Der Chef der Federal Reserve, Kevin Warsh, hat in seiner ersten großen Rede auf dem geldpolitischen Symposium in Jackson Hole überraschend eine straffere Geldpolitik in Aussicht gestellt. Die von der Fed bevorzugte Inflationsrate, gemessen am Preisindex für die privaten Konsumausgaben (PCE), beträgt über zwölf Monate 3,7 Prozent und über sechs Monate 4,1 Prozent, hob Warsh hervor. Alle Inflationsmaßstäbe erzählten dieselbe Geschichte: „Die Inflation liegt über unserem Ziel von zwei Prozent. Deshalb sollte der Schwerpunkt der Fed derzeit auf den Preisen liegen.“Während der Rede des mächtigsten Geldpolitikers der Welt schwankten die Aktienkurse, die Renditen amerikanischer Staatsanleihen stiegen. Anleger werteten seine Aussagen als Signal für mögliche Zinserhöhungen. Händler hatten darauf gehofft, dass der wortkarge Warsh die Wirtschaftslage einordnet und deutlich macht, dass die Fed bei Bedarf zu Zinserhöhungen bereit ist.Warsh zeigte sich besorgt darüber, dass sich von den 199 Einzelkomponenten des maßgeblichen Warenkorbs in den vergangenen zwölf Monaten 54 Prozent um mehr als drei Prozent verteuert haben. Das liege zwar deutlich unter dem Höchststand nach der Pandemie von rund 77 Prozent – aber noch weit über dem Durchschnitt der zwei Jahrzehnte davor. In den vergangenen sechs Monaten habe sich das Bild nicht nennenswert verbessert, so der Fed-Chef.Warsh hob hervor, dass sich die mittelfristigen Inflationserwartungen grundsätzlich als stabil erwiesen hätten. Das spreche für das Vertrauen der Märkte darauf, dass die Federal Reserve Preisstabilität herstellen werde. „Dieses Vertrauen ist gerechtfertigt“, sagte der Notenbanker.„Wir tragen die Verantwortung für anhaltend hohe Inflation“Die Geschichte lehre allerdings, dass marktbasierte Inflationserwartungen oft so lange stabil wirkten, bis sie es plötzlich nicht mehr seien. Noch seien sie gut verankert. Doch die Fed müsse mit aller Macht verhindern, dass sie sich lösten.Warsh machte klar: „Die Verantwortung für 65 Monate andauernd hoher Inflation liegt bei der Zentralbank. Und dort gehört sie auch hin.“ Es könne kein Missverständnis geben, sagte Warsh: „Das Inflationsziel der Fed von zwei Prozent, gemessen am Preisindex für die privaten Konsumausgaben (PCE), ist fest und unverrückbar.“Den Fokus auf Preisstabilität sieht er durch seine Einschätzung bestätigt, dass der amerikanische Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent der Vollbeschäftigung nahe ist und deshalb keiner geldpolitischen Stützung bedarf. Zudem hält Warsh die Finanzierungsbedingungen für nicht restriktiv.Das starke Bekenntnis zur Preisstabilität war von Beobachtern nicht erwartet worden. Warsh hat zwar eine Vergangenheit als geldpolitischer Falke. In jüngster Zeit stellte er indes eher eine lockerere Geldpolitik in Aussicht, die durch gewaltige Produktivitätsfortschritte dank Künstlicher Intelligenz ermöglicht werde.KI hat noch keinen Einfluss auf die GeldpolitikEinen entsprechenden Schluss zog Warsh in Jackson Hole nicht mehr. Nach seiner Einschätzung steht die amerikanische Wirtschaft wegen KI an einem historischen Wendepunkt mit Folgen für die Geldpolitik. Die Fortschritte der KI überträfen selbst die Erwartungen ihrer größten Verfechter. Das Potential für deutlich höheres Wirtschaftswachstum nehme zu, während sich die Innovation rasant beschleunige.Eine der entscheidenden Fragen lautet laut Warsh: „Steigert KI die Produktivität dauerhaft und deutlich?“ Der Notenbanker beantwortete sie diesmal nicht, sondern verwies auf eine Notenbank-Arbeitsgruppe zu Produktivität und Beschäftigung, die diese Frage untersuchen soll.Warsh wiederholte seinen Abschied vom geldpolitischen Instrument der sogenannten „Forward Guidance“. Er halte frühzeitige Hinweise auf künftige Zinsentscheidungen in normalen Zeiten für problematisch. Transparenz sei kein Selbstzweck, sondern müsse guter Geldpolitik dienen. Wer sich zu früh festlege, könne Märkte fehlleiten und die eigene Handlungsfreiheit beschneiden.Warsh fordert, dass die Anleger ihre Erwartungen selbst bilden, statt auf den nächsten Wink der Notenbank zu warten. Sonst entstehe ein Spiegelkabinett: Die Märkte orientierten sich an der Fed, die Fed an den Märkten. Auch eine starre Reaktionsfunktion wie die Taylor-Regel, benannt nach dem Ökonomen John Taylor, lehnt er ab. Dafür sei die Wirtschaft zu komplex und zu sehr im Wandel.Eine interessante Nuance seiner Rede zeigte Warsh mit der Betonung der Geldmenge: Auch wenn diese Sicht aus der Mode gekommen sei, bleibe Geld für die Geldpolitik zentral. Finanzinnovationen veränderten zwar die Beziehungen zwischen Geldbasis, Umlaufgeschwindigkeit und Wirtschaft. Das sei aber kein Grund, die Wirkung des Geldes auf Finanzierungsbedingungen und Preise zu ignorieren.