Weniger Fleisch, mehr Getreide: Die Ernährungsinitiative bringt die Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs zurück – und den Fan eines Altbundesrats ins SchwärmenDie Ernährungsinitiative weckt bei manchen Erinnerungen an die Zeit, als das Volk vereint Getreide säte. Ist das mehr als Nostalgie?30.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenErnst Wüthrich steht vor der Gedenktafel von Friedrich Traugott Wahlen. Unter dem Arm trägt er ein Buch über den ehemaligen Bundesrat.Linda KäsbohrerErnst Wüthrich hat Jahre damit verbracht, die Erinnerung an einen Mann wachzuhalten, dessen Name nur wenigen etwas sagt. Doch gerade erleben die Ideen dieses vergessenen Mannes ein Comeback. Und Wüthrich, 83 Jahre alt, eine späte Genugtuung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es geht um Friedrich Traugott Wahlen, ehemaliger Professor für Agronomie der ETH und Bundesrat von 1958 bis 1965. Wahlen war der Erfinder der sogenannten Anbauschlacht, die während des Zweiten Weltkriegs dazu beigetragen hat, dass die Schweizer Bevölkerung genug zu essen hatte. Und Ernst Wüthrich ist so etwas wie sein grösster Fan.Vier Filme hat Wüthrich über Wahlen gedreht, einen Verein zu dessen Ehren gegründet und über achtzig Vorträge gehalten. Als er sich an einem Donnerstagmorgen dem agrarwissenschaftlichen Institut der ETH in Zürich nähert, nickt er plötzlich in Richtung der Mauer, wo an einer unscheinbaren Stelle eine Gedenktafel hängt. Sie zeigt den ehemaligen Bundesrat Wahlen als kahlköpfigen Mann mit Brille und tiefer Falte um den Mund. «Er war ein zierlicher Typ», sagt Wüthrich, «fromm, humanistisch, ein Vorbild für meine ganze Familie.»Ende September stimmt die Schweiz über die Ernährungsinitiative ab, die einen radikalen Umbau der Schweizer Landwirtschaft verlangt. Hinter der Initiative steht die Berner Umweltaktivistin Franziska Herren. Sie fordert, dass die Schweiz mehr Nahrung selbst produziert. Innert zehn Jahren soll der Selbstversorgungsgrad auf 70 Prozent steigen. Das ist ungefähr gleich viel, wie die Schweiz zur Zeit der Anbauschlacht erreicht hatte.Damals war das Land von den Achsenmächten umzingelt, die Importe brachen ein. Die Schweiz musste die inländische Produktion rasch erhöhen, das Essen wurde mit Lebensmittelmarken rationiert. Die Ernährung wurde zu einer wichtigen Verteidigungslinie der Schweiz.Heute tobt um die Ernährung kein Krieg, aber ein Kulturkampf. Die Bauern wehren sich mit dem Slogan «Kein Vegan-Zwang» gegen die Ernährungsinitiative. Denn diese hätte zur Folge, dass in der Schweiz weniger Kühe und Schweine gehalten und weniger Tierfutter angebaut würde. Stattdessen sollen die Bauern mehr Getreide und Hülsenfrüchte anpflanzen, die für den direkten Verzehr durch Menschen geeignet sind. So liesse sich ein grösserer Teil der Bevölkerung mit Kalorien versorgen, argumentiert Herren.Die Initiative hat kaum Chancen, angenommen zu werden. Doch die Idee einer stärker pflanzlich ausgerichteten Landwirtschaft stösst in grünen und ökologischen Kreisen auf Sympathien. Und nicht nur dort. Bei manchen weckt sie patriotische Gefühle und Erinnerungen an die Zeit, als die Fussballplätze und Hinterhöfe der Schweiz zu Kartoffeläckern umgepflügt wurden.Auch der Sechseläutenplatz in Zürich wurde zum Acker umgepflügt.Photopress / KeystoneIm ersten Stock des agrarwissenschaftlichen Instituts hat Ernst Wüthrich auf einem Tischchen seine schwarze Aktenmappe ausgebreitet. Er wühlt durch einen Stapel aus Studien, Kopien, Zeitungsartikeln. Dann zieht er ein grosses, gefaltetes Blatt mit schwarz-weissen Fotografien hervor. Frauen in steifen Röcken, Männer mit Schnurrbärten, ernste Gesichter. Es sind Fotos von Wüthrichs Vorfahren aus dem Emmental.Wüthrich stammt aus einer Bauernfamilie und erinnert sich gut daran, wie seine Mutter über die harte Arbeit während der Anbauschlacht klagte. Auf einem Bild ist Wüthrichs Vater zu sehen, der mit dem ehemaligen Bundesrat Wahlen, einem Nachbarsbuben, befreundet war.Einmal hat Wüthrich den ehemaligen Bundesrat persönlich getroffen. Es war ein Sonntag in den 1970er Jahren, die Familie Wüthrich feierte in einem Restaurant in Belp die Verlobung eines ihrer Söhne, als sie den Altbundesrat Wahlen an einem Nebentisch mit dessen Gattin erspähte. Der Vater Wüthrich wollte seinen alten Freund begrüssen und stellte seine Kinder in einer Einerreihe auf, dem Alter nach geordnet. «So sind wir dann an Wahlens Tisch getreten und haben ihm brav einer nach dem anderen die Hand gegeben», sagt Wüthrich.Bevor sich Wüthrich mit dem Vermächtnis des Altbundesrats zu beschäftigen begann, studierte er Wirtschaft und machte Karriere in internationalen Konzernen. Unter anderem arbeitete er im Marketing von Coca-Cola und Rivella. Später wurde er Professor und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Erst 1999, als es in seinem Heimatdorf ein Fest zu Ehren von Friedrich Wahlens 100. Geburtstag gab, kam Wüthrich die Idee, dessen Erbe mit einem Film zu würdigen.Bis heute faszinieren Wüthrich die Überlegungen, die Wahlens Plan zugrunde liegen. Die Anbauschlacht bestand nämlich nicht nur aus der Beackerung von berühmten Orten wie dem Sechseläutenplatz in Zürich. «Das war symbolisch», sagt Wüthrich. Wahlens eigentliches Ziel war, mit der vorhandenen Fläche mehr Menschen zu ernähren – so wie es heute die Ernährungsinitiative fordert.Ackerflächen, auf denen bis anhin Gras und Kraftfutter für Tiere angebaut wurden, wurden damals vermehrt für Kartoffeln, Gemüse und Hülsenfrüchte genutzt. «Diese Ackerfrüchte sind durch den Menschen direkt, also ohne Umweg über das Tier konsumierbar», sagt Wüthrich. «So hat Wahlen die Schweiz vor einer Hungersnot gerettet.»An der Bedeutung von Wahlens Plan gibt es allerdings auch Zweifel. Die Ziele, die er sich gesetzt hatte, wurden nie ganz erreicht, die Schweiz blieb abhängig von Importen. Linke Kreise kritisieren zudem, dass Wahlens Plan stark jenem der Faschisten in Italien ähnelte, welche die Lebensmittelversorgung aus einem nationalistischen Impuls heraus steigern wollten. Und der Preis für die Anbauschlacht war hoch: Auch Moore und andere schützenswerte Landschaften wurden beackert.«Wahlen hat die Schweiz vor einer Hungersnot gerettet»: Ernst Wüthrich hat vier Filme über die Anbauschlacht gedreht.Linda KäsbohrerZudem war es nicht allein Wahlens Verdienst, dass sich die Schweizer Landwirtschaft damals so stark wandelte. Schon nach dem Ersten Weltkrieg stellten viele Milchbauern auf Ackerbau um, weil die Exporte von Milch und Käse eingebrochen waren. Dies fiel zusammen mit der Forderung einer Generation von Agronomen, die aus sicherheitspolitischen Überlegungen für mehr Ackerbau im Inland plädierten.Trotz Kritik blieben Wahlens Ideen in der agrarwissenschaftlichen Forschung präsent. Erst kürzlich veröffentlichten das Forschungsinstitut für biologischen Landbau und die ETH eine Studie, wonach die Schweiz einen Selbstversorgungsgrad von bis zu 100 Prozent erreichen könnte, wenn auf eine pflanzliche Landwirtschaft umgestellt und Food-Waste reduziert würde.An der Studie hat auch Achim Walter, Professor für Agronomie, mitgewirkt, der heute am selben Institut forscht wie Wahlen in den 1940er Jahren. Auch Walter befürwortet eine stärkere Ausrichtung auf pflanzliche Ernährung, doch diese müsse von den Konsumenten ausgehen. «Heute ist das Fleisch in der Ernährung viel zu stark verankert», sagt er. «Ein Selbstversorgungsgrad von 100 Prozent bleibt deshalb eine Utopie.»Unbestritten ist: Wahlen erreichte eine Verschiebung von der tierischen zur pflanzlichen Landwirtschaft, wie sie nun auch Franziska Herren fordert. Wüthrich wird Ja stimmen. In Zeiten von Krisen und gestörten Lieferketten sei dies der richtige Weg. Für ihn bedeutet die Initiative vor allem eines: «Endlich mehr Ackerbau!»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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