«Aggression gegenüber Europa»: Deutschland gibt Russland die Schuld an dem versuchten Drohnenanschlag in Leipzig und schliesst das GeneralkonsulatEinen Monat nach dem versuchten Anschlag auf den Flughafen Leipzig macht die deutsche Bundesregierung Russland verantwortlich. Als Vergeltung verhängt Berlin ein Massnahmenpaket.01.09.2026, 19.24 Uhr3 Leseminuten«Russland ist verantwortlich»: der deutsche Aussenminister Johann Wadephul (links) und der Innenminister Alexander Dobrindt.Sean Gallup / GettyDie deutsche Bundesregierung hat erstmals Russland für den versuchten Sprengstoffanschlag auf den Flughafen Leipzig vor einem Monat verantwortlich gemacht. An einer Pressekonferenz am Dienstagabend in Berlin erklärte der Innenminister Alexander Dobrindt, nachrichtendienstliche Erkenntnisse deuteten klar auf eine «russische Involvierung» hin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anfang August war ein Anschlag mit einer mit Sprengstoff beladenen Drohne auf ein ukrainisches Frachtflugzeug im Sicherheitsbereich des Flughafens fehlgeschlagen. Tathergang und Tatwerkzeuge seien von anderen Operationen Russlands bekannt, sagte Dobrindt. Er gehe davon aus, dass der Anschlag von «Low-Level-Agenten» durchgeführt worden sei. Damit sind Täter gemeint, die von Russland vor Ort oder per Internet für Hilfsdienste oder Anschläge rekrutiert werden. Die Ermittlungen dauerten weiter an, so Dobrindt.Der deutsche Aussenminister Johann Wadephul stellte ein scharfes Massnahmenpaket gegen Russland vor. Das russische Generalkonsulat in Bonn soll noch im September geschlossen werden. Zudem soll der Vertrag über die staatliche Kulturinstitution Russisches Haus in Berlin gekündigt werden, die seit langem der Nähe zur russischen Spionage verdächtigt wird. Ausserdem sollen neue Personen für die EU-Sanktionsliste vorgeschlagen, die Einreisekontrollen für russische Staatsangehörige verschärft und der Druck auf die russische Schattenflotte in der Ostsee erhöht werden. Am Dienstagabend sei der russische Botschafter ins Auswärtige Amt zitiert worden.Beide Minister betonten den grösseren Zusammenhang hybrider Angriffe im Rahmen der europäischen Unterstützung der Ukraine. Wadephul sprach von einer «langen Reihe von Versuchen der Destabilisierung», die er «Aggression gegenüber Europa» nannte. Jedoch wolle die Bundesregierung die Ukraine weiterhin in ihrem Abwehrkampf gegen Russland unterstützen. «Wir befinden uns nicht im Krieg», sagte der Innenminister Dobrindt, «aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.»Wadephul will seine EU-Amtskollegen am Mittwoch bei einem informellen Treffen in Irland über die bisherigen Erkenntnisse informieren. Dabei soll auch über eine mögliche gemeinsame europäische Reaktion beraten werden.Ein Polizist untersucht die Drohne nach dem versuchten Anschlag am Leipziger Flughafen.ReutersRussland streitet jede Beteiligung abEine Sprecherin des russischen Aussenministeriums verkündete am Dienstagabend, Moskau werde «auf alle antirussischen Entscheidungen eine Antwort geben». Sie führte nicht aus, welche Massnahmen geplant sind, sie sollen aber «spiegelbildlich» sein. Zur Kündigung des Vertrages für das Russische Haus sagte sie, Deutschland habe sich «selbst völlig beschmutzt», indem es den Ukraine-Krieg angeheizt und sich an Terroranschlägen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt habe.«Wenn solche schweren Anschuldigungen erhoben werden, sollten sie irgendwie untermauert werden», sagte Kremlsprecher Peskow laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Deutschland gehe den Weg der Eskalation.Bislang hat Russland jede Beteiligung an dem Drohnenanschlag stets abgestritten. Kurz nach dem Anschlagsversuch hatte die russische Botschaft in Deutschland von einer «hastig zusammengeschusterten Provokation» gesprochen, die den Zielen der Ukraine und des «militaristischen Flügels der europäischen politischen Klasse» diene. Sie warnte im gleichen Zuge vor einer «neuen Welle antirussischer Hysterie in Deutschland».Bis zur Pressekonferenz am Dienstag hatte die deutsche Regierung einerseits vermieden, einen konkreten Verdacht auszusprechen, und andererseits Erwartungen einer harten Antwort geweckt. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte etwa in der vergangenen Woche davon gesprochen, die Urheber des Anschlags würden «dafür bezahlen». Bundesinnenminister Dobrindt hatte zunächst abstrakt von einem «hybriden Anschlagsszenario» und «fremden Mächten» gesprochen. Für diese Zurückhaltung war die Bundesregierung von Teilen der Opposition scharf kritisiert worden.Der Leipziger Flughafen entging nur knapp einem UnglückDer Anschlagsversuch fand am Abend des 4. August am Flughafen zwischen Leipzig und Halle statt. Kurz vor Mitternacht entdeckten Mitarbeiter eine mit Sprengstoff und Zünder bestückte Drohne in der Nähe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow. Gemäss Videoaufnahmen hatte die Drohne bereits früher am Abend eine Tragfläche des Flugzeugs angegriffen, war aber nicht explodiert. Womöglich versagte der Zünder.Nach dem Fund wurde der Flugverkehr zeitweilig gesperrt. Als ein Frachtflugzeug wegen der Sperrung umkehrte und durchstartete, kollidierte es mit einem unbekannten Flugobjekt. Möglicherweise war dies eine zweite Drohne, die beim Anschlag helfen sollte. Zwar wurden am Flugzeug Kollisionsspuren festgestellt, die Überreste des möglichen Flugobjekts aber nicht.Zehn Tage danach wurde eine weitere Drohne in einem Ort nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt gefunden. Auch dort stellten Ermittler Sprengstoff sicher, mutmasslich militärischer Herkunft. Daraufhin wurde in unmittelbarer Nähe zum Flughafen eine technische Konstruktion mit einer Antenne sichergestellt. Zudem entdeckten Ermittler dort Spuren einer Detonation. Möglicherweise wollten die Täter auf diese Weise Spuren vernichten.Die deutsche Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Sie stufte den Vorfall als schwerwiegend ein. Er sei geeignet gewesen, die Sicherheit der Bundesrepublik zu gefährden. Wäre der Anschlag erfolgreich gewesen, wäre es wohl zu schweren Schäden an der Infrastruktur gekommen, womöglich aber auch zu Verletzten und Toten.Passend zum Artikel