Die Gegner der Ernährungsinitiative warnen vor einem «Vegan-Zwang». Diese Behauptung sei falsch – und auch sonst seien die meisten Argumente irreführend, sagt der Ökonom Felix Schläpfer.29.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenBei der Ernährungsinitiative geht es auch ums Fleisch: Müssten die Schweizer den Konsum einschränken?Annick Ramp / NZZFrage: Herr Schläpfer, die Gegner der Ernährungsinitiative warnen vor einem «Vegan-Zwang». Hat die Initiative zur Folge, dass die Schweizer künftig kein Fleisch und keine Milchprodukte mehr essen dürfen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Das wird behauptet. Aber es stimmt nicht. Die Initiative verlangt, dass die Schweiz einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent anstrebt. Dieser misst, wie viele Kalorien wir in der Schweiz produzieren im Verhältnis zu den Kalorien, die wir konsumieren. Ob diese Kalorien aus Fleisch oder Kartoffeln stammen, spielt für die Berechnung des Selbstversorgungsgrads keine Rolle. Und für den Konsum macht die Initiative keine Vorschriften.Frage: Es kommt also nur darauf an, was man in der Schweiz produziert, und nicht darauf, was die Menschen essen?Antwort: Genau. Um den Selbstversorgungsgrad zu erhöhen, müssen die Konsumenten ihren Fleischkonsum nicht verändern. Entweder verstehen der Bundesrat und sein zuständiges Amt nicht, was der Selbstversorgungsgrad misst, oder es handelt sich hier um eine bewusste Lüge und Irreführung.Frage: Die 70 Prozent Selbstversorgung lassen sich jedoch kaum erreichen, wenn die Schweiz weiterhin stark auf Fleischproduktion setzt. Wie könnte ein realistisches Szenario aussehen?Antwort: Die Schweizer können weiter so viel Fleisch essen, wie sie wollen. Jedoch müsste die inländische Fleischproduktion zurückgehen, wenn wir auf den Ackerflächen mehr Lebensmittel für den direkten menschlichen Verzehr produzieren wollen. Heute werden über 60 Prozent der besten Ackerböden für den Anbau von Futtermitteln für Tiere genutzt. Wir könnten also mehr pflanzliche Lebensmittel selber herstellen und dafür einen grösseren Teil des Fleisches importieren. Damit würde der Selbstversorgungsgrad steigen.Frage: Nehmen wir an, ein Teil der Bauern hört tatsächlich mit der Fleischproduktion auf und produziert künftig Getreide. Warum steigt dann der Selbstversorgungsgrad?Antwort: Weil sich auf derselben Fläche mit Pflanzen wesentlich mehr Kalorien erzeugen lassen. Wenn wir auf einer Hektare Kartoffeln für Menschen anbauen, erhalten wir viel mehr Kalorien, als wenn wir auf derselben Fläche Tierfutter erzeugen und daraus Fleisch produzieren.Frage: Wenn die Schweiz mehr Fleisch importiert, verlagert sie doch die Umweltprobleme, die mit der Fleischproduktion verbunden sind, ins Ausland.Antwort: Zum Teil schon. Aber gleichzeitig würden wir weniger pflanzliche Lebensmittel importieren, und die damit verbundenen Umweltwirkungen fielen nicht mehr im Ausland an. Entscheidend ist zudem, woher das Fleisch kommt und wie es dort produziert wird. Die Schweizer Tierproduktion ist ökologisch nicht automatisch besser. Wegen der hohen Tierbestände haben wir beispielsweise sehr hohe Ammoniak-Emissionen und grosse Nährstoffüberschüsse. Deshalb bedeutet ein Fleischimport nicht zwangsläufig, dass die Umweltbelastung insgesamt steigt. Die Sorge um die Umwelt im Ausland, wo die Tierbestände meist viel geringer sind, wirkt vorgeschoben.Frage: Welche Umweltprobleme sind mit der übermässigen Fleischproduktion verbunden?Antwort: Die Tiere produzieren grosse Güllemengen. So gelangen Phosphor und Stickstoffverbindungen wie Nitrat und Ammoniak in Gewässer, ins Trinkwasser und in die Luft. Empfindliche Ökosysteme und die Biodiversität leiden. Der Boden in Wäldern versauert, Seen müssen künstlich belüftet werden.Frage: In der Bevölkerung ist die Sicht verbreitet, dass Fleisch und Milch aus dem Ausland umweltschädlicher seien und weniger tierfreundlich produziert würden. Stimmt es nicht, dass es die Schweizer Bauern besser machen?Antwort: Beim Tierwohl schon. Die Schweiz hat im internationalen Vergleich hohe Standards. Doch haben Schweizer Grossverteiler aufgezeigt, dass man zum Beispiel in Ungarn Pouletfleisch produzieren kann, das den Schweizer Tierschutzvorgaben genügt. Und wie gesagt: Bei den Umweltwirkungen steht die Schweizer Landwirtschaft keineswegs besser da als das Ausland.Frage: Wenn mehr Fleisch importiert wird, würden die Schweizer Konsumenten von niedrigeren Preisen profitieren?Antwort: Fleisch ist in der Schweiz rund doppelt so teuer wie im Ausland. Die Konsumenten müssten also weniger ausgeben. Aber man muss auch erwähnen, dass sie mehr für die pflanzlichen Produkte bezahlen müssten, die sie neu aus dem Inland beziehen würden. In der Summe dürften die Konsumenten wohl Geld sparen. Ich halte das Argument der SP, dass die Initiative unsozial sei, weil die Preise steigen würden, für falsch.Frage: Zwei Drittel der Schweizer Landwirtschaftsfläche ist Grasland. Ist es da nicht naheliegend, dass man auf Viehhaltung setzt?Antwort: Auf diesen Flächen sicher. Das stellt die Initiative auch nicht infrage. Niemand verlangt, dass ein Bauer im Toggenburg auf 1000 Metern Höhe Getreide oder Kartoffeln anbaut. Es geht nur darum, dass die Schweizer Ackerflächen stärker für die menschliche Ernährung statt für den Anbau von Tierfutter verwendet werden. Dieses Ziel hat übrigens auch der Bund. Es handelt sich um moderate Umstellungen, die mit Ausnahme der 70 Prozent Selbstversorgung samt und sonders gemäss offiziellen Zielen des Bundes ohnehin erforderlich sind.Frage: Wenn sich die Viehwirtschaft vermehrt aufs Grasland beschränken müsste, welche Veränderungen würde das für die Bauern mit sich bringen?Antwort: Verlieren würden die Fleischproduzenten. Aber dafür würden Bauern gewinnen, die zukünftig mehr Pflanzen anbauen. Schon heute stammt ein Drittel des Produktionswerts in der Landwirtschaft aus dem Pflanzenanbau für die menschliche Ernährung – obwohl in der Schweiz immer die tierische Produktion in den Vordergrund gestellt wird und rund 80 Prozent der Subventionen in diesen Bereich fliessen.Frage: Einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent erreichte die Schweiz letztmals während der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg. Ist das Ziel nicht viel zu ambitioniert?Antwort: Es ist weniger ambitioniert, als viele meinen. Ein einfaches Zahlenbeispiel: Angenommen, wir produzieren unser Getreide – mit Ausnahme von Reis und Hartweizen – sowie Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Rapsöl und Sonnenblumenöl zu 100 Prozent im Inland. Dafür benötigen wir zusätzliche Ackerflächen im Umfang von rund 50 000 Hektaren. Das ist die Hälfte der heutigen Fläche von Futtergetreide und Futtermais. Verringern wir im Gegenzug den Rindviehbestand um 20 Prozent und die Zahl der Schweine um 50 Prozent, ergibt sich eine Selbstversorgung von 55 Prozent.Frage: Das reicht aber nicht für 70 Prozent.Antwort: Der Bund hat noch weitere Ziele. Er will beispielsweise den Food-Waste, also Lebensmittelabfälle, bis 2030 halbieren. Damit würde sich der Selbstversorgungsgrad rechnerisch bereits auf 66 Prozent erhöhen.Frage: Wären dazu massive Eingriffe nötig, wie der Bundesrat sagt?Antwort: Massive Eingriffe haben wir so oder so. Man kann diese Ziele mit Anreizen erreichen, besonders mit der Umlenkung von Subventionen. Ein ergänzendes Instrument sind Branchenvereinbarungen. Und wie gesagt: Der Bund hat diese Ziele ohnehin.Frage: Trotzdem: Ist die 70-Prozent-Vorgabe nicht realitätsfremd?Antwort: Wenn die Initiantin der Ernährungsinitiative, Franziska Herren, gesagt hätte, die Schweiz solle einen Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent anstreben, wäre sie damit hinter das zurückgegangen, was die offiziellen Ziele des Bundes ohnehin erfordern. So kann die Initiative ein wenig Druck machen, damit diese Ziele ernsthafter verfolgt werden.Frage: Sagt der Selbstversorgungsgrad etwas darüber aus, ob die Schweizer Landwirtschaft die Bevölkerung in einem Krisenfall ausreichend versorgen kann?Antwort: Er ist nur ein grober Indikator für Versorgungssicherheit. Das weiss auch der Bund. Aber man hat doch ein gewisses Niveau an Produktion, das man in einem Krisenfall erhöhen kann. Dazu müssen die Flächen, die Maschinen, das Know-how und die Verarbeitungskapazitäten vorhanden sein.Frage: Dennoch: Einen bestimmten Selbstversorgungsgrad in die Verfassung zu schreiben, klingt nach Planwirtschaft.Antwort: Eine Zahl macht die Sache quantitativ fassbar. Zudem finde ich die Argumentation des Bundesrates unredlich. Er schreibt zum Beispiel im Abstimmungsbüchlein, die Bauern müssten Vorgaben einhalten. Aber die Umweltziele werden zu einem grossen Teil seit Jahrzehnten nicht erreicht. Wenn nun ein Ziel für den Selbstversorgungsgrad definiert wird, soll das plötzlich ein Problem sein.Frage: Der Bundesrat lehnt die Initiative unter anderem mit dem Argument ab, viele Investitionen von Bauern in Ställe und Produktionsanlagen würden entwertet.Antwort: Das finde ich das einzige stichhaltige Gegenargument. Tatsächlich könnten manche Bauern ihre Investitionen nicht mehr amortisieren. Die Initiative enthält deshalb eine Bestimmung, dass der Übergang sozialverträglich abgefedert werden soll. Der Bund müsste die Bauern entschädigen.Frage: Der Bundesrat hält die Ziele der Initiative, wie einen stärkeren Umweltschutz, für legitim. Aber er will diese Ziele im Rahmen der Agrarpolitik erreichen, die gerade neu ausgerichtet wird. Glauben Sie daran?Antwort: Nein. Ich beobachte die Agrarpolitik seit 20 Jahren. Meine Erfahrung ist: Wenn es nicht ganz verbindliche Ziele gibt und das Volk politisch Druck macht, passiert nichts. Mit der Ernährungsinitiative hat die Bevölkerung die Gelegenheit, die Ziele ein wenig verbindlicher zu machen.Frage: Sie werfen dem Bund vor, in der Agrarpolitik notorisch seine Ziele zu verfehlen?Antwort: Der Bund nennt oft das Wort «Ziel», aber er hat eigentlich gar nicht den Willen, diese Ziele zu erreichen. Es handelt sich eher um wünschbare Zustände. Auch bei den Umweltzielen, also bei der Reduktion der Stickstoff- und der Phosphor-Überschüsse oder des Pestizideinsatzes, ist es jahrelang nicht vorwärtsgegangen. Erst die Trinkwasserinitiative im Jahr 2021 hat Bewegung gebracht. Wegen des Drucks beschloss das Parlament einen verbindlichen Absenkpfad. Darauf sanken die Emissionen. Aber leider ist auch das wieder verwässert worden.Frage: Sämtliche Parteien und Parlamentsmitglieder lehnen die Initiative ab. Das kommt selten vor bei einer Volksabstimmung. Warum hat die Initiative so viele Gegner?Antwort: Das erstaunt mich auch. Denn die Initiative steht im Einklang mit langjährigen Forderungen von Grünen, Grünliberalen, Sozialdemokraten und Umweltverbänden. Womöglich ist es für sie schwierig, sich für die Initiative einzusetzen, weil ein hoher Selbstversorgungsgrad ein Ziel ist, das sonst auch der Bauernverband und die SVP gut finden. Zudem steckt ihnen noch die gehässige Abstimmungskampagne zur Trinkwasserinitiative in den Knochen. Aber ich glaube, Links-Grün hat sich verschätzt. Sie können ihrer Basis nur schwer erklären, warum sie diese Initiative ablehnen.Frage: Wie müsste die Schweizer Landwirtschaft aussehen, damit sie ökologisch nachhaltig und wirtschaftlich selbsttragend ist?Antwort: Weitgehend so, wie sie der Bund in seinen Zielen und Strategien beschreibt. Die Ackerfläche wird für die menschliche Ernährung statt für den Anbau von Tierfutter genutzt. Die Tierbestände werden massvoll reduziert. Eine solche Landwirtschaft ist nicht weit weg von dem, was wir heute haben.Frage: Aber sie würde die Steuerzahler und die Konsumenten weiterhin Milliarden kosten?Antwort: Ja, sie würde weiterhin viel kosten, und auch der Grenzschutz mit Zöllen bliebe nötig. Aber ich glaube, die Stimmbürger sind damit einverstanden. Der Erhalt der vielfältigen Landwirtschaft, besonders im Berggebiet, ist den Leuten viel wert. Sie schätzen die Vielfalt der Produktion, die sich auch in einem schönen Landschaftsbild spiegelt. Die Leute wollen keine monotonen Sojafelder im ganzen Mittelland.Unabhängiger ExpertePDFelix Schläpfer ist selbständiger Ökonom. Er hat an der Universität Zürich doktoriert und in Volkswirtschaftslehre habilitiert. Bis 2024 arbeitete er als Professor an der Fachhochschule Kalaidos Schweiz. Schläpfer hat sich einen Namen als kritische Stimme in der Landwirtschaftspolitik gemacht. Er engagierte sich etwa bei der Denkwerkstatt Vision Landwirtschaft. Schläpfer hat zahlreiche Studien in den Bereichen Umweltökonomie und Ressourcenökonomie publiziert, jüngst etwa das Buch «Kostenwahrheit in Landwirtschaft und Ernährung».Passend zum Artikel
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