KommentarDie Ernährungsinitiative will die Schweiz mit mehr Eigenproduktion krisenfester machen und dafür die Landwirtschaft radikal umbauen. Doch mehr Selbstversorgung um jeden Preis schafft mehr Probleme, als sie löst.01.09.2026, 05.35 Uhr5 Leseminuten70 Prozent Selbstversorgung. Was die Ernährungsinitiative heute fordert, gelang der Schweiz zuletzt im Krieg. In den Jahren 1940 bis 1945 wurde in der Schweiz umgepflügt, was sich umpflügen liess. Wiesen wurden in Äcker umgewandelt und Wälder gerodet, um mehr Anbauflächen zu schaffen. «Kein Stück Land darf ungenutzt bleiben», verkündete der Sprecher in der «Filmwochenschau» mit Pathos. Selbst auf der Sechseläutenwiese, wo heute Quarzit-Platten aus Vals den Platz bedecken, erntete man in den Kriegsjahren Getreide.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Linke feierte die Anbauschlacht damals als Triumph der Planwirtschaft, bäuerliche Stimmen sahen die Schweiz auf dem Weg zurück zur lange beschworenen Scholle, rechte Kreise betrachteten sie als Symbol nationaler Erneuerung. Doch das eigentliche Ziel des späteren Bundesrats Friedrich Traugott Wahlen, eine autarke Versorgung mit Lebensmitteln zu erreichen, wurde verfehlt. Trotz drastischen Eingriffen im Zuge der Kriegswirtschaft liess sich der Selbstversorgungsgrad in der Schweiz «nur» auf gut 70 Prozent steigern. Und selbst diese Zahl täuscht: Die Quote stieg nicht zuletzt deshalb an, weil der Bevölkerung insgesamt deutlich weniger Nahrung zur Verfügung stand.Nicht einmal die Grünen sind dafürNun will die Umweltaktivistin Franziska Herren mit einer Initiative die gleiche Marke wieder erreichen. Gerade einmal zehn Jahre räumt das Volksbegehren der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft ein, um diesen fundamentalen Umbau zu schaffen – und das, obwohl unmittelbar weder Krieg noch Rationierungen drohen. Anders als vor 85 Jahren sind heute fast alle gegen das Vorhaben: Die Linke fürchtet höhere Lebensmittelpreise, die Bauern warnen vor einem «Vegan-Zwang», die Rechtsparteien vor einem Regulierungswahn. Nicht einmal die Grünen konnten sich zu einer Ja-Parole durchringen.Bemerkenswert ist, dass die Initiative für eine sichere Ernährung im Kern der gleichen Logik folgt wie der Plan Wahlen: Werden auf einer gegebenen Fläche Kulturpflanzen für den direkten menschlichen Verzehr angebaut, lassen sich damit wesentlich mehr Menschen ernähren als über die Tierproduktion. Denn bei der Umwandlung von Futtermitteln in Fleisch gehen grosse Mengen Energie verloren. Bauen die Landwirte also Getreide, Hülsenfrüchte oder Gemüse statt Tierfutter an, können sie auf derselben Fläche ein Vielfaches an Kalorien für die Bevölkerung produzieren.Wahlen wollte die Schweiz – aus nachvollziehbaren Gründen – für den Fall rüsten, dass die Einfuhren im Krieg weitgehend versiegten. Und auch Herren argumentiert mit der Abhängigkeit vom Ausland: Fallen Importe wegen Kriegen, Handelskonflikten oder extremen Wetterereignissen aus, könne die Schweiz ihre Bevölkerung nicht mehr ausreichend versorgen. Deshalb brauche es einen höheren Selbstversorgungsgrad.Doch mit dem Selbstversorgungsgrad ist es so eine Sache: Bei näherer Betrachtung ist er bloss eine theoretische Rechengrösse, die misst, wie viele der in der Schweiz konsumierten Kalorien im Inland produziert werden. Wie krisenfest das Ernährungssystem tatsächlich ist, darüber sagt die Kennzahl herzlich wenig aus. Umso fragwürdiger ist es, eine solche Zielgrösse in der Verfassung zu verankern.So gilt eine Kalorie aus Schweizer Weizen vollständig als einheimische Produktion, auch wenn dafür importierter Dünger, Diesel, Saatgut oder ausländische Maschinen nötig sind. Auf diese Produktionsmittel ist nicht zuletzt die intensive Landwirtschaft, wie sie vor allem im Mittelland betrieben wird, jedoch zwingend angewiesen. Werden diese Abhängigkeiten mitberücksichtigt, liegt der Selbstversorgungsgrad hierzulande noch tiefer, als er ohnehin schon ist. Davon auszugehen, dass mit einer Annahme der Ernährungsinitiative die Versorgung zwangsläufig sicherer wird, ist deshalb verfehlt. Wenn etwas mehr im Inland produziert wird, heisst das noch lange nicht, dass damit auch die Versorgung sicher ist.Umgekehrt ist auch der Import von Lebensmitteln nicht automatisch ein Sicherheitsrisiko. Im Gegenteil: Handel hilft, die Risiken zu verteilen. Fällt die Ernte wie diesen Sommer wegen der anhaltenden Trockenheit schlecht aus, ist es ein Vorteil, auf Lieferungen aus unterschiedlichen Ländern zurückgreifen zu können. Wer Importe nach Herkunft und Transportwegen diversifiziert, macht sich dabei nicht zwingend abhängiger, sondern in den meisten Fällen widerstandsfähiger. Nach mehreren Missernten in den vergangenen Jahren konnten Schweizerinnen und Schweizer in den vergangenen Jahren zum Beispiel nur deshalb weiterhin Pommes frites und Chips essen, weil die Behörden zusätzliche Kartoffelimporte erlaubten.Mehr Selbstversorgung hat ihren PreisAuch die Bürgerinnen und Bürger zahlen für mehr Selbstversorgung einen Preis. Damit sie mit einheimischen Produkten versorgt werden, unterstützt der Staat die Landwirtschaft heute jährlich mit mehr als 4 Milliarden Franken, der Grenzschutz verteuert Lebensmittel für die Konsumenten zusätzlich um geschätzte 3 Milliarden. Sie erhalten dafür auch Gegenwerte – Nahrungsmittel, gepflegte Landschaften und Leistungen für den ländlichen Raum. Doch ist nicht zu erwarten, dass eine erzwungene Erhöhung der Selbstversorgung diese Kosten senken würde, im Gegenteil: Sie müsste mit noch mehr Schutz, Subventionen und staatlichen Anreizen erkauft werden.Umgesetzt werden könnte die Ernährungsinitiative wohl ohnehin nur, wenn die Produktion weiter intensiviert würde. Mehr Getreide, Kartoffeln oder Ölsaaten statt tierischer Produktion mögen den Selbstversorgungsgrad zwar erhöhen. Doch als Erstes geopfert würden wohl jene knapp 20 Prozent der Landwirtschaftsfläche, die heute für die Biodiversität zur Verfügung stehen. Zudem würden die Bauern wohl noch mehr düngen und spritzen, statt zu schützen. Ob das erklärte Ziel der Initiative, der Zerstörung der Artenvielfalt und Bodenfruchtbarkeit entgegenzuwirken, erreicht würde, ist deshalb höchst fraglich.Auch am Konsum dürfte die Neuausrichtung der Landwirtschaft nicht spurlos vorbeigehen. Zuletzt ist der Fleischverzehr in der Schweiz leicht gestiegen, beim Poulet sogar deutlich. Produziert die Schweiz künftig weniger tierische Produkte, müssten sie entweder im grossen Stil importiert werden – oder der Staat müsste mit Abgaben und Zwangsmassnahmen versuchen, die Nachfrage zu senken. Denn es spricht wenig dafür, dass Schweizerinnen und Schweizer freiwillig in grossem Stil Bohnen und Linsen statt Fleisch essen werden.Umbau gefährdet bestehende BauernbetriebeSicher ist derweil, dass bei einer Annahme der Initiative ein schmerzhafter Strukturbruch auf die Bauern zukäme: Über Jahrzehnte hinweg haben sie in grosse Ställe mit Futterlager, Melkroboter und andere teure Einrichtungen investiert. Viele Familien haben sich deswegen stark verschuldet. Werden sie nun gezwungen, ihre Kuh- und Schweinebestände zu reduzieren, dürften sie in finanzielle Schieflage geraten. Die Initiative sieht zwar finanzielle Entschädigungen für solche Fälle vor. Doch das würde die Steuerzahler teuer zu stehen kommen.Will die Schweiz eine sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln schaffen, gibt es intelligentere Strategien als jene, die Franziska Herren mit der Ernährungsinitiative vorschlägt. Sich auf die Produktion im Inland zu versteifen, gewährt keine Garantie, dass in einer Krise Nahrungsmittel in ausreichender Menge vorhanden sind. Wichtiger ist, dass die Schweiz über eine leistungsfähige Landwirtschaft verfügt, die im Krisenfall ihre Produktion anpassen und sich auf besonders wichtige Lebensmittel konzentrieren kann.Vor allem aber darf Versorgungssicherheit nicht mit Abschottung verwechselt werden. Für ein kleines, dichtbesiedeltes Land wie die Schweiz heisst das, dass sie über eine breite Auswahl an Bezugsquellen verfügen sollte und die Grenzen zumindest teilweise offen hält. Fällt eine Ernte in der Schweiz wegen einer Dürre aus oder bricht eine Lieferroute weg, müssen Alternativen zur Verfügung stehen.Schliesslich muss die Schweiz auch den natürlichen Ressourcen Sorge tragen. Denn langfristig kann die Produktion von Nahrungsmitteln nur dann aufrechterhalten werden, wenn die Böden fruchtbar bleiben, die Gewässer geschont werden und die Biodiversität intakt bleibt. Es wäre deshalb zu wünschen, dass der Bund mit mehr Nachdruck darauf pocht, dass die Umweltziele für die Landwirtschaft eingehalten werden – und bestehende Vorschriften nicht noch weiter verwässert werden.Eine sichere Versorgung mit Lebensmitteln entsteht also aus einer widerstandsfähigen Landwirtschaft, offenen Handelswegen und intakten natürlichen Grundlagen – nicht aus dem Streben nach einer möglichst hohen Selbstversorgungsquote. Eine zweite Anbauschlacht braucht die Schweiz nicht.22 KommentareMarc Anderson 02.09.2026Da gibt’s jetzt so‘ne chinesischen Androiden-Roboter, die können sicher nicht nur melken, sondern auch ausmisten, Schweineschlachten, Musk will seine Tesla-Optimusse für unter CHF10K anbieten. Eines Tages können die sicher alle Arbeiten am Hof erledigen, dann kostet ein Möhchen vielleicht nur 1Rp. ?Hansjörg Stieger 02.09.20261 EmpfehlungKrass die quassler hier. Die meisst haben nicht geschnallt das es Herren nur ums Wasser geht.