Hybrider Krieg und das Zündeln an der Ostflanke: Wie weit wird Putin gehen? Und sind die Europäer vorbereitet?Russland warnt die Europäer vor der Weitergabe von Raketentechnologie an die Ukraine. Der CIA-Chef John Ratcliffe fliegt nach Moskau, während die Nato an der Ostflanke ein Manöver abhält. Die Zeichen stehen auf Eskalation.Andrea Jeska, David Axe, Alain Zucker30.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Elia Barbieri für NZZaSOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als die Maschine um 10 Uhr 04 in Moskau landete, waren die vereinigten Hobbyaviatiker bereits in heller Aufregung. Im Live-Flugradar war ein amerikanisches Militärflugzeug mit dem Rufzeichen RCH 4555 aufgetaucht, das am Sonntagabend von Washington aus gestartet war, an Bord der CIA-Chef John Ratcliffe. Und kaum fuhr die Autokolonne durch die russische Hauptstadt, überquollen die sozialen Netzwerke mit Gerüchten über den hohen amerikanischen Besuch.Doch Ratcliffe traf sich nicht mit Putin, sondern mit seinen russischen Kollegen. «Politico» und andere Medien wollten als Erste erfahren haben, dass er warnend darauf hinwies, dass die USA keinen russischen Angriff auf Europa dulden würden. Doch einen Tag später schrieb die «New York Times», er habe Russland lediglich aufgezeigt, wie schlecht seine Lage in der Ukraine sei, und es an den Verhandlungstisch bringen wollen.Die Unsicherheit über den tatsächlichen Zweck von Ratcliffes Besuch spiegelt jene, die Europa im Umgang mit Moskaus hybriden Angriffen offenbart. Nicht im Krieg, aber auch nicht mehr in Frieden, so nannte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz bereits im vergangenen Jahr die Zeitperiode, in der sich Deutschland angesichts der Bedrohung durch Russland befinde. Was damals aber noch tönte, als nähme der Frieden einen grossen und der Krieg einen kleinen, weil fernen Raum ein, hat spätestens seit Anfang August einen neuen Beiklang. Da fand man am Leipziger Flughafen eine mit Sprengstoff beladene Drohne neben einer ukrainischen Frachtmaschine. Nur einem defekten Zünder ist es zu verdanken, dass die vollgetankte Maschine nicht explodierte.Was, wenn das nächste Mal Menschen sterben? Wird aus dem hybriden gerade ein richtiger Krieg zwischen Russland und Europa?Hunderte Verdachtsfälle von SpionageRussland sieht heute jeden als Feind, der die Ukraine mit Waffen und finanziellen Mitteln unterstützt, vom Baltikum bis nach Grossbritannien. Und so häufen sich die Anzeichen, dass der russische Alleinherrscher die Eskalationsstufe erhöht. Das betrifft nicht nur die Front in der Ukraine, wo diese Woche drei dem Kreml nahestehende Personen gegenüber der Agentur Bloomberg wieder einmal einen Einsatz atomarer Waffen ins Spiel brachten.Auch im Westen spricht man inzwischen davon, dass Russlands systematischer hybrider Krieg eine neue Intensität erreicht. Die amerikanischen Geheimdienste halten strategisch relevante, aber begrenzte Angriffe an Europas Ostflanke in den nächsten drei Jahren für wahrscheinlich, insbesondere gegen das Baltikum, und die «New York Times» titelte vergangene Woche eine Kolumne mit der apokalyptisch klingenden Frage: «Ist das schon der dritte Weltkrieg?»Dennoch gehen in der Öffentlichkeit die Wahrnehmungen darüber auseinander, ob der Frieden tatsächlich noch grösser ist als der Krieg. Während die Skandinavier und die Balten schon frühzeitig aufrüsteten, geht in Deutschland die «German Angst» vor der Eskalation um, sollte man Russland zu eindeutig die Stirn bieten. «Deutschland hat keine klare Sprache als Reaktion auf die hybriden Angriffe. Es gibt bislang nicht einmal einen Konsens, dass diese tagtäglichen Angriffe Realität sind», beklagt der Grünen-Politiker Konstantin von Notz. «Man scheut den Konflikt und die Konsequenzen.»Der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem weissrussischen Kollegen Alexander Lukaschenko am Freitag bei einem Treffen nahe Moskau.Anastasia Barashkova / ReutersDabei haben das Bundeskriminalamt und die Nachrichtendienste anderer Länder Hunderte Verdachtsfälle von Spionage, Destabilisierung und gezielter Zerstörung von Infrastruktur gesammelt. Darunter Brandstiftung, Mordkomplotte – beispielsweise gegen Armin Papperger, den Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall –, Sabotageakte auf Unterseekabel und Pipelines in der Ostsee sowie die Anheuerung von Kleinagenten über soziale Netzwerke, die für wenige Rubel Handlangerverbrechen begehen.Auch häufen sich überall die Meldungen über die Sichtungen von Drohnen, die über militärischer oder anderweitiger kritischer Infrastruktur kreisen. Auch vor der Küste Rumäniens wurde eine mit Sprengstoff beladene Marinedrohne entdeckt, nahe einer Erdgasplattform. Die Denkfabrik IISS spricht in einer aktuellen Forschungsstudie von einer russischen Drohnenkampagne über Europa, bei der es darum gehe, Verletzungen des Luftraums zu normalisieren und die Reaktionen der Europäer zu testen. Im Falle der Drohnenfunde in Leipzig hat Friedrich Merz nun angekündigt, in den nächsten Tagen Klartext zu reden, und droht mit Konsequenzen, allerdings bislang ohne diese zu benennen.Sollte der Zünder versagen?Bisher wurden die hybriden Angriffe als «niederschwellig» angesehen. «Doch Russland hat immer eingehalten, was es angekündigt hat», sagt Sönke Marahrens, der am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel zu hybriden Angriffen forscht. «Deshalb sind alle Angriffsdrohungen gegen Europa ernst zu nehmen.» Die Einschüchterungsversuche richten sich derzeit besonders gegen die Briten und die Franzosen, weil sie der Ukraine Raketentechnologie weitergeben wollen.Noch geht es laut Marahrens Russland hauptsächlich darum, die Unterstützung für die Ukraine zu sabotieren, indem es Politik und Gesellschaft spaltet. «Russland probiert aus, wie weit es gehen kann. Offenbar weit, denn niemand will Krieg, und das wissen die Russen.» Ab welcher Eskalationsstufe der Nato-Artikel 5 einträte, der die Länder verpflichte, einander militärischen Beistand zu leisten: Mit dieser Unsicherheit spiele Russland. «Subkutane Drohungen sollen das Angstniveau aufrechterhalten. Möglicherweise war es Absicht, dass der Zünder an den Drohnen in Leipzig versagte, denn es nützt Russland viel mehr, in einer Bedrohungs-Graulage zu bleiben.»Erreicht ist bereits, dass Russland mit Desinformationskampagnen Werte des Bündnisses wie Freiheit, Herrschaft des Rechts und demokratische Strukturen angreift: «Russland erodiert diese Werte, und das ist schon ein grosser Schaden.»Sicher ist: Putins Eskalation hat noch Luft nach oben. Er war noch nie ein Mann der halbherzigen Einschüchterungen. Wo sein Machtwille hinreicht, gibt es Blut und Ruinen. Das zeigte in den frühen 2000er Jahren sein brutaler Umgang mit dem tschetschenischen Widerstand, auch Russlands Rolle im syrischen Bürgerkrieg, und das beweisen heute seine Angriffe auf ukrainische Städte.Hintergrund der steigenden Eskalationsgefahr ist, dass Russland seit einer Weile keine signifikanten militärischen Erfolge mehr im Donbass vorweisen kann. Die Zahl von Putins Verlusten ist hoch, und die wirtschaftlichen Folgen im Alltag der russischen Bevölkerung sind schmerzhaft. Deshalb setzt das Militär in der Ukraine selber zunehmend auf maximale Zerstörung und Zermürbung.Die ukrainische Führung hat deshalb mit extremer Sorge zugesehen, wie die Streitkräfte der USA und ihrer Verbündeten in monatelangen Kämpfen mit Iran Tausende ihrer Patriot-Flugabwehrraketen verfeuert haben. Das Patriot-System gehört zu den wenigen Abwehrsystemen, die feindliche ballistische Raketen wie die russische Iskander abschiessen können. Russland feuert jeden Monat Dutzende solcher bodengestützter Raketen ab, die 700 Kilometer in siebenfacher Schallgeschwindigkeit zurücklegen.Doch das weltweit verfügbare Arsenal der von den Amerikanern produzierten Abwehrraketen hat sich dramatisch geleert. Jeden Monat gelangt nur eine Handvoll Patriots über die engsten Verbündeten in die Ukraine. Dem steht die Produktion von jährlich mehr als 700 Stück der russischen Iskander entgegen. Die Flugabwehr kann kaum mehr tun, als zuzusehen, wie die Iskander heranrauschen. «Das ist ein wirklich herzzerreissender Anblick», sagte ein ukrainischer Soldat namens Dmitro gegenüber CNN.Deshalb entwickelt die Ukraine nun eigene Flugabwehrsysteme. Im Mai gab das ukrainische Rüstungs-Startup Fire Point bekannt, dass es an einer Boden-Luft-Rakete arbeite, die über gewisse Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Raketen verfüge.Illustration Elia Barbieri für NZZaSRussische Raketen enthalten Komponenten aus dem WestenAber bis dahin hat die Ukraine wenig Optionen, um die Auswirkungen der Iskander-Raketen abzumildern. Paradox ist, dass die russische Rakete westliche Komponenten enthält, darunter Computerchips und Sensoren, obwohl Sanktionen es verbieten, die russische Rüstungsindustrie zu beliefern. Russland umgeht die Verbote, indem es westliche Komponenten von Drittanbietern kauft. So soll etwa ein Teil des Iskander-Treibstoffs von einer Chemiefabrik in Usbekistan stammen, die sich in Singapurer Besitz befindet. «Lieferrouten für westliche Elektronik müssen unterbrochen werden», forderte der Analyst Nico Lange vom deutschen Institut für Risikoanalyse und Internationale Sicherheit. Dazu gehörten die Blockade von Schlüssellieferanten und Sanktionen gegen die Eigentümer.«Wir müssen uns endlich wehren», schreibt Lange. Und meint damit ein entschiedeneres Vorgehen an allen Fronten – auch im hybriden Krieg. «Wenn eine Sprengstoffdrohne einen Flughafen angreift oder ein Krankenhaus gehackt wird, darf die Antwort nicht höflicher Protest sein.» Als Antwort könne man Finanzströme stoppen, Tarnfirmen blockieren, russische Schiffe nicht in Häfen lassen. «Wir können Häufigkeit und Schwere der Angriffe gegen uns senken, indem wir auf der anderen Seite endlich Kosten dafür verursachen.»Am Freitag trafen sich die Innenminister der Ostsee-Anrainerstaaten, um darüber zu beraten, wie man Russlands Sabotageaktivitäten in der Ostsee unterbinden kann. Als begleitendes Showprogramm führten Spezialeinheiten vor, wie man ein Schiff entert und Drohnen abwehrt. Und zu ebenjenem Zeitpunkt, als der CIA-Chef Ratcliffe diese Woche nach Moskau flog, führte die Nato ein überraschendes Luft-Boden-Manöver neben der russischen Exklave Kaliningrad durch, eine Schlüsselstelle für die Nato, um das Baltikum zu schützen. Vorgeführt wurde die EA-37B, ein neues Flugzeug der Amerikaner für elektronische Kriegsführung. Damit, so berichtet Lange, könne man Raketen stören, Luftverteidigungssysteme ausschalten. Für ihn war diese Übung eine Antwort auf Russlands Bedrohung: «Man zeigt Stärke, bevor man sie braucht, man demonstriert Fähigkeiten, bevor man sie einsetzen muss.»Ob Russland beeindruckt war oder verstand, dass Europa hier noch immer in Abhängigkeit von den Amerikanern Stärke demonstriert, ist nicht bekannt. Auf alle Fälle scheint Europa noch nicht verloren.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel