Subventionen nur noch gegen Resultate: Der ausgebildete Landwirt Guy Parmelin will, dass die Bauern künftig wie Unternehmer denkenMit der Agrarpolitik 2030 will der Wirtschaftsminister in der Landwirtschaft ein neues Mindset etablieren und damit auf den Klimawandel reagieren.02.09.2026, 18.28 Uhr4 LeseminutenBundespräsident Parmelin will in der Landwirtschaft ein marktwirtschaftliches Mindset etablieren.Peter Klaunzer / KeystoneBundespräsident Guy Parmelin hatte schon viele Jobs. Als junger Lehrling knechtete er ein Jahr lang auf einem Bauernhof am Murtensee. Später wurde er Winzer und kelterte Trauben. Seit sieben Jahren ist er nun Wirtschaftsminister. Und als er an diesem Mittwochnachmittag über die künftige Landwirtschaftspolitik referiert, klingt es, als habe er wieder einen neuen Job: Business-Coach.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Parmelin verspricht den Bauern «mehr unternehmerische Freiheit» und «weniger Bürokratie». Dafür verlangt er von ihnen aber auch mehr Verantwortung. Er erklärt, welche Chancen neue Technologien brächten, erhofft sich davon aber «mehr Effizienz» und «eine gesteigerte Produktivität». Sein Ziel lautet: eine nachhaltige Produktion zu fördern und dadurch mehr Rentabilität zu generieren. Nicht nur für die Bauern, sondern für die ganze landwirtschaftliche Produktionskette.Die Grundlage für den Business-Case, den Parmelin am Mittwochnachmittag entwirft, ist die Agrarpolitik 2030 plus, die der Bundesrat wenige Stunden zuvor verabschiedet und in die Vernehmlassung geschickt hat. Konkret will der Bundesrat das System der Direktzahlungen für die Schweizer Bauern reformieren. Künftig sollen sie ihre Gelder nicht mehr dann erhalten, wenn sie die Vorschriften des Bundes möglichst detailgetreu befolgen, sondern wenn sie die vordefinierten Ziele erreichen. Entscheiden soll das Ergebnis auf den Feldern und Äckern.Heute ist die Schweizer Landwirtschaft eine hochsubventionierte Branche. Daran wird auch Parmelins neue Agrarpolitik wenig ändern. Zudem ist sie mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert, die sich in diesem Hitzesommer akzentuiert haben. Laut Parmelin ist die Reaktion des Bundesrates darauf jedoch «kein Bruch» mit der bisherigen Politik oder gar eine «Revolution». In erster Linie verordnet der Wirtschaftsminister der Land- und Ernährungswirtschaft ein neues, marktwirtschaftliches Mindset: «Die Bauern müssen sich als Unternehmer verstehen.»Erste Reaktionen von links bis zu Parmelins eigener Partei, der SVP, sind kritisch ausgefallen – und das aus den unterschiedlichsten Gründen.Der Hitzesommer verschärft die SituationIn den vergangenen Wochen verging kaum ein Tag, an dem keine neue Meldung über Probleme der Schweizer Bauern erschien. Wegen der Trockenheit musste die Armee im Kanton Freiburg Wasser auf die Alpen fliegen. Auf den Wiesen im Unterland wuchs das Gras kaum noch. Daraus resultierte ein Futtermangel, der die Bauern zwang, ihre Tiere zu schlachten.Schon seit zwanzig Jahren ergreife die Politik Massnahmen gegen den Klimawandel: Bundespräsident Guy Parmelin besucht 2024 einen Hof im Kanton Bern.Alessandro Della Valle / KeystoneZu den Folgen des Hitzesommers kommen all jene Probleme, die die Landwirtschaft seit Jahren beschäftigen. Milchbauern klagen über zu tiefe Milchpreise, die Abnehmer über volle Lager und eine anachronistische Überproduktion. Umweltverbände und Naturschützer kritisieren die Belastung der Böden und Gewässer. Sie fordern deshalb strengere Vorschriften, was jedoch zu mehr Bürokratie führt und die Bauern verzweifeln lässt.Mit der Neuausrichtung der Direktzahlungen – «entscheidend ist das Resultat auf dem Feld, nicht der Weg dorthin» – erhofft er sich eine Entbürokratisierung. Anstatt jeden Arbeitsschritt in Formularen zu dokumentieren, sollen Bauern ihre Daten auf der neuen Plattform «agridata» hochladen. Von dort sollen sie unkompliziert zwischen Bauern, Labels wie Bio Suisse und dem Bund ausgetauscht werden können.Zudem will der Bundesrat die Stellung der Bauern an den Märkten verbessern: Richtpreise der Branchenorganisationen sollen künftig publiziert und ihre Berechnung ebenfalls veröffentlicht werden. Gleichzeitig will der Bundesrat den Milchpreis weiter stützen, so wie es das Parlament bereits gefordert hat. Auch pflanzliche Produkte zur menschlichen Ernährung will er vermehrt fördern.Damit sich die Bauern an den Klimawandel anpassen können, plant der Bundesrat Beratungsangebote. So sollen sie über moderne Anbaumethoden, Schutzmassnahmen für Insekten und neue Technologien informiert werden. Mit Zielvereinbarungen für die Detailhändler will der Bundesrat die nachhaltige Lebensmittelproduktion zusätzlich ankurbeln. In seiner Mitteilung schreibt der Bundesrat, dass dadurch auch sämtliche Akteure in der Wertschöpfungskette, inklusive Konsumenten, ihre Verantwortung noch stärker wahrnehmen könnten.Offenbar ist auch der Einkaufszettel der Bevölkerung Teil von Parmelins neuer Agrarpolitik.Kleinbauern gegen den LandwirtschaftsministerNur: Reichen diese Massnahmen nach dem vergangenen Sommer aus? Parmelin reagiert leicht genervt auf die Frage und sagt: «Seit zwanzig Jahren, ich wiederhole, seit zwanzig Jahren ergreift die Politik Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel.» Man investiere in die Fruchtbarkeit der Böden, in resistente Sorten usw. In der sogenannten «Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung» listet der Bundesrat beispielsweise über vierzig entsprechende Massnahmen auf. Wenig später erklärte Parmelin, er schliesse nicht aus, dass der Bundesrat «gewisse Punkte» in diesem Bereich noch «nachbessern» werde.Genau das werden Umweltverbände und Linke von ihm fordern. WWF, Pro Natura, Greenpeace und Birdlife Schweiz schrieben wenig später in einer gemeinsamen Mitteilung, die Reaktion des Bundesrates auf den Klimawandel konzentriere sich derzeit auf kurzfristige Entlastungen. «Heuimporte aus Kanada mögen eine Notlösung sein, taugen aber kaum als zukunftsfähiges Modell.» Die Verbände wollen in der Vernehmlassung deshalb «grundlegende Reformen» einfordern.Die SP lobte zwar Parmelins Ansatz, die Verantwortung für die Agrarpolitik auf die Lebensmittelindustrie und den Grosshandel auszuweiten, beklagte jedoch, die Massnahmen gingen zu wenig weit. Die SVP, Parmelins eigene Partei, kritisierte allerdings genau diesen Punkt und schrieb von einer «Öko-Bürokratie».Am deutlichsten kritisierte jedoch die Kleinbauernvereinigung das Vorhaben des Bundesrates. In einem Communiqué heisst es, der Bundesrat fördere «aktiv das Hofsterben». Der Grund dafür: Im Talgrund und in der sogenannten Hügelzone erhöht der Bundesrat die Voraussetzungen für den Erhalt von Direktzahlungen. Bergbauern sind von dieser Verschärfung ausgenommen. Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft würden dadurch mehr als 2000 Klein- und Kleinstbetriebe ihren Anspruch auf Direktzahlungen verlieren. Das entspricht laut der Kleinbauernvereinigung rund jedem zehnten Bauernhof.Der Bundesrat gewährt den Kleinbauern jedoch eine Übergangszeit. Parmelin sagte dazu, die Umstellung werde «sicher nicht einfach» werden, jedoch nicht von einem auf den anderen Tag kommen. Man signalisiere den Kleinbauern aber klar, dass sie nun Lösungen finden, Synergien nutzen und beispielsweise Kooperationen innerhalb eines Dorfes eingehen müssten.Diese etwas umständlichen Formulierungen lassen sich in der Sprache eines Business-Coachs eigentlich in einem Wort zusammenfassen: Strukturwandel.Passend zum Artikel
Agrarpolitik 2030: Parmelin will, dass die Bauern wie Unternehmer denken
Mit der Agrarpolitik 2030 will der Wirtschaftsminister in der Landwirtschaft ein neues Mindset etablieren und damit auf den Klimawandel reagieren.









