Hinter der HeadlineDer Chef der US-Notenbank schlägt beim Wirtschaftssymposium in Jackson Hole strengere Töne an als erwartet. Sein Hauptfokus richtet sich weiterhin auf die Inflation. Die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik steht auf dem Prüfstand.Das Fed steckt in einer ungemütlichen Situation. Die US-Wirtschaft sendet vermehrt Schwächesignale, die Inflation bleibt hoch, und der Bondmarkt ist einer prekären Verfassung. Kevin Warsh wollte bei seinem ersten Auftritt als Chef der US-Notenbank in Jackson Hole deshalb wohl keine grösseren Reaktionen hervorrufen. Dennoch lieferte er am hochdotierten Wirtschaftssymposium im US-Bundesstaat Wyoming eine klare Botschaft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dazu zählt vor allem seine Warnung, dass der Teuerungsdruck in den USA weiterhin zu gross sei. «Das Preisstabilitätsziel des Fed von 2%, gemessen am Preisindex der Konsumentenausgaben, ist ein festes, unveränderliches Ziel», sagte Warsh. «Preisstabilität stellt sich nicht von selbst ein, und die Inflation kehrt auch nicht zwangsläufig zum Mittelwert zurück.» Es sei deshalb die Aufgabe der Notenbank für stabile Preise zu sorgen.Der spezifische Verweis auf den Preisindex der Konsumentenausgaben (Personal Consumption Expenditures, PCE) ist eine bedeutsame Nuance. Die Kernrate, die Preise für Energie und Lebensmittel ausklammert, ist für das Fed seit langem der präferierte Indikator zur Teuerung. Beim letzten Zinsentscheid von Ende Juli hatte Warsh jedoch wiederholt, dass die US-Notenbank im Zug einer umfassenden Neuausrichtung auch die Aussagekraft traditioneller Konjunkturdaten überprüfen werde.An den Märkten wurde das als möglicher Hinweis gedeutet, dass die US-Notenbank ihr Ziel lockern und künftig eine höhere Inflationsrate tolerieren könnte. Mit seiner Ansage in Jackson Hole wollte Warsh solchen Spekulationen vermutlich entgegenwirken. Derzeit seien «die Zahlen zur Teuerung besorgniserregender» als die jüngsten Entwicklungen am Arbeitsmarkt, meinte er. «Der Hauptfokus des Fed sollte derzeit auf den Preisen liegen.»Chancen auf Zinserhöhung steigenDie Erwartungen zur Geldpolitik haben sich dadurch verändert. Eine Zinserhöhung an der kommenden Fed-Sitzung vom 15. und 16. September ist zurück im Spiel. Futures-Kontrakte auf die Fed Funds Target Rate indizieren neu eine Wahrscheinlichkeit von 60%, dass es in gut zweieinhalb Wochen zu einer Straffung von 25 Basispunkten auf 3,75 bis 4% kommt.Bevor Warsh am Fuss der Rocky Mountains ans Rednerpult trat, wurden die Chancen dafür auf bloss 35% geschätzt. Entsprechend werden nun auch die Erwartungen für den weiteren Zinspfad höher angesetzt.Erwartungen zur Entwicklung des US-Leitzinses: Mittelpunkt des derzeitigen Zielbands (blaue Kurve), Erwartung zum weiteren Verlauf vor der Rede von Kevin Warsh (dunkelblau) und danach (gelb).Quelle: Pantheon MacroeconomicsUmso wichtiger wird, wie die Konjunkturdaten in den kommenden Wochen ausfallen. Anzeichen einer Abkühlung der Wirtschaft haben sich zuletzt gehäuft. Gemäss der jüngsten Lesung von gestern Freitag ist der vielbeachtete Einkaufsmanagerindex zum Grossraum Chicago im Juli überraschend auf 47,1 gefallen, was eine Kontraktion signalisiert.Zahlen zum Arbeitsmarkt, zum Bruttoinlandprodukt sowie zum Detailhandel haben in den vergangenen Wochen ebenfalls enttäuscht. Der Citi Economic Surprise Index, der die positiven bzw. negativen Überraschungen in den publizierten Konjunkturdaten misst, ist auf den niedrigsten Stand seit Ende April gesunken.Politisch heikles Umfeld im HerbstDas gefährlichste Szenario für das Fed wäre, wenn sich die Wirtschaft signifikant abschwächt, die Teuerung aber erhöht bleibt oder sogar erneut anzieht. Dies, im Zusammenhang mit hohen Energiepreisen, neuen Zöllen und Engpässen in den Tech-Lieferketten wegen des Booms im Bereich künstlicher Intelligenz.Warsh verwies in Jackson Hole auf besser als erwartete Inflationsdaten im Verlauf des Sommers. «Sie deuten für mich jedoch nicht darauf hin, dass sich die fundamentalen Trends substanziell verbessert haben», räumte er ein.Erschwerend hinzu kommt die interventionistische Politik des US-Finanzministeriums. Warsh hat gesagt, dass die Notenbank zur Ausrichtung der Geldpolitik vermehrt auf Marktsignale wie die Renditen am Bondmarkt achten will. Angesichts des bedrohlichen Auftriebs bei den langfristigen Zinsen sieht sich Finanzminister Scott Bessent jedoch zu Interventionen veranlasst, was genau solche Signale verzerrt.Generell sieht sich der Fed-Chef mit einer komplizierten Beziehung zur US-Regierung konfrontiert. Was öffentliche Kommentare zur Geldpolitik betrifft, verhält sich Präsident Donald Trump seit dem Antritt von Warsh gegen Ende Mai ungewöhnlich ruhig. Bei einer Zinserhöhung vor den Zwischenwahlen Anfang November wäre scharfe Kritik aus dem Weissen Haus aber so gut wie sicher.Die Märkte fordern das Fed herausDie Finanzmärkte nehmen die Nachrichten aus Jackson Hole aufmerksam, aber dennoch relativ gelassen zur Kenntnis. An den Börsen in New York schloss der Leitindex S&P 500 am Freitagabend 0,2% leichter. Der Nasdaq 100 mit den grössten Technologiewerten ging 0,7% schwächer aus dem Handel.Am Bondmarkt stieg die Rendite zehnjähriger Treasury Notes um 5 Basispunkte auf 4,73%, bei dreissigjährigen Treasury Bonds legte sie 2 Basispunkte auf 5,22% zu. Bewegung gab es vor allem am kürzeren Ende der Zinskurve. Die Rendite zweijähriger Treasury Notes – ein Indikator für die Markterwartungen zur Geldpolitik – sprang 12 Basispunkte auf 4,36% nach oben. Sie notiert nun über dem Hoch vom 23. Juli und bewegt sich weiterhin deutlich über der Fed Funds Target Rate.Parallel dazu tendierte der Dollar fester. Der DXY Dollar Index avancierte 0,5%, wobei sich die US-Währung vor allem gegenüber dem Yen aufwertete. Ein wesentlicher Teil der Intervention zur Stärkung des Yen, die von Japans Zentralbank und dem US-Finanzministerium Ende Juli gemeinsam durchgeführt wurde, ist bereits verpufft. Im Edelmetallhandel standen Gold und Silber unter Druck.Warsh hat in seiner Rede schärfere Töne angeschlagen als erwartet. Dass er es mit dem Inflationsziel von 2% wirklich ernst meint, muss er den Märkten jedoch erst beweisen. Bis zum nächsten Zinsentscheid von Mitte September steht jeweils ein weiterer Bericht zum Arbeitsmarkt und zur Entwicklung der Teuerung an. Bis zum ersten grossen Test für den neuen Fed-Chef könnte es nicht mehr lange dauern.