Pro ArtikelHilft der Schweiz die Neutralität noch – und wenn ja, was für eine?«NZZ Pro» analysiert den Nutzen und die Kosten der Neutralität im Lichte der finnisch-schwedischen Erfahrungen, der ökonomischen Effekte und der Sicherheitspolitik.01.09.2026, 06.13 Uhr9 LeseminutenEin Schweizer Soldat am 22. April 1944 an der Landesgrenze: Bis zum Schluss des Zweiten Weltkriegs hielt der Bundesrat an der Neutralität fest, wurde aber im Anschluss von den Alliierten stark kritisiert.Walter Studer / Photopress-Archiv / KeystoneWestlich sein, aber sich verteidigungs- und aussenpolitisch keinem Bündnis anschliessen und keine Kritik an der Sowjetunion üben war lange Zeit das Merkmal der sogenannten Finnlandisierung. Nun sind Finnland und Schweden der transatlantischen Verteidigungsallianz Nato beigetreten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sich ökonomisch eng in Europa integrieren, aber sich verteidigungspolitisch aus allem heraushalten und aussenpolitisch möglichst neutral sein, das war lange das Credo der bewaffneten schweizerischen Neutralität. Doch die Verhältnisse haben sich geändert, und das Instrument stösst inner- und ausserhalb der Schweiz auf zunehmende Kritik.Während die Neutralitätsinitiative der SVP deswegen eine strikte Auslegung der Neutralität möglichst für immer in die Verfassung schreiben möchte, halten Sicherheits- und Aussenpolitiker eine kooperativere Auslegung für zunehmend unausweichlich.Aber was ist die schweizerische Neutralität überhaupt, wie hat sie sich historisch entwickelt, und was sind ihre wirtschaftlichen und politischen Vor- und Nachteile? Und weshalb haben die nordischen Länder ihre Einschätzung dazu derart fundamental geändert?Was für Gedanken sich Finnland und Schweden machenDie Bündnisfreiheit war lange der Grundpfeiler der Verteidigungspolitik von Finnland und Schweden. Gerade in Finnland dominierte die Ansicht, dass man Russland keinesfalls provozieren dürfe. Bis zu Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 befürworteten nur 20 Prozent der Bevölkerungen Schwedens und Finnlands einen Beitritt zur Nato.Im Mai 2022 lag die Zahl der Nato-Befürworter in beiden Ländern dann bei über 80 Prozent. Das schnelle Umdenken war eine direkte Folge der veränderten Sicherheitslage. Finnland teilt eine 1340 Kilometer lange Grenze mit Russland. Die unmittelbare Nähe wirkt sich auf das Bewusstsein für die Gefahr aus dem Osten aus – auch wenn diese für die Nachbarländer nicht unbedingt grösser ist als für das restliche Europa.Der Entscheid zum Nato-Beitritt und damit zur Aufgabe der bewaffneten Neutralität wird bis heute von den Bevölkerungen Finnlands und Schwedens mitgetragen und hat ganz entscheidend zu deren Sicherheitsgefühl beigetragen. Kontrovers diskutiert wird indessen die Frage, ob auch Atomwaffen auf finnischem und auf schwedischem Boden stationiert werden sollen. Finnland hat im Frühling den Atomwaffensperrvertrag aufgehoben, den es einst mit der Sowjetunion abgeschlossen hatte.Eine Mehrheit der nordischen Länder ist inzwischen überzeugt, dass es gegenüber der russischen Bedrohung keine Neutralität geben kann und man diese gemeinsam abschrecken muss.Finnland und Schweden entwickelten die Nato-Option allerdings bereits seit den 1990er Jahren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und mit dem EU-Beitritt betrachtete insbesondere die schwedische Regierung die Neutralität als obsolet. Beide Länder positionierten sich zunächst als bündnisfrei und vertieften die militärische Zusammenarbeit im Rahmen der Nordic Defence Cooperation (Nordefco).So waren Schweden und Finnland politisch, rechtlich und auch militärisch auf den letzten Schritt vorbereitet: den Beitritt zur Nato – und das definitive Ende der Neutralität.Was die Neutralität für die Souveränität bedeutetDer wesentliche Unterschied zwischen dem nordischen und dem schweizerischen Weg liegt in der Geschichte: Die Sowjetunion zwang Finnland die Neutralität als Bedingung für die Souveränität geradezu auf. Die Schweiz bestimmte ihren Weg selbst, war aber auch auf die Anerkennung ihres Standpunktes durch die Grossmächte angewiesen.So etablierte sich die schweizerische Neutralität über die Jahrhunderte als das zentrale Instrument, um den Sonderfall Eidgenossenschaft aus der europäischen Grossmachtpolitik herauszuhalten.Am Wiener Kongress 1815 wurde die «bewaffnete Neutralität» völkerrechtlich kodifiziert. Die Grossmächte, und allen voran Russland, machten sie zur Bedingung für die Souveränität der Eidgenossenschaft. Die Schweiz sollte Frankreich, das auch nach den Napoleonischen Kriegen ein Unruheherd blieb, davon abhalten, die Restauration der alten Ordnung zu gefährden: als Riegel zwischen der Zukunft und der Vergangenheit.Die Voraussetzung war stets, dass die Schweiz sich selber verteidigen konnte – und den Durchmarsch fremder Truppen verhindern konnte. Militärische Schwäche würde eine Kriegspartei begünstigen und wäre ein Widerspruch zur Neutralität.Ab 1848 schützte das Instrument den modernen Bundesstaat zuerst vor radikalem Übermut und schliesslich auch die innere Kohärenz – insbesondere im Ersten Weltkrieg, als der Nationalismus die Schweiz beinahe zerriss: Manche Deutschschweizer hegten Sympathien für das deutsche Kaiserreich, die Romandie für Frankreich.Die Neutralität wurde so zum Überlebenselixier der Willensnation Schweiz: «Wollen wir oder wollen wir nicht ein schweizerischer Staat bleiben, der dem Auslande gegenüber eine politische Einheit darstellt», fragte der Schriftsteller Carl Spitteler das Publikum in seiner Rede über den «Schweizer Standpunkt». Die Mahnung, im Kampf der Nationen neutral zu bleiben, erschien im Dezember 1914 auch auf der Frontseite der NZZ.Der Schriftsteller Carl Spitteler auf einem Gemälde von Ferdinand Hodler: «Wohlan, füllen wir angesichts dieser Unsumme von internationalem Leid unsere Herzen mit schweigender Ergriffenheit und unsere Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab.» So beschrieb Spitteler den neutralen Standpunkt der Schweiz im Ersten Weltkrieg.Kunstmuseum LuzernWelchen wirtschaftlichen Wert die Neutralität hatEs ist seither im kollektiven Bewusstsein der Schweizer Gesellschaft tief verankert: Die Neutralität hat bei der Sicherung von Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlergehen hilfreiche Dienste geleistet – zuletzt vor allem im Zweiten Weltkrieg, als die Schweiz nicht besetzt und auch nicht kriegsversehrt wurde.Diese Gnade der Geschichte war allerdings nicht nur dem damals noch ausgeprägten bewaffneten Wehrwillen zu verdanken, sondern auch einer flexiblen Auslegung der Neutralität. Die Schweizerische Nationalbank kaufte sowohl den Achsenmächten als auch den Alliierten in grossem Stil Gold ab. Handelsgeschäfte mit beiden Mächten trugen dazu bei, das Kosten-Nutzen-Verhältnis einer militärischen Eroberung zu verschlechtern.Nach dem Weltkrieg profitierte die Schweiz von einer unversehrten Industrie und Infrastruktur und ihrem bereits international offenen Kapitalmarkt. Die Perzeption, dass sich eine neutrale Schweiz aus fremden Händeln heraushält und Geld dort relativ sicher und diskret verwahrt ist, hat nebst der politischen Stabilität, Rechtssicherheit und entwickelten Infrastruktur zur Bedeutung des Schweizer Finanzplatzes beigetragen. Die Schweiz entwickelte sich zum grössten Verwalter von Offshore-Geldern weltweit. Das hat zu relativ tiefen Realzinsen und geringen Kapitalkosten beigetragen und so den Wohlstand gefördert.Um mit möglichst vielen Ländern Handel zu treiben und Wirtschaftsabkommen zu schliessen, war die Neutralität nicht Bedingung, aber von Vorteil. Im Vergleich zur Grösse des Landes und zur Wirtschaftskraft haben sich überproportional viele internationale Organisationen und Konzernzentralen in der Schweiz angesiedelt. Das hatte auch mit der positiven globalen Wahrnehmung der Schweizer Neutralität und den von der Eidgenossenschaft angebotenen Guten Diensten zu tun.Doch die Neutralität hatte auch Nachteile. Der Sichere-Hafen-Effekt führte immer wieder zu fundamental schwer zu begründenden raschen Aufwertungen des Frankens und setzte damit die einheimische Exportwirtschaft unter Druck.Die Vernachlässigung der Rüstung und Armee seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat im europäischen Ausland den Eindruck gestärkt, die Schweizer nutzten die Neutralität in erster Linie als Vorwand fürs Trittbrettfahren auf Kosten der Europäer. Ein mit der Neutralität begründetes rigides Kriegsmaterialgesetz, das die Weitergabe und den Gebrauch von Schweizer Rüstungsgütern im Kriegsfall stark erschwert, stösst international auf Unverständnis und blockiert die schweizerische Rüstungsindustrie.In einer von geopolitischer Blockbildung und zunehmendem Protektionismus geprägten Welt steigt schliesslich die Gefahr, dass eine zu rigide Interpretation der Neutralität die Schweiz ins Abseits drängt, indem sie von allen als Drittpartei wahrgenommen wird, die man mit Marktzutrittsbarrieren lieber fernhält.Die Neutralität als Instrument der Aussen- und Aussenwirtschaftspolitik funktioniert nur so lange gut, wie sie von den Gegenparteien respektiert und geschätzt wird. Dies ist in den vergangenen Jahren vor allem in Europa immer weniger der Fall. Auf dem alten Kontinent geht es nicht mehr um Konflikte zwischen Staaten, sondern um die gemeinsame Bedrohung durch Russland und andere autoritäre Grossmächte. In dieser Situation wird die schweizerische Neutralität vermehrt als kleinkrämerisch-egoistisches Abseitsstehen abgelehnt.Dem könnte man durch eine kooperativere und solidarischere Auslegung entgegenwirken. Doch genau das will die rigide Neutralitätsinitiative verhindern.Die ökonomischen Vor- und Nachteile der Neutralität lassen sich nicht einfach in Franken messen. Aber ziemlich sicher würde eine Annahme der rigiden Neutralitätsinitiative die beschriebenen wirtschaftlichen Kosten der schweizerischen Neutralität weiter erhöhen und deren Nutzen verringern.Die Schweiz ist ein Knotenpunkt des europäischen Netzverbunds. So fliesst der französische Atomstrom über den Kanton Aargau nach Baden-Württemberg und Bayern. Ohne Kooperation gibt es keine Sicherheit.Gaetan Bally / KeystoneWas die Neutralität für die Sicherheit bedeutetDie schweizerische Neutralität entwickelte sich stets entlang der Sicherheitslage in Europa weiter: mal restriktiver, mal flexibler. Im 20. Jahrhundert bildete sich deshalb ein Unterschied zwischen der Neutralitätspolitik und dem Neutralitätsrecht heraus. Heute ist die Schweiz in ihrem Neutralitätsverständnis praktisch ein Solitär. Österreich und Irland sind Mitglied der EU, Serbien, das sich 2007 zu einem neutralen Staat erklärt hat, betreibt eine ausgesprochene Schaukelpolitik zwischen der EU, Russland und China.Die neutralitätsrechtlichen Schranken verbieten es der Schweiz, der Nato oder einem anderen Bündnis beizutreten. Die Einhaltung der Neutralität ist zudem als Handlungsrichtlinie von Bundesversammlung und Bundesrat bereits heute in der Verfassung festgelegt. Doch die Neutralitätspolitik ermöglicht es dem Bundesrat, die Eidgenossenschaft im Geiste des Völkerrechts zu positionieren.Ein Ja zur Neutralitätsinitiative würde die Schweiz von der regelbasierten Ordnung entkoppeln, die Westeuropa seit 1945 den Frieden in Freiheit garantiert. Der Verfassungsartikel würde dem Bundesrat die Möglichkeit entziehen, Sanktionen gegen Staaten zu übernehmen, die das Gewaltverbot der Uno-Charta missachten. Die schweizerische Neutralität würde damit einseitig den Aggressor begünstigen. Ausgenommen wären Uno-Sanktionen, die aber im Fall der Ukraine am Veto von Russland gescheitert sind.Weiter will die Initiative eine rechtzeitige Kooperation mit den militärischen Nachbarn verhindern. Die Zusammenarbeit mit Militär- oder Verteidigungsbündnissen wäre laut dem vorgeschlagenen Verfassungsartikel nur noch «für den Fall eines direkten militärischen Angriffs auf die Schweiz oder für den Fall von Handlungen zur Vorbereitung eines solchen Angriffs» möglich – mit anderen Worten: schlicht zu spät. Denn Kooperationen müssen eingeübt werden – und brauchen einen verbindlichen Beitrag.Die Schweiz würde in diesem Fall zu einer Sicherheitslücke mitten in Europa, denn eine effektive Verteidigung ist heute nur noch im Verbund möglich. Die Landesgrenzen schützen weder vor Cyberattacken noch vor Distanzwaffen. Selbst wenn die Schweizer Armee wieder über alle nötigen Fähigkeiten verfügte, bliebe sie auf die Zusammenarbeit mit Partnern angewiesen: etwa auf den Austausch von Luftlagedaten, um vor Drohnen oder ballistischen Lenkwaffen gewarnt zu werden.Eine neutrale Schweiz ist verpflichtet, sich verteidigen zu können. Als Nervenzentrum der kritischen Infrastrukturen des Wirtschaftsmotors dies- und jenseits der Alpen kommt ihr zudem eine besondere Verantwortung zu, ihren Beitrag für die Sicherheit Europas zu leisten. Auch als Kooperationspartner ist sie dafür auf eine starke Armee angewiesen.Doch genauso kontrovers wie über die Neutralität diskutiert die Schweiz gegenwärtig über die dringend notwendige Nachrüstung der Armee – und verliert damit Zeit, sich auf eine mögliche Eskalation des Kriegs in Europa vorzubereiten.Finnische Soldaten 1939 mit Gasmasken: Finnland leistete im Winterkrieg 1939/40 erbitterten Widerstand gegen die sowjetische Invasion.Hulton / Corbis Historical / GettyEin souveräner Staat braucht OptionenIm Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Europa hat Finnland nach dem Kalten Krieg nie abgerüstet. Selbst in den Zeiten der Finnlandisierung, als die finnische Aussenpolitik mit Moskau abgestimmt wurde, hielt das Land an einer starken Armee fest. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg hat sich fest im kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Nur ein starkes Land – so der Grundgedanke – könne sich die Neutralität leisten. Reich und schwach sei eine ganz besonders gefährliche Mixtur.In der Schweiz wird der Zweite Weltkrieg zurzeit als Steinbruch der Argumente verwendet. Jeder verwendet das Element, das seine Meinung stützt. Brach General Henri Guisan die Neutralität, als er eine geheime Zusammenarbeit mit Frankreich anstrebte? Verschonten die Achsenmächte die Drehscheibe in den Alpen wirklich wegen deren Neutralitätserklärung vor der Verheerung des Krieges? War die Schweiz tatsächlich so neutral, wie sie nach aussen behauptete?Tatsache ist: Die Schweizer Armee war 1939 nicht auf einen Krieg vorbereitet. Nach dem Zusammenbruch Frankreichs 1940 blieb General Guisan nichts anderes übrig, als einen Rückzug ins starke Gelände der Zentralstellung in den Alpen anzukündigen. Das Reduit national war eine Notlösung und ein kommunikativer Coup. Deutschland wurde weisgemacht, dass sich ein Angriff nicht lohnt. Eine Besetzung der Alpentransversalen wäre nur mit grossem Kraftaufwand möglich gewesen. In der Realität verzichtete der General aber auf einen Rückzug der Armee aus dem Mittelland.So oder so wollte die Aktivdienstgeneration nach dem Krieg nie mehr in eine solche Lage geraten und bereitete die Schweiz deshalb ab den 1960er Jahren auf die gefährlichste Möglichkeit vor: einen Atomschlag. Die Bevölkerung sollte niemals mehr ungeschützt bleiben. Deshalb wurden Schutzplätze für elf Millionen Menschen gebaut, die bis heute existieren. Die Gesamtverteidigung war die Antwort auf den Kalten Krieg: eine starke Armee, ein ausgebauter Bevölkerungsschutz und eine zurückhaltende Aussenpolitik.Diese Formel könnte bis heute gelten, geht aber im innenpolitischen Ringen unter, ebenso wie die Konsequenzen, die Schweden und Finnland aus den geopolitischen Veränderungen gezogen haben: Ein souveräner Staat braucht Optionen, um in der Krise handlungsfähig zu sein. Für die Schweiz braucht es deshalb sowohl das Instrument der Neutralität als auch die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten für einen Frieden in Freiheit kooperieren zu können.18 KommentareHans Peter Wyss 02.09.20261 EmpfehlungDanke dem Autorentrio für Ihre fundierte Auslegeordnung. Journalismus auf hohem intellektuellem Niveau ist nicht Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung folgt immer dem Zeitgeist, in welchem die Schreibenden leben. So gesehen lesen wir hier einen ausgezeichneten Artikel.
Was bringt die Neutralität der Schweiz noch – und in welcher Form?
«NZZ Pro» analysiert den Nutzen und die Kosten der Neutralität im Lichte der finnisch-schwedischen Erfahrungen, der ökonomischen Effekte und der Sicherheitspolitik.













