, um anderen zu helfen!» Denn: In Panik können Ertrinkende ihre Retter ebenfalls unter Wasser ziehen.Beim Wipkingerpark schliesslich können die Jugendlichen selber üben. Ein SLRG-Mann lässt sich den Fluss hinuntertreiben. Also werden Rettungsringe, Wurfsäcke, Bälle an Seilen ins Wasser geworfen. «Excercise!» – «Try!» – «Gut gemacht, Abdullah!» – «Wenn das Wasser schnell ist, müsst ihr zu zweit ziehen am Seil!»Dann ist der Spaziergang am Fluss für die jungen Migranten vorbei. Als Geschenk erhalten die Teilnehmer einen Rucksack und eine Wasserflasche. Und ein Faltblatt der SLRG («Tipps für das sichere Badeerlebnis») auf Farsi, Tigre oder Arabisch. Christoph Merki sagt: «Wir hoffen natürlich, dass von diesen Verhaltensregeln etwas hängenbleibt.»Dieser Artikel erschien erstmals im August 2025. Er wurde im Juni 2026 aktualisiert.Passend zum Artikel