Diese Landtagswahl werde zum „Wendepunkt in der Geschichte Sachsen-Anhalts, in der Geschichte Deutschlands und der Geschichte Europas“, schallt es von der Bühne in Quedlinburg. Und die Bilder aus der kleinen Stadt am Nordrand des Harzes gehen später tatsächlich hinaus in die Welt. Fernsehteams aus dem Ausland sind angereist.Sogar Kirill Dmitriev verbreitet später über die sozialen Medien das Video, wie sich der sachsen-anhaltische AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf seiner blauen Simson den Weg durch die Menge bahnt. „Deutschland erwacht am 6. September“, schreibt Putins Unterhändler für die Ukraine darüber. Diese Formulierung ist historisch belastet, mit dem englischen Begriff des „Erwachens“ oder der „Erweckung“ trifft Dmitriev aber durchaus den Kern der „Simson-Ausfahrt“ der AfD. Eine solche politische Veranstaltung wie in Quedlinburg Ende August hat Deutschland schon lange nicht mehr gesehen.Bereits frühmorgens sind, mehr als 200 Kilometer von Quedlinburg entfernt, auf einer Autobahn ausrangierte Feuerwehrautos mit großen Siegmund-Plakaten und der Aufschrift „Brandmauerlöschwagen“ zu sehen. Die AfD karrt in den letzten Tagen vor der Landtagswahl Unterstützer von überall nach Sachsen-Anhalt. Doch die große Mehrzahl der Besucher – die AfD beziffert ihre Zahl auf 5000 – kommt aus der Region. Sie sind mit ihren Simson-Mopeds über die Landstraßen des Vorharzes herangeknattert oder kommen direkt aus Quedlinburg.Am Rande der Festwiese machen zwei Männer ihre blauen Mopeds bereit. Der eine trägt ein Ulrich-Siegmund-T-Shirt und einen Helm in Wehrmachts-Optik. Beim zweiten steht „Ostdeutschland“ in Frakturschrift auf der Kopfbedeckung.„Wir“ und „sie“, „gegen“ und „für“Das ist der neue, hybride Symbolkosmos der AfD in diesem Landtagswahlkampf. Der erste, nationale Strang besteht aus unzähligen Deutschland-Fahnen über die bekannten schwarz-rot-goldenen Anglerhüte bis hin zu den Codes der rechtsextremen Szene, die sich muskelbepackte Männer auf ihre Shirts drucken und auf ihre Arme oder Unterschenkel tätowieren lassen. Daneben steht der ostalgische Strang: Etliche Trabbis und noch mehr Simsons, DDR- und FDJ-Fahnen, Hammer-und-Sichel-Pullover. Und immer wieder die Aufschrift „Ostdeutschland“ in Frakturschrift, mal als Mütze, mal als Shirt mit Bundesadler und der Unterzeile „Das ist der dunkle Osten“.Auf einem anderen Pullover sitzt ein schwarz-rot-goldener Bundesadler auf einem Bären in russischen Nationalfarben. „Alte Freunde“ steht darunter. Solche Statements fügen sich ein in eine allgegenwärtige Masse einer scheinbar unpolitischen Ornamentik auf Haut und Kleidung: Drachen, Teufelsfiguren, Mittelfinger. Wen würden Sie wählen?Am 6. September 2026 findet die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt. Vergleichen Sie die Antworten der Parteien mit Ihren Standpunkten. Zum Wahl-O-Mat Für das leibliche Wohl sei gesorgt, hat die AfD auf die Einladung geschrieben. Es gibt Wurst, Steaks, Eis, eine Tombola sowie eine Hüpfburg für die Kinder. Und zahllose Videostreamer, die das Geschehen festhalten. Sie bilden das mediale Vorfeld der AfD. „Die Menschen haben die Faxen dicke!“, schnaubt ein Besucher in eine der kleinen Kameras, kurz bevor das Bühnenprogramm beginnt.Es folgt das übliche, arbeitsteilige Vorgehen im AfD-Wahlkampf: Hans-Thomas Tillschneider ist zuständig für den metapolitischen Überbau: „Wir sind für Euch. Und sie sind gegen uns, weil wir für Euch sind“, ruft der promovierte Islamwissenschaftler in beinahe johanneischer Diktion. Der Landesvorsitzende Martin Reichardt gibt hingegen den Einheizer und Scharfmacher. Er beschimpft die Grünen-Spitzenkandidatin als adipös und stachelt die Menge auch gegen die Sozialdemokraten auf: „Wir rufen: Willingmann, geh nach Hause!“ Der SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Sachsen-Anhalt lebt und arbeitet, stammt gebürtig aus Dinslaken.Scharfmacher: AfD-Landeschef Martin Reichardt, hier auf dem hielt auf dem Bundeskongress der „Generation Deutschland“ in Magdeburg eine äußerst vulgäre Rede.Daniel PilarDann kommt der Moment des Mannes, für den die 5000 Besucher heute auf die Festwiese gekommen sind: Ulrich Siegmund, der 35 Jahre alte Spitzenkandidat der AfD. „Wir als Sachsen-Anhalt dürfen stolz darauf sein, dass wir als Landesverband diesen Mann hervorgebracht haben“, ruft Reichardt kurz vor Siegmunds Auftritt von der Bühne und steigt auf der Leiter der Ergriffenheit immer weiter empor: „Viele Menschen an den Infoständen, die sagen zu uns: Ihr seid unsere Hoffnung. Manche sagen sogar: Ihr seid unsere letzte Hoffnung“, erklärt Reichardt mit bebender Stimme. „Und ich sage Euch, wie groß ist das, wenn man als Mensch überhaupt nur eines einzigen Menschen Hoffnung ist. Wir aber, mit unserem Ulrich Siegmund, sind die Hoffnung für Hunderttausende in Sachsen-Anhalt und für Millionen in Deutschland.“Die Konsequenz aus der Landtagswahl 2021Die Personalie Siegmund war tatsächlich einer der cleversten Einfälle der Partei seit ihrer Gründung. Siegmund gehörte zu einer Riege extrem junger Abgeordneten, die im Jahr 2016 in den Magdeburger Landtag gespült wurden, als die AfD dort mit 24,3 Prozent ihren Durchbruch feierte. Der Tangermünder, der zwei Jahre zuvor eine Firma für Raumbeduftungen gegründet hatte und Düfte wie „Smooth Harmony“ oder „Fresh Office“ vertrieb, hatte zuvor der CDU angehört, schaffte es dort aber nicht in den Vorstand der Ortsgruppe.Nach seinem Einzug in den Magdeburger Landtag fiel Siegmund zunächst nicht weiter auf. Ins Rampenlicht trat er erst im Jahr 2022, als er zum Ko-Vorsitzenden der Fraktion aufstieg. Seither ahnte jeder in Magdeburg: Das ist der kommende Mann der AfD. Die Partei zog damals die Konsequenz aus der Landtagswahl 2021, bei der die Partei vom damaligen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff regelrecht überrollt wurde und abgeschlagen hinter der CDU landete. Der damalige AfD-Spitzenkandidat Oliver Kirchner entwickelte im Wahlkampf keine Präsenz.Die strategischen Köpfe im Landesverband orientierten sich deshalb frühzeitig um und setzen auf Siegmund: Der war jung und immer sportlich-schick gekleidet. Als ausgebildeter Wirtschaftspsychologe beherrscht Siegmund zudem die Kunst eines guten Verkäufers, selbst bei kürzesten Begegnungen ein gutes Gefühl zu hinterlassen. Der politische Wert solcher Eigenschaften blitzte erstmals während der Pandemie auf: Siegmund, damals gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion, erreichte im Internet plötzlich enorme Reichweite mit Videos, in denen er die Corona-Maßnahmen scharf anging. Damals wurde klar: Dieser junge Mann kann das künftige Gesicht der Partei werden, wenn man ihn geschickt aufbaut.Im Fokus: Hans-Thomas Tillschneider, hier bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Merseburg am 22. AugustdpaDiese Aufgabe fällt in der sachsen-anhaltischen AfD anderen Männern zu, die teils aus der identitären, teils aus der neonazistischen Szene stammen. Siegmund gehörte, soweit bisher bekannt, selbst nie zu einer solchen Szene. Spätestens mit seinem internen Aufstieg 2022 war er jedoch auf die Zuarbeit von Leuten angewiesen, die früher in der mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) tätig waren und heute Schlüsselpositionen in der sachsen-anhaltischen AfD innehaben. Auch Siegmunds Sprecher gehörte dieser Neonazi-Organisation an.Die Professionalität dieser eingeschworenen Kader sollte man nicht unterschätzen. Anders als die Glücksritter, die es in der AfD ebenfalls in großer Zahl gibt, schielen sie nicht auf schnelle Karrieren. Sie denken in ideellen Kategorien und arbeiten planvoll jenem Moment entgegen, in dem ihre Chance kommt. Mit Geduld und Akribie wurde ein eigenes, mediales Vorfeld aufgebaut – Streamer, Agenturen und Influencer, die für vergleichsweise geringes Geld Content für die affektgetriebenen sozialen Medien produzieren, in denen die AfD die etablierten Parteien bereits vor Jahren hinter sich ließ.Weshalb Siegmund seinen Ton geändert hatSeine Reden im Magdeburger Landtag hält Ulrich Siegmund in erster Linie, um später kurze Videos für Instagram, Facebook und Tiktok auszukoppeln, wo Siegmund zusammengerechnet weit mehr als eine Million Follower hat. Das nötige Timing für seine kurzen Clips hat Siegmund über die Zeit perfektioniert. Mittlerweile braucht der AfD-Politiker das Rednerpult im Landtag auch nicht mehr. Viel nahbarer und authentischer wirkt er, wenn er im Zip-Pullover am Steuer seines Autos oder beim Spaziergang über die Wiesen in sein Smartphone spricht. Siegmund ist dann zwar immer noch kein brillanter Redner, aber ein gewiefter Kommunikator, der besonders auf eher unpolitische Menschen sympathisch wirkt und sich selbst dabei unter Kontrolle hat. Siegmund macht selten Fehler, auch das zählt zu seinen Stärken.Bis vor einer Weile folgten die Reels von Siegmund der eher schlichten Logik, mit der man in den sozialen Medien rasch Aufmerksamkeit erntet: Es beginnt mit einem Satz wie „Sie wollen nicht, dass Du das erfährst!“ oder „Ich warne Euch vorab, es könnte einigen die Schuhe ausziehen ...“ und dann wird irgendein Vorgang skandalisiert, und sei er noch so sehr aus dem Zusammenhang gerissen oder verzerrt dargestellt.Aber dann, vor etwas mehr als einem Jahr, änderte Siegmund die Tonart. Während die CDU zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wusste, mit welchem Spitzenkandidaten sie zur Landtagswahl antritt und entsprechend auch noch keine Wahlkampfstrategie besaß, begann die AfD bereits mit Phase zwei ihres Wahlkampfs: der „Vision 2026“. Siegmund sprach nun in wärmeren, helleren Tönen. Er sprach von Gemeinschaft, von Aufbruch, von Hoffnung. Seine Parteifreunde ätzten und hetzten unentwegt weiter auf den Marktplätzen und im Internet. Aber für Siegmund war die Phase der Polarisierung vorüber. Er sollte nun die Ernte der damit bereits erreichten Bekanntheit einfahren und zu einem Kandidaten auch für diejenigen Wähler werden, denen die schwarze Galle nicht schon morgens beim Aufstehen übergeht.Auch die Plakate der AfD sind auf diese Strategie abgestimmt. Zwar gibt es auch Plakate mit Sprüchen wie „Abschieben ab Minute eins“. Doch im Zentrum steht die beiden Sätze „Alles ist möglich“ und „Das Land retten“. Die Kampagne öffnet damit einen weiten Vorstellungsraum, ohne konkrete Inhalte zu nennen.Eine politische Heilsgeschichte nach klassischem MusterDie Strategie zielt darauf, die Wahlentscheidung am 6. September in einen fast schon heilsgeschichtlichen Zusammenhang zu rücken. Grundlage ist das klassische Muster creatio, lapsus, redemptio – nur eben national gewendet.Am Anfang war eine große Vergangenheit, „unser altes, sicheres Deutschland“, von dem Siegmund in fast allen seinen Reden spricht, ohne genauer zu sagen, wann das war. Die sogenannten Baseballschläger-Jahre der Neunziger mit Massenarbeitslosigkeit? Die verrottete DDR-Zeit oder ein noch dunkleres Kapitel der deutschen Geschichte? Oder geht es zurück bis zu Kaiser Otto, dem Großen? Oder dem anderen Otto, von Bismarck, den Siegmund gerne zitiert?Sicher ist lediglich, dass eine Zeit vor der Grenzöffnung durch Angela Merkel gemeint sein muss. Denn spätestens dann, so die Erzählung, begann die dunkelste Phase der deutschen Geschichte, in der das Altparteienkartell das deutsche Volk knebelt und knechtet. AfD-Landeschef Martin Reichardt spricht vor der Kulisse der durchsanierten Weltkulturerbestadt Quedlinburg sogar von einer „Erfahrung von Niedergang und Zerstörung“.Doch diese Zeit endet, so die AfD-Erzählung. Und der Beginn dieses Endes wird der 6. September 2026 sein. Dann wird ein 35 Jahre alter Duftvermarkter aus Tangermünde „das Land retten“. Sicherlich, dieser Weg wird kein leichter sein, auch das fügt Siegmund mittlerweile bei jeder seiner Reden dazu. Siegmund achtet auch strikt auf Wahrung seines politischen Messiasgeheimnisses: „Ich bin auch ein ganz normaler Typ“, ruft er in Quedlinburg von der Bühne. „Ich bin genau wie ihr aus dem Volk für das Volk.“Und dann klingt er doch aggressivUnd das Volk sucht die Nähe von Ulrich Siegmund. Nach seinem Auftritt, es ist kurz nach 12 Uhr mittags, bildet sich eine lange Schlange von mehreren Hundert Menschen neben der Bühne. Der Mann mit dem Deutschland-Käppi am Ende der Schlange sagt, dass er ein Autogramm wolle. „Oder 'nen Foto“. Er wird es nicht bekommen. Denn hinter der Bühne steht schon die blaue Simson von Ulrich Siegmund bereit, eine KR 51/1 aus dem Jahr 1975, mit der er gemäß dem Programm um 13 Uhr zur großen Ausfahrt in den Harz starten muss.Die Familie, deren jüdische Vorfahren das Unternehmen Simson aufgebaut haben, aber von den Nazis aus ihrer Firma und aus dem Land gedrängt wurden, wehren sich dagegen, dass eine rechtsextreme Partei wie die sachsen-anhaltische AfD ihren Namen für sich nutzt. Siegmund greift diesen Vorgang in seinen Reden gerne auf und klingt an dieser Stelle plötzlich wieder aggressiv. „Was interessiert mich es denn, wenn irgendjemand, der seit Jahrzehnten überm Teich wohnt“ darüber urteilen wolle, „wie wir hier zu leben haben“, ruft er. „Ihr seid die Leute, die wir vertreten und keine Amerikaner, die uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben, liebe Freunde.“ Applaus, zustimmende Pfiffe und Oho-Rufe. Die Stimmung auf der Festwiese schlägt indes zu keinem Zeitpunkt in Aggression um. Das große Wahlplakat von Sven Schulze und dem örtlichen CDU-Direktkandidaten Ulrich Thomas steht auch am Ende genauso makellos an seinem Platz wie zuvor.Und dann geht es los. Ulrich Siegmund schnallt sich seinen weißen Retro-Helm auf den Kopf. Auf der Festwiese beginnen die Motoren zu knattern. Rasch legt sich ein grauer Dunst über das Gelände mit diesem typisch süßlich-scharfen Geruch von Zweitakter-Motoren.Der AfD-Spitzenkandidat fährt der Menge vorweg. Zumindest scheint das so in dem mit hämmernden Beats unterlegten Videoclip, den Ulrich Siegmund später in den sozialen Medien veröffentlichen wird. Tatsächlich fahren ganz vorne zwei offene G-Klasse-Geländewagen in mattgrauer Farbe, von denen aus die AfD ihre Hochglanz-Bilder erzeugen lässt, auf denen – auch wenn bisher keine einzige Umfrage eine ausreichende Mehrheit für die AfD ergab – tatsächlich alles möglich scheint.