PfadnavigationHomePolitikAuslandVerhältnis zu Polen„Der deutsche Blick nach Osten ist voller Erinnerungslücken“Stand: 13:21 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Nationalflaggen von Deutschland und PolenQuelle: picture alliance/Caro/RufferDie polnische Historikerin Radziejowska setzt sich für ein neues Erinnern an den Zweiten Weltkrieg und die Opfer der NS-Verbrechen ein. Im Interview erklärt sie, warum inzwischen ein echtes Umdenken in Deutschland stattfindet – und was das mit Russland zu tun hat.Die polnisch-jüdische Historikerin und Kulturmanagerin Hanna Radziejowska leitet die Berliner Niederlassung des Pilecki-Instituts, einer polnischen Regierungsorganisation. Mit WELT spricht sie über die bilateralen Beziehungen und ihre Geschichte, aber auch über den „merkwürdigen“ deutschen Blick auf Osteuropa.WELT: Im vergangenen Jahr hat der Bundestag für die Errichtung eines Denkmals für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung gestimmt – und für ein deutsch-polnisches Haus als eine Art Bildungs- und Dokumentationszentrum. Ihr Institut war stets für einen schnellen Bau. Sind Sie mit dem Verlauf zufrieden?Hanna Radziejowska: Ich bin zufrieden damit, dass wir nun in eine Umsetzungsphase eingetreten sind und die Projekte Denkmal und deutsch-polnisches Haus zunehmend getrennt voneinander behandelt werden.WELT: Dabei hat der Bundestag für beides gestimmt. Radziejowska: In der Diskussion über das Denkmal sehen wir zentrale Herausforderungen der deutschen kollektiven Erinnerung an die polnischen Opfer der NS-Besatzung. Dass das Denkmal jetzt entsteht – der Bau wird wohl im kommenden Jahr beginnen –, ist eine echte Revolution im deutschen Gedenken. Denn es soll an die Bürger eines Landes erinnert werden, nicht an politisch Verfolgte, Kommunisten, sexuelle Minderheiten. Das ist in der Form neu in Deutschland.WELT: Warum?Lesen Sie auchRadziejowska: Das Gedenken der Deutschen an den Zweiten Weltkrieg war erst einmal eine Auseinandersetzung mit und ein Erinnern an sich selbst: an Widerstand gegen den Nationalsozialismus, auch an jüdische Opfer, vor allem deutsche jüdische Opfer oder solche, die in der Wahrnehmung deutsche Juden waren. In den 80er- und 90er-Jahren fand eine Art Europäisierung des deutschen Erinnerns statt, mit den geopolitischen Umbrüchen und dem Ende des Kalten Krieges. Damals wurde der Fokus primär auf gesellschaftliche Gruppen gelegt, aber für nationale Opfergruppen war weiterhin kein Platz. Das ist einerseits verständlich, andererseits nicht. Der Historiker Robert Traba schrieb beispielsweise: Polinnen waren nicht im KZ Ravensbrück, weil sie etwa Lesben oder Kommunistinnen waren, sondern weil sie Polinnen waren. Das ist eine polnische Erfahrung, für die auch im deutschen Erinnern Platz sein sollte – und tatsächlich findet langsam eine Art Revolution im deutschen Erinnern und Gedenken statt. WELT: Wie kam es dazu?Radziejowska: Ich bin davon überzeugt, dass diese Entwicklung ohne Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht möglich gewesen wäre. Denn seit 2022 dauern in Deutschland viele Diskussionen an – über Fehler deutscher Politik, aber auch darüber, wie die Gesellschaft nach Osten blickt, auf diesen „merkwürdigen“ Osten. Was ist die Ukraine, die Nation, die Sprache? So rückt auch Polen stärker ins Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit. Lesen Sie auchWELT: Die Deutschen haben lange hauptsächlich auf Russland geblickt, über die Nationen Ostmitteleuropas hinweg. Das ändert sich jetzt?Radziejowska: Nicht nur das. Russland ist kein Teil einer neuen Ordnung. Mein Kollege Mateusz Falkowski und ich sprechen in dem Zusammenhang davon, dass eine neue Erinnerungspolitik eine neue Ostpolitik benötigt. Genau darüber wird in Deutschland derzeit diskutiert – teils leidenschaftlich, manchmal schmerzhaft. In Polen wird dieser Wandel allerdings mitunter zu wenig wahrgenommen. Hätte es diese Veränderung, an der wir als polnische Einrichtung in Berlin ebenfalls beteiligt sind, nicht gegeben, würden wir heute nicht über den Bau des Polen-Denkmals sprechen. Für uns in Europa, für Polen und Deutsche, ist das eine Chance, zueinanderzufinden. Denn das müssen wir, wir sind Partner und Verbündete und stehen gemeinsam vor einer großen Herausforderung: Russland. Und es wird nicht besser mit Russland, ganz im Gegenteil. Es geht nicht nur um Wladimir Putin.WELT: Sondern?Radziejowska: Die russische Gesellschaft ist militarisiert, von Propaganda durchdrungen, die Konsequenzen des Krieges dringen in sie ein, die Mechanismen des Regimes prägen sie. Die Geschichte zeigt: Das geht nicht auf einmal weg. Vor uns Polen und Deutschen, vor ganz Europa, liegt also eine gewaltige Aufgabe. Die grausame deutsche NS-Besatzung Polens hat unsere Beziehungen in Geiselhaft genommen. Wir können nur dann zusammen nach vorn schauen, wenn wir uns mit diesem Teil der Geschichte gemeinsam auseinandersetzen. Das Denkmal ist ein wesentlicher Teil davon. Sicher, in Polen sind viele irritiert, dass die Debatten so lange gedauert haben, dass nach dem Beschluss erst mal nichts geschehen ist. Aber ich komme aus der Praxis, ich weiß, dass die Arbeit an Erinnerung Kraft und Ausdauer erfordert. Lesen Sie auchWELT: Eine Reihe von Abgeordneten im Bundestag war lange gegen den Bau, in fast allen Fraktionen. Können Sie deren Argumente nachvollziehen?Radziejowska: Das klassische Gegenargument dieser Leute war: Wenn die Polen ihr Denkmal bekommen, dann kommen auch Norweger oder Belarussen. Wir sagen daraufhin: Ja, kann sein. Aber das ist nicht unser Problem, das sollte niemals ein Problem der Nachkommen von Opfern sein. Die Geschichte der deutschen NS-Besatzung ist einzigartig grausam, dementsprechend muss die kollektive Erinnerung in Deutschland dieser Einzigartigkeit Rechnung tragen. Das ist genau jene praktische Dimension der Verantwortung für die Geschichte des eigenen Staates, auf die deutsche Politiker in verschiedenen Reden verweisen. Tatsache ist, dass der deutsche Blick nach Osten voller Erinnerungslücken ist, unscharf und verallgemeinernd – erst ein wahrhaft subjektbezogenes Betrachten gibt den Opfern ihre Würde zurück. Unsere Ipsos-Studie zeigt, dass die Vernichtung von drei Millionen polnischen Juden im deutschen Geschichtsgedächtnis nach wie vor eine ernste Lücke darstellt: 59 Prozent der Deutschen glauben, dass die größte Opfergruppe des Holocaust deutsche Juden waren. Dieser erstaunliche Mangel an Wissen sollte zu denken geben und eine gewisse Unruhe wecken.Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.