Die Schweiz und die Illusion der neutralen Unabhängigkeit1938 habe die Schweiz die Entscheidungshoheit über ihre Neutralitätspolitik zurückgewonnen, schreibt der Historiker Herbert Kaufmann in einem NZZ-Artikel. Diese Sichtweise prägt die Debatte bis heute. Eine Replik des Historikers Jakob Tanner.08.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIn unserer krisengeschüttelten Gegenwart dient die schweizerische Neutralität erneut als nationaler Schutzschirm, auf den unterschiedliche Erwartungen und Ziele projiziert werden, derweil er die Aussicht auf relevante Probleme verstellt. Umso aufschlussreicher ist es, einen Blick auf die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg zu werfen, als im neutralen Kleinstaat ebenfalls intensiv über Inhalt, Sinn und Zweck der Aussenpolitik diskutiert und im Frühjahr 1938 die Rückkehr zu einer «integralen» Neutralität beschlossen wurde. So wie heute stand auch damals eine doktrinäre «Neutralitätsinitiative» zur Diskussion, welche das Land von internationalen Solidaritäts- und Sanktionsverpflichtungen entbinden wollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit diesem Volksbegehren und mit der neutralitätspolitischen Neuausrichtung des Jahres 1938 befasste sich ein NZZ-Artikel des Historikers Herbert Kaufmann, der seine Erkenntnisse aus einer vergleichenden Lektüre von drei Oltner Zeitungen gewonnen hat (NZZ vom 9. März 2026). «Im Mai 1938 waren sich alle Parteien in der Beurteilung der politischen Lage einig», lautet das wichtigste Ergebnis.Dies deckt sich mit bisherigen Forschungsresultaten, die zeigen, dass der «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich in der Schweiz ein schockartiges Zusammenrücken auslöste, was auch über diplomatische Kanäle kommuniziert wurde: «Und der Widerhall war so gross, dass er die Anschauung der sozialdemokratischen Opposition bezüglich der schweizerischen Aussenpolitik mit derjenigen der Regierung vereinigte und sowohl das Ende der unterschiedlichen Ansichten über die Methoden dieser Politik wie auch des hartnäckigen Kampfes besagter Opposition gegen den Leiter des politischen Departements Motta bewirkte», lässt sich in einem politischen Bericht vom 13. April 1938 nachlesen.Auch die Tatsache, dass sich die schweizerische Sozialdemokratie besonders schwertat mit dem Völkerbund und – abgesehen von weitsichtigen Mahnern wie dem Pazifisten Leonhard Ragaz – 1920 einen Beitritt der Schweiz ablehnte, ist einschlägig bekannt. Schon kurze Zeit später setzte sich die Linke dann jedoch entschlossen für eine kollektive Sicherheitsarchitektur ein. Der Presseberichterstattung über den SP-Parteitag vom 21. Mai 1938 kann entnommen werden, dass hier die völkerbundsfreundlichen Stimmen, die zum Schutz der Demokratie eine stärkere Anlehnung an antifaschistische Kräfte forderten, noch immer laut waren (wie auch in der NZZ vom 23. Mai 1938 zu lesen war).Fehlende VertiefungVor diesem Hintergrund weist Herbert Kaufmann auf interessante regionalspezifische Facetten hin. So wurde der Völkerbund in der katholisch-konservativen Zeitung «Der Morgen» als «Servitut» abqualifiziert und die Mitgliedschaft der Schweiz generell infrage gestellt. Diese Untersuchungsebene wird jedoch nicht weiter vertieft; der Artikel wendet sich vielmehr einem Beitrag zu, den ich Ende 2025 in der «Friedenszeitung» veröffentlichte (und der auf einer kürzeren, am 22. Mai 2023 in der NZZ abgedruckten Analyse aufbaut). Ich gehe im Folgenden kurz auf zwei Punkte ein: auf die Wirkung der 1937 geplanten Neutralitätsinitiative und auf die Wertung der damaligen Neutralitätspolitik.In der «Friedenszeitung» schreibe ich, «die Rückkehr der Schweiz von einer ‹differenziellen› zu einer ‹integralen› Neutralität» habe sich «in den allgemeinen Niedergang der Völkerbundsidee» eingefügt. Aus diesem (vom Historiker Edgar Bonjour so bezeichneten) «Zerbröselungsprozess» versuchte eine 1937 vom «Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz» angekündigte «Neutralitätsinitiative» politischen Profit zu schlagen. Dieser «Volksbund» war als Kampforganisation gegen den schweizerischen Völkerbundsbeitritt gegründet worden und drosch unaufhörlich mit oftmals rassistischer Propaganda auf dieses System kollektiver Sicherheit ein, was wiederum den antisemitischen Überfremdungsdiskurs verschärfte.Im Frühjahr 1933 verschwand ein Teil seiner Anhänger in der rechtsextremen Frontenbewegung. Die 1937 angekündigte Volksinitiative richtete sich gegen die Beteiligung der neutralen Schweiz an den Sanktionen des Völkerbundes gegen Aggressoren. Ich erkläre an keiner Stelle, dieses Projekt habe «entscheidenden Einfluss» auf den Entscheidungsprozess in Bundesrat und Parlament gehabt (wie dies Herbert Kaufmann insinuiert). Vielmehr geht mein Beitrag der Frage nach, wie es damals passieren konnte, dass die offizielle schweizerische Aussenpolitik auf einen Kurs einschwenkte, der von den notorischen Völkerbundsgegnern begrüsst wurde und der es ihnen ermöglichte, ihre Initiative ad acta zu legen.Hitlers VorprellenBei meiner Wertung der damaligen Neutralitätspolitik der Regierung als «hilflos» stütze ich mich auf Analysen der internationalen Beziehungen, die hervorheben, dass Militarismus, Faschismus und Nationalsozialismus systematisch auf die Zersetzung des Völkerrechts, von dem das Überleben der Schweiz als demokratischer Staat abhing, abzielten. Weil die aggressiven Mächte im System kollektiver Sicherheit ein Hindernis für ihre Expansionspläne sahen, wollten sie den Völkerbund, der seinen Sitz in Genf hatte, zerstören. Wenn die Schweiz den Einmarsch der Wehrmacht in Österreich und die Einverleibung dieses Landes in das Deutsche Reich im März 1938 als einer der ersten Staaten und zudem vorbehaltlos anerkannte, so war das kurzsichtig.Der Bundesrat stellte die Rückkehr der Schweiz zur integralen Neutralität, die am 14. Mai 1938 vom Völkerbundsrat einstimmig (mit Enthaltungen der Sowjetunion und Chinas) beschlossen wurde, als Befreiungsschlag dar. Dieser Schritt konnte, wie er betonte, «bewerkstelligt werden, ohne dass die Schweiz gezwungen war, auf ihre Mitgliedschaft im Völkerbund zu verzichten. Wir freuen uns darüber.»In Bonjours Neutralitätsgeschichte lässt sich allerdings nachlesen, dass sich auch andere über diesen Rückzug der Schweiz aus dem wirtschaftlichen Sanktionsregime des Völkerbundes gefreut haben. Bonjour schreibt, die Schweizer Diplomatie sei in Berlin bis Ende Mai 1938 nicht vom Fleck gekommen. Doch da «prellt Hitler vor»: «Ohne sich die Einwendungen des Auswärtigen Amtes zu eigen zu machen und ohne an der autonomen Neutralitätspolitik der Schweiz weiter herumzukritteln, erklärte er dem Schweizer Gesandten spontan, Deutschland sei hocherfreut über die Lösung, die die Schweiz in der Neutralitätsfrage gefunden habe.»Am 21. Juni 1938 bekundeten die beiden Achsenmächte Deutschland und Italien schliesslich in gleichlautenden Erklärungen ihre tiefe Befriedigung über die neue neutrale Haltung der Schweiz; gleichzeitig verlautete der deutsche Aussenminister Joachim von Ribbentrop gegenüber dem neu akkreditierten Schweizer Gesandten Frölicher, die deutsche Regierung sehe «in der unbedingten Aufrechterhaltung» von deren Neutralität «ein wichtiges Element für die Sicherung des europäischen Friedens».Gefälle zwischen Selbstbild und RealpolitikUnter «Friedenssicherung» verstand das Naziregime Gewaltpolitik und Kriegsvorbereitung. Zu sagen, die neutrale Schweiz habe mit ihrer Beteiligung an der verdeckten und völkerrechtswidrigen deutschen Wiederaufrüstung während der 1920er und 1930er Jahre ein «wichtiges Element» dazu beigesteuert, wäre übertrieben. Aber sie leistete einen Beitrag zu den deutschen Revancheplänen, und auch deshalb gaben die Geschäfte der Waffenfabrik Solothurn, der Hispano Suiza, von Bührle-Oerlikon und weiteren Rüstungsunternehmen immer wieder zu Kontroversen Anlass.Und es ist, wie ich in der «Friedenszeitung» schreibe, «doch bemerkenswert, wie [die Schweiz] sich in die von den aggressiven Diktatoren vorangetriebene Volldemontage eines bereits brüchig gewordenen Systems kollektiver Sicherheit einreihte». Darin erwies sie sich – und in diesem Punkt stimme ich Herbert Kaufmann zu – als nicht viel hilfloser als die anderer Völkerbundstaaten. Das Gefälle zwischen humanitärem Selbstbild und Realpolitik war im Fall der Schweiz einfach etwas höher.Nicht einig gehe ich mit der den Artikel abschliessenden Annahme, die Schweiz habe 1938 «die Entscheidungshoheit über ihre Neutralitätspolitik zurück(gewonnen)». Das neutrale Land befand sich mehr denn je massiven Druckversuchen ausgesetzt, wobei es verstärkt um die sogenannte «Gesinnungsneutralität» ging. So erschien im «Schweizer Schützenfreund» (Redaktionssitz in Grenchen) Ende Juli 1939 eine Buchbesprechung, die eine Maulkorb-Neutralität, wie sie dem deutschen Autor vorschwebte und wie sie Nazideutschland der Schweiz aufzwingen wollte, durchwegs positiv wertete. Damit lag der «Schützenfreund» exakt auf der Linie der infamen «Eingabe der 200», mit welcher anpasserische Kreise, unter ihnen der «Volksbund», im November 1940 die Bundesbehörden und Zeitungsredaktionen auf einen geistigen Kapitulationskurs zu trimmen versuchten.Während der Kriegsjahre vermochte die Schweiz ihre Neutralität in zentralen Bereichen nicht durchzuhalten. Die von der Migros herausgegebene Zeitung «Die Tat» kritisierte Ende September 1939, dass das Asylrecht als «vornehmster Ausdruck der schweizerischen Neutralität» mit dem antisemitisch motivierten Einreiseverbot für Flüchtlinge faktisch abgeschafft worden sei. Und die Finanzierung der Waffenexporte nach Deutschland durch staatliche Clearing-Kredite verstiess gegen das Neutralitätsrecht. Dass dies nach 1945 verdrängt wurde, hängt mit dem Kalten Krieg, aber auch mit jener nationalen «Take back control»-Illusion zusammen, die schon immer von einem verkürzten Unabhängigkeitsdenken zeugte und dies bis heute tut.Jakob Tanner ist emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich.