PfadnavigationHomeGeschichteGeschichtspolitikHistorikerverband kritisiert „erstarkenden Trend zur Renationalisierung der Erinnerung“Stand: 11:08 UhrLesedauer: 3 MinutenFrauen ziehen im Sommer 1945 Handwagen mit ihrem Hab und Gut durch die Ruinenlandschaft von BerlinQuelle: Getty Images/Fred RamageWie an die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa 1945 bis 1948 zu erinnern sei, war lange umstritten. Gerade schien sich das Thema etwas beruhigt zu haben – da belebte das Bundesinnenministerium den Streit.Fast 18 Jahre nach ihrer formellen Gründung und fünf Jahre nach Eröffnung der eigenen Ausstellung ist die Stiftung Flucht – Vertreibung – Versöhnung (SFVV) unversehens wieder zum politischen Streitfall geworden. Erst wurde der Vertrag der amtierenden Direktorin Gundula Bavendamm trotz allgemein anerkannter guter Leistung nicht verlängert, jetzt sorgt eine geplante Neuregelung der gesetzlichen Grundlage der SFVV für Ärger. Für den Verband der Historikerinnen und Historiker Deutschlands (VHD) beobachtet der stellvertretende Vorsitzende Constantin Goschler die Vorgänge. Der Zeithistoriker der Universität Bochum befasst sich aus verschiedenen Perspektiven mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs. WELT: Formal geht es bei der geplanten Gesetzesänderung um eine Stimme für einen Beauftragten der Bundesregierung für Vertriebenenfragen im Stiftungsrat. Der VHD hält das für problematisch – warum? Constantin Goschler: Indem der langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Bernd Fabritius, nun auf dem Ticket des Bundesinnenministeriums in den Stiftungsrat kommt, rückt ein weiterer Vertreter seines Verbands für ihn in dieses Gremium ein. Zudem sind nicht alle Stimmen im Stiftungsrat gleich: Der Vertreter des Bundesinnenministeriums soll in allen personellen und inhaltlichen Fragen ein Vetorecht haben. Der Stiftungsrat gelangt also unter vollständige Kontrolle des Bundesinnenministeriums, und darüber beherrscht der Vertriebenenverband künftig indirekt die Stiftung. WELT: Erst seit April 2026 leitet ein neuer Direktor die SFVV. Wie ordnen Sie diese Personalie ein? Lesen Sie auchGoschler: Der neue Direktor Roland Borchers genießt einen ausgezeichneten fachlichen Ruf. Die gescheiterten Bemühungen im Vorfeld der Direktorenwahl, eine dem BdV genehme Personalie durchzusetzen, werden jetzt aber auf das Feld der Stiftungssatzung verschoben. Der Direktor soll demzufolge die Stiftung künftig nicht mehr leiten, sondern nur noch deren Geschäfte führen und die Beschlüsse des Stiftungsrats umsetzen. Um diese Stelle wird man Borchers vermutlich nicht beneiden müssen.Lesen Sie auchWELT: Nach mehr als zwei Jahrzehnten öffentlichem Streit um das Gedenken an Flucht und Vertreibung im vereinigten Deutschland schien das Thema seit Eröffnung der Dauerausstellung in Berlin 2021 einigermaßen befriedet. Das war offenbar ein Irrtum. Wo sehen Sie die Ursache?Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenGoschler: Vor allem war der BdV unzufrieden mit der Dauerausstellung, welche Flucht und Vertreibung der Deutschen stark kontextualisiert. Demgegenüber fordert er, die deutschen Opfer stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Damit verstärkt er einen auch außerhalb Deutschlands erstarkenden Trend zur Renationalisierung der Erinnerung. Und schließlich frage ich mich, ob das Bundesinnenministerium inmitten von Kontroversen über Migration durch den veränderten Fokus der Stiftung den Gedanken der deutschen Abstammungsgemeinschaft wieder stärker zur Geltung bringen möchte.WELT: Nach dem Eindruck von SFVV-Kennern beobachtet die AfD die aktuelle Einflussnahme der Regierung auf die Geschichtspolitik sehr genau – und könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Sollte die Politik sich nicht gerade angesichts der weiter wachsenden Stärke der Rechtsextremisten hier Zurückhaltung auferlegen? Goschler: Die gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen werden vielfach als Kulturkampf ausgetragen, und Einrichtungen der Erinnerungskultur sind davon besonders betroffen. Die Frage, wie diese resilient gegenüber den Angriffen der Rechtsextremisten gestaltet werden können, ist daher von zentraler Bedeutung. Das Bundesinnenministerium geht hier in eine verhängnisvolle Richtung: Es zeigt, wie man eine kulturelle Institution wirkungsvoll an die Kette der staatlichen Exekutive legen kann, ohne dass man das Personal austauschen muss.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus. Den Streit um das Gedenken an Flucht und Vertreibung verfolgt er seit 1999 genau.