Nach der Beinahekatastrophe von Leipzig: Russlands Krieg gegen den Rückraum der Ukraine in EuropaWährend ukrainische Drohnen schwere Schäden an Russlands Energieversorgung und Militärlogistik anrichten, erhöht das Regime in Moskau offenbar den hybriden Druck auf die Unterstützer im Westen. Vorfälle wie in Leipzig könnten Teil einer neuen Offensive sein.10.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin deutscher Polizist trägt auf dem Flughafen in Leipzig einen Schutzanzug, der bei der Entschärfung von Munition und Sprengstoff eingesetzt wird. Im Hintergrund ist ein Roboter zu sehen, der von den Sicherheitsbehörden ebenfalls zur Identifizierung und Bekämpfung von Sprengsätzen eingesetzt wird.Jens Schlueter / GettyAuf den Bildern der Beinahekatastrophe wirkt es, als lauere auf dem Beton des Leipziger Flughafens ein bedrohliches Krabbeltier, das auf einen günstigen Moment für den Angriff wartet. Das Ziel, so scheint es, sind zwei Monstren ganz in der Nähe, zwei Antonow An-124, eines der grössten Transportflugzeuge der Welt. Diese Maschinen sind unentbehrlich für die Nato und die Versorgung der ukrainischen Verteidiger mit Waffen und Munition.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bald war klar, dass es sich um eine mit Sprengstoff ausgerüstete Drohne handelte. Geräte wie diese befinden sich seit Jahren millionenfach in der Ukraine im Einsatz. Die deutsche Regierung sprach von einem «hybriden Anschlagsszenario», ohne aber die Urheberschaft zu benennen. Sicherheitsfachleute vermuteten einen russischen Hintergrund.Wie es sein kann, dass eine sprengstoffbeladene Drohne auf dem strategisch wichtigen Flughafen in Leipzig in unmittelbare Nähe ukrainischer Transportflugzeuge kommen kann, ist die eine Frage. Die andere, noch wichtigere lautet jedoch, weshalb sie ausgerechnet dort lag.Die wahrscheinliche Antwort führt nicht zuerst nach Moskau, sondern zunächst zu einer weiteren Frage: Warum häufen sich gerade jetzt wieder die Warnungen vor russischen Angriffen in Europa?Vorboten einer Zuspitzung der globalen Sicherheitslage?Der Vorfall von Leipzig trifft mit einer Serie geopolitischer Entwicklungen und anderer sicherheitsrelevanter Ereignisse zusammen. Sie haben massgeblich mit den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten zu tun. Sind sie die Vorboten einer Zuspitzung der globalen Sicherheitslage in diesem Herbst?Die Ereignisse der vergangenen Zeit lassen sich gut kategorisieren. Da gibt es Angriffe auf die europäische Ukraine-Hilfe. Hierzu passt der Drohnenfall von Leipzig, aber auch die Bedrohung von Rüstungsfirmen. So wurde kürzlich in Thüringen ein Mann festgenommen, der ein bayrisches Rüstungsunternehmen ausspioniert haben soll.Dann gibt es Nachrichten aus dem Baltikum, wonach der litauische Grenzschutz in den vergangenen Wochen mehrfach Tunnel nach Weissrussland unter dem Grenzzaun gefunden hat. Nach Angaben der Behörden sollen sie dazu dienen, Migranten unbemerkt in die EU zu schleusen. Vilnius wirft dem Regime in Minsk seit Jahren vor, Migration gezielt als Mittel hybrider Kriegsführung einzusetzen.Schliesslich berichten Airlines und Reeder schon lange von GPS- und Funk-Störungen im Ostseeraum. Nachrichtendienste der baltischen Staaten sollen jüngst vor ukrainischen Langstreckendrohnen in ihrem Luftraum gewarnt haben, die von Russland manipuliert und gegen Ziele im Baltikum gerichtet werden. Erst im Frühjahr mussten die Einwohner der litauischen Hauptstadt Vilnius in Luftschutzbunker flüchten, weil sich eine unbekannte Drohne im Anflug auf die Stadt befand.Angst, Verunsicherung, MisstrauenAuffällig ist, dass es sich bei diesen Vorfällen um Operationen handelt, deren unmittelbarer materieller Schaden bisher gering blieb. Sie zeigen aber, dass der Staat offenkundig keinen vollumfänglichen Schutz für seine Bürger und die Infrastruktur bieten kann.Ihre eigentliche Wirkung entfalten diese Angriffe in den Köpfen der Menschen. Sie säen Angst, Verunsicherung, Misstrauen. Nicht jeder dieser Vorgänge muss von Russland gesteuert werden. In ihrer Häufung und Zielauswahl aber werfen sie die Frage auf, ob das Regime in Moskau den Druck auf Europa in einer entscheidenden Phase des Krieges in der Ukraine gerade systematisch erhöht. Vieles spricht dafür.Um zu verstehen, warum das so ist, muss man den Blick von Leipzig, Vilnius und den anderen europäischen Orten mutmasslich hybrider Attacken auf das russische Hinterland richten – und auf einen im Krieg ganz wesentlichen Faktor: die Zeit.Der Krieg schlägt nach Russland zurückDie Ukraine verfügt inzwischen über weitreichende Drohnensysteme und Marschflugkörper, mit denen sie russische Ziele weit hinter der Front angreift. Die Attacken auf Raffinerien, Öl- und Treibstofflager, Gas- und Energieanlagen, auf Rüstungsbetriebe und Militärstützpunkte, nicht zuletzt auch auf den russischen Onlinehändler und Logistikkonzern Wildberries demonstrieren dem Regime im Kreml, dass die Ukraine den Krieg in das Land des Angreifers tragen kann.Für viele Menschen in Russland ist der Krieg im Nachbarland dadurch kein entferntes Geschehen mehr. Nicht zuletzt durch westliche, vor allem amerikanische Aufklärungsinformationen, KI-gestützte Zielplanung und technologische Unterstützung hat der ukrainische Drohnenkrieg eine neue Qualität erreicht.Die Folge sind Benzinmangel in Russland, Versorgungsengpässe auf der Krim und die Notwendigkeit, Grossstädte und wichtige Rüstungsanlagen besser vor Luftangriffen zu schützen. Das Regime in Moskau gerät immer stärker unter Druck.Der Winter kommt: ein Krieg gegen die ZeitDabei führt die Ukraine auch einen Krieg gegen die Zeit. Sie weiss, dass Russland im Winter wieder ihre bereits schwer beschädigte Energieinfrastruktur und vermutlich auch die Wärme- und Wasserversorgung angreifen wird. Die wiederkehrenden Bitten von Präsident Wolodimir Selenski um Patriot-Systeme und Lenkflugkörper in den vergangenen Wochen sind Ausdruck wachsender Not.Der Krieg in der Ukraine befindet sich in einer Lage, die nicht mehr dem Abnutzungskrieg der letzten Jahre gleicht. Vielmehr scheinen beide Seiten zu versuchen, vor dem nächsten Winter Tatsachen zu schaffen. Beide glauben, dass sie jetzt den Druck erhöhen müssen: die Ukrainer, weil sie ihre Verhandlungsposition vor dem Winter verbessern wollen, die Russen, weil die ukrainischen Drohnenangriffe allmählich weh tun.Russland kann den Drohnenkrieg nicht mehr einfach ignorieren. Doch ebenso wenig kann es ihn kurzfristig militärisch beenden. Deshalb richtet sich der Blick des Kremls zunehmend auf das eigentliche Zentrum der Kraftentfaltung der ukrainischen Kriegsführung. Es befindet sich nicht an der Front, nicht im Inland, sondern weit dahinter.Der Westen ist das «center of gravity»Militärs sprechen vom «center of gravity». Das ist jene Quelle der Stärke, ohne die ein Land den Krieg nicht fortführen kann. Für die Ukraine liegt dieses Zentrum vor allem im Westen: bei Geld, Waffen, Munition, Aufklärungsdaten, Logistik und politischer Unterstützung.Hier könnte die Verbindung zwischen den ukrainischen Angriffen auf Russland und den jüngsten Vorfällen in Europa liegen. Je stärker die Ukraine Russlands Hinterland trifft, desto grösser wird für Moskau der Anreiz, das europäische Hinterland der Ukraine unter Druck zu setzen.Russland kämpft nicht alleinMoskau kann das aber nur, weil es längst nicht mehr allein kämpft. Während Nordkorea Russland mit Munition, Raketen und Soldaten versorgt, verschafft China der russischen Wirtschaft strategische Tiefe und dem Regime wichtige Einnahmen. Gleichzeitig bindet der Krieg gegen Iran amerikanische Aufmerksamkeit und Ressourcen. Die Konflikte beginnen sich gegenseitig zu verstärken.Wer für das Kreml-Regime neben der Ukraine der Gegner ist, machte vor einigen Wochen der russische Regierungssprecher Dmitri Peskow deutlich. Was als «militärische Spezialoperation» begonnen habe, erklärte er, gehe nun «als Krieg weiter, weil Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und leider auch Washington hinter Kiew» stünden.Vor diesem Hintergrund könnte Russland den Druck auf Europa nun gezielt erhöhen. Waffen- und Munitionslieferungen, Reparaturketten, Flug- und Bahntransporte, Rüstungsproduktion und Datenverbindungen für die Ukraine verlaufen vor allem in und durch Deutschland. Die Bundesrepublik und weitere europäische Länder sind das logistische Hinterland der Ukraine bei der Verteidigung gegen Russland.Die ukrainische Front greift weit über das Schlachtfeld hinausDer Flughafen von Leipzig mit seiner Antonow-Flotte wird dadurch zum idealtypischen Fall: ein ziviler Flughafen, der zugleich eine strategische Funktion besitzt. Der Zwischenfall mit der Drohne fällt in eine Zeit, in der vor allem in Teilen Ostdeutschlands die Unterstützung der Ukraine politisch schwindet. Davon profitieren extreme Parteien wie die AfD.Bis anhin ist unklar, wer hinter dem Vorfall in Leipzig steckt. Doch deutsche Politiker vermuten Russland als Drahtzieher und sprechen bereits von Staatsterrorismus. Dabei sind Angriffe mit hybriden Mitteln auf die Infrastruktur Deutschlands und anderer europäischer Staaten nichts Neues. Sie geschehen seit Jahren. Oft wird Russland dahinter vermutet.Neu ist möglicherweise etwas anderes. Der Krieg in der Ukraine entwickelt sich zunehmend zu einem Konflikt, dessen Fronten weit über das eigentliche Schlachtfeld hinausreichen. Europa ist damit nicht mehr nur Unterstützer der Ukraine. Es ist selbst Teil des strategischen Kraftfeldes geworden.Das wäre die eigentliche Veränderung der vergangenen Monate: Operationen mit hybriden Mitteln werden in einer entscheidenden Phase des Kriegs zu einem zentralen Instrument strategischer Kriegsführung Russlands. Der Vorfall von Leipzig wäre dann ein frühes Zeichen dafür, dass Russland den hybriden Druck auf Europa erhöht und eine neue Offensive in Europa begonnen hat.Passend zum Artikel
Nach Leipzig: hybride Attacken und die globale Zuspitzung des Ukraine-Kriegs
Während ukrainische Drohnen schwere Schäden an Russlands Energieversorgung und Militärlogistik anrichten, erhöht das Regime in Moskau offenbar den hybriden Druck auf die Unterstützer im Westen. Vorfälle wie in Leipzig könnten Teil einer neuen Offensive sein.













