«Von Zeit zu Zeit eine gute St. Galler Bratwurst»: Bundesrat Parmelin äussert sich zur Ernährungsinitiative und seinem MenüplanDie Initiative will, dass die Schweizer Bauern weniger tierische und mehr pflanzliche Produkte herstellen, wählt für dieses Ziel laut dem Bundesrat aber die falschen Mittel.11.08.2026, 17.53 Uhr3 LeseminutenDie Ernährungsinitiative will laut Bundespräsident Parmelin «zu viel» und zwar «zu schnell».Peter Schneider / KeystoneNicht einmal zehn Minuten, dann schien alles gesagt. Am Dienstag hat der Bundespräsident und Landwirtschaftsminister Guy Parmelin erläutert, weshalb der Bundesrat die Ernährungsinitiative ablehnt. Dabei spricht das Volksbegehren, wie Parmelin erläuterte, durchaus wichtige Forderungen an. Allerdings sei die Umsetzung der Initiative eben «extrem schwer bis unmöglich».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tatsächlich fordern die Initianten ein grundlegendes Umdenken und einen weitreichenden Umbau der Schweizer Landwirtschaft. In Zukunft sollen die Schweizer Bauern bei gleichbleibender Fläche mehr Menschen ernähren. So wollen die Initianten die Selbstversorgung stärken, was sich speziell während Krisen und Kriegen auszahlen solle. Konkret soll der sogenannte Selbstversorgungsgrad innert zehn Jahren von fünfzig auf siebzig Prozent gesteigert werden.Möglich soll das ein ökologischer Umbau der Produktion machen. Die Initianten fordern von der Landwirtschaft nämlich nicht nur mehr Rücksicht auf Böden und Gewässer, sondern dass vermehrt pflanzliche und weniger tierische Produkte angebaut werden. Sollte die Initiative angenommen werden, müsste der Bund entsprechende Fördermassnahmen ergreifen.Hinter der Initiative steht ein Verein um die Umweltaktivistin Franziska Herren, die zuletzt mit der Trinkwasserinitiative ähnliche Ziele verfolgte, an der Urne jedoch scheiterte. Das könnte sich bei der kommenden Abstimmung wiederholen: Nicht nur der Bundesrat, sondern auch das Parlament lehnt die Vorlage ab. Beide Kammern stimmten einstimmig (!) dagegen. Keine einzige Partei unterstützte die Vorlage. Auch ein Gegenvorschlag blieb chancenlos.Der Abstimmungskampf erinnert an einen FoodblogDer Bauernverband, der schon im Abstimmungskampf zur Trinkwasserinitiative der grosse Gegenspieler von Initiantin Herren war, wirbt bereits offensiv gegen ihre neue Vorlage. Auf Plakaten spricht er von einem «Vegan-Zwang» und warnt vor staatlich verordneten Menüplänen.Auch ein äusserst heterogenes Nein-Komitee, das ein Spektrum von Bauernpräsident Markus Ritter bis zur grünen Nationalrätin Christine Badertscher abdeckt, wirbt mit diesem Slogan. In den sozialen Netzwerken teilte dieses Komitee schon fleissig Beiträge. Zu sehen sind: Cervelats, Schnitzel, Älplermagronen, Fonduegabeln und Raclettepfännchen. Auf einem Bild ist zu lesen: «Ohne Käse ist alles doof.» Es sind Bilder und Sätze wie aus einem Foodblog.Ähnlich klang es auch am Dienstag in Bern. Da Landwirtschaftsminister Parmelin äusserst effizient die Sichtweise des Bundesrates vortrug, blieb reichlich Zeit für Fragen. Nachdem er erklärt hatte, dass die Transformation der Landwirtschaft hin zu mehr Pflanzenprodukten wichtig sei, wollte ein Journalist wissen, ob der Bundespräsident seine eigenen Essgewohnheiten bereits angepasst habe. Parmelin antwortete, seine Frau achte darauf, dass er genug Gemüse und Früchte zu sich nehme. «Aber von Zeit zu Zeit esse ich auch eine gute St. Galler Bratwurst.»Selbst die Grünen distanzieren sichIn den vergangenen Wochen und Monaten haben sich bereits mehrere Umweltverbände und Umweltpolitiker von der Initiative distanziert. Im Frühjahr sagte die Grüne Nationalrätin Franziska Ryser in der «Wochenzeitung», die Initiative sei «gut gemeint, aber nicht gut gemacht». Ihre Parteikollegin, die Agronomin Christine Badertscher, sagte, es sei eine Illusion, das bei einem Ja alle plötzlich Bohnen und Linsen kochen würden. Diese Woche sagte die grüne Nationalrätin Meret Schneider in den Tamedia-Zeitungen, das Ziel der Initiative, also ein Selbstversorgungsgrad von siebzig Prozent innert zehn Jahren, sei eine «realitätsfremde Vorgabe».Es sind Aussagen, die so auch von Bundespräsident Parmelin kommen könnten. Er sagte am Dienstag, die Initiative wolle «zu schnell zu viel». Die Bauern, so Parmelin, hätten in den vergangenen Jahren viel in ihre Ställe investiert. Ein radikaler Umbau ihrer Produktion könnte dazu führen, dass diese Investitionen noch vor der Abschreibung nutzlos würden. Einem grundsätzlichen Umbau der Landwirtschaft hielt er eine langfristige Transformation entgegen.Im vergangenen Frühjahr präsentierte Parmelin erste Ideen für die künftige Schweizer Agrarpolitik. Mit einer entsprechenden Vorlage, die der Bundesrat im Herbst in die Vernehmlassung schicken will, soll die Landwirtschaft «widerstandsfähiger und nachhaltiger» werden. Konkret sollen die Produzenten von pflanzlichen Produkten vermehrt gefprdert werden. Auch der Selbstversorgungsgrad soll gesteigert werden. Allerdings gehen die Pläne des Bundesrates viel weniger weit, als die Initiative. Folgerichtig erklärte Parmelin am Dienstag, er wolle die «Agrarpolitik 2030plus» auch gar nicht als Alternative zur Ernährungsinitiative präsentieren.Allerdings wäre das auch gar nicht glaubwürdig gewesen. Ökonomen forderten in den vergangenen Jahren nämlich immer wieder Lenkungsabgaben für einen nachhaltigen Umbau der Landwirtschaft. Eine Idee, die an die Ziele der nun diskutierten Ernährungsinitiative erinnert. Doch schon im Frühjahr hatte sich der Bundesrat klar dagegen ausgesprochen.Passend zum Artikel