ErklärtWeg von Milch und Fleisch, hin zu pflanzlicher Produktion – die Ernährungsinitiative auf einen Blick70 Prozent Selbstversorgung, strengere Umweltziele: Die Ernährungsinitiative will die Landwirtschaft umbauen. Gegner warnen vor höheren Lebensmittelpreisen – und einem staatlich verordneten Zwang zu Veganismus.24.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration NZZ VisualsDas Wichtigste in KürzeDie Initiative fordert, dass der Selbstversorgungsgrad der Schweiz von unter 50 auf 70 Prozent erhöht wird.Bei einem Ja zur Initiative müssten die Bauern die Tierbestände verringern und stattdessen Pflanzen anbauen. Die Belastung des Trinkwassers und der Böden durch Stickstoff und Phosphor müsste sinken.Befürworter versprechen sich davon mehr Krisenfestigkeit sowie einen besseren Schutz von Böden, Biodiversität und Trinkwasser.Gegner warnen vor starken staatlichen Eingriffen und zusätzlichen Staatsausgaben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Vorlage im DetailInhaltsverzeichnis1.Darüber stimmen wir ab2.Darum ist die Vorlage von Bedeutung3.Das sind die Argumente der Gegner4.Das sind die Argumente der Befürworter5.ParolenspiegelDarüber stimmen wir abDie Ernährungsinitiative will mit einer Verfassungsänderung die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Trinkwasser sicherstellen. Sie strebt unter anderem einen Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent an und fordert Massnahmen zur Förderung pflanzlicher Lebensmittel.Ebenfalls verlangt die Initiative, dass die Belastung des Trinkwassers und der Böden durch Stickstoff und Phosphor deutlich verringert wird. Die in den Umweltzielen der Landwirtschaft festgelegten Grenzwerte für Dünger dürfen nicht mehr überschritten werden. Zudem sollen die Biodiversität und die Bodenfruchtbarkeit gesichert und die Grundwasserressourcen geschützt werden.Die neuen Vorgaben müssen innerhalb von zehn Jahren umgesetzt werden. Die Anpassungen müssen dabei sozialverträglich ausgestaltet und vom Bund finanziell unterstützt werden.Darum ist die Vorlage von BedeutungSchon vor fünf Jahren legte sich die parteilose Umweltaktivistin und Fitnesstrainerin Franziska Herren mit der Bauernlobby an. Nach einem wüsten und aggressiv geführten Wahlkampf lehnte das Stimmvolk ihre Trinkwasserinitiative schliesslich mit 60 Prozent ab. Herren selbst war in den Wochen davor massiv angegriffen und bedroht worden und benötigte zeitweise Personenschutz.Ihren Kampfeswillen hat sie damals nicht verloren. Im Gegenteil: Mit der Ernährungsinitiative startete sie ein neues Volksbegehren, das wieder die gleichen Ziele verfolgt – sauberes Trinkwasser, eine giftfreie Landwirtschaft und pflanzliche Ernährung. Anders als bei der Trinkwasserinitiative, die die Direktzahlungen der Bauern an strengere Tierhaltungs- und Umweltanliegen knüpfen wollte, legt die Ernährungsinitiative den Fokus aber nicht nur auf die landwirtschaftliche Produktion, sondern auf die ganze Land- und Ernährungswirtschaft, einschliesslich des Konsums.Aus Sicht der Initiantin ist die Versorgung der Schweiz mit Lebensmitteln zu stark vom Ausland abhängig. Würden auf Ackerflächen vermehrt Lebensmittel für den direkten menschlichen Verzehr statt Futtermittel angebaut, könnten mehr Menschen aus heimischer Produktion ernährt werden.Diese Ziele der Initiative ähneln auf den ersten Blick inhaltlich denjenigen des Bundesrats. Auch er will die Ernährungssicherheit erhöhen und den ökologischen Fussabdruck der Land- und Ernährungswirtschaft verringern. Bei der Ernährungsinitiative sind die Vorgaben zur Zielerreichung jedoch deutlich ambitionierter und verbindlicher. Das gilt insbesondere für die Erhöhung des Selbstversorgungsgrads von heute unter 50 auf 70 Prozent.Um eine solche Erhöhung zu erreichen, wären grosse Umstellungen in der Produktion und im Konsum notwendig. Bei einem Ja zur Initiative wären die Bauern etwa gezwungen, die Produktion von Fleisch und Milch stark zu reduzieren. Sie müssten die Tierbestände verringern und stattdessen Pflanzen anbauen, die direkt der menschlichen Ernährung dienen. Dazu müsste der Bund strengere Vorgaben, Verbote oder Anreize erlassen.Das sind die Argumente der GegnerLaut dem vom Bauernverband angeführten Nein-Komitee lässt sich die Hauptforderung der Initiative – 70 Prozent Selbstversorgung – nur erreichen, wenn die Bevölkerung ihr Essverhalten von Grund auf ändert. In der Kampagne ist gar von einem Zwang zu Veganismus die Rede. Laut den Gegnern verkennt die Initiative zudem, dass auf rund 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche vor allem Gras wächst, das für die menschliche Ernährung nur über Wiederkäuer wie Kühe, Schafe oder Ziegen nutzbar gemacht werden kann. Auch weisen sie warnend darauf hin, dass die mit der Initiative verbundenen Auflagen zu einer Verteuerung der tierischen und pflanzlichen Lebensmittel führen würden.Der Bundesrat lehnt die Initiative ebenfalls ab. Mit einem höheren Selbstversorgungsgrad wäre die Schweiz zwar im Krisenfall weniger abhängig von Importen. Doch hätte die Umsetzung der Initiative tiefgreifende Eingriffe des Staates zur Folge. So würde die kurze Umsetzungsfrist dazu führen, dass Investitionen in der Landwirtschaft – etwa in Ställe oder Melkroboter – sowie in den vor- und nachgelagerten Sektoren der Ernährungswirtschaft nicht vollständig amortisiert werden könnten. Zudem müssten neue Produktions- und Verarbeitungskapazitäten geschaffen werden, was zusätzliche Investitionen erforderlich machen würde.Da er nicht mit einem rückläufigen Konsum von Fleisch und Milch rechnet, geht der Bundesrat zudem davon aus, dass künftig mehr tierische Produkte importiert werden müssten. Ein Teil der Umweltbelastung würde damit ins Ausland verlagert. Auch hält er es für nicht sachgerecht, dass die Initiative sehr konkrete Ziele in der Verfassung festschreiben will. Die Agrarpolitik lasse sich auch ohne neue Verfassungsbestimmungen in diese Richtung weiterentwickeln.Das sind die Argumente der BefürworterGemäss der Initiantin Franziska Herren setzt eine sichere Ernährung fruchtbare Böden, eine hohe Artenvielfalt und sauberes Trinkwasser voraus. Gleichzeitig müsse die Schweiz in Krisen eine bessere Selbstversorgung gewährleisten. Dafür brauche es mehr pflanzliche Lebensmittel für den direkten menschlichen Verzehr. Solange grosse Teile des Ackerlands für Futtermittel genutzt würden, sei dieses Potenzial nicht ausgeschöpft. Auch der Einsatz von Pestiziden und zu viel Gülle aus einer auf Importfutter gestützten Tierproduktion gefährdeten Böden und Trinkwasser.Die Initiantin Franziska Herren stellt dabei vehement in Abrede, dass sie einen «Vegan-Zwang» einführen wolle. Im Initiativtext stehe nirgends, dass Fleisch verboten werden müsse. Dort heisse es nur, dass eine auf pflanzliche Lebensmittel ausgerichtete Ernährung gefördert werden solle. Niemand werde gezwungen, das Essverhalten anzupassen. Nötig sei aber eine Neuausrichtung der Subventionen. Nicht länger sollten drei Viertel der insgesamt 3,6 Milliarden Franken Subventionen in die tierische Produktion fliessen. Auch müsse Food-Waste reduziert werden. Würden nur halb so viele Lebensmittel im Abfall landen wie heute, könnten 1,8 Millionen Menschen mehr ernährt werden.Ein weiteres Argument der Befürworter ist die Versorgung mit Trinkwasser. Herren kritisiert, dass der Schweiz trotz wiederholten Hitze- und Trockensommern bis jetzt eine nationale Strategie fehlt, um die Wasserversorgung im Klimawandel abzusichern. Die Initiative soll den Bund deshalb dazu verpflichten, die nötigen Grundlagen zu schaffen, damit sauberes Trinkwasser und ausreichende Grundwasserreserven auch künftig gesichert sind.ParolenspiegelPassend zum Artikel