Der Fed-Chef Kevin Warsh gibt einmal mehr den Kämpfer gegen die Inflation, doch Zweifel an seiner Entschlossenheit bleibenIn den USA hat sich die Inflation jüngst verlangsamt. In einer mit Spannung erwarteten Grundsatzrede sagte Warsh jedoch, die Teuerung sei immer noch zu hoch. Die Märkte werteten das als Kampfansage.28.08.2026, 19.43 Uhr4 LeseminutenKevin Warsh, der neue Chef der US-Notenbank: «Die Verantwortung für 65 Monate anhaltend hoher Inflation liegt eindeutig bei der Zentralbank.»Annabelle Gordon / ImagoDas Tal Jackson Hole im US-Gliedstaat Wyoming bildete schon oft die Szenerie für wichtige geldpolitische Ankündigungen. Einmal im Jahr findet dort vor der Kulisse der Rocky Mountains das wichtigste Treffen von Notenbankern und führenden Ökonomen weltweit statt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ben Bernanke, der damalige Präsident der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), kündigte dort 2010 weitere Wertpapierkäufe an, und Jerome Powell stellte dort 2020 die neue geldpolitische Strategie (Average Inflation Targeting) vor. Im vergangenen Jahr nutzte Powell dann die Gelegenheit, um eine weitere Zinsreduktion vorzuspuren. Dieses Jahr war Jackson Hole die Bühne für die erste Grundsatzrede des seit drei Monaten amtierenden Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh.Alle Inflationsindikatoren sind zu hochEr nutzte die Gelegenheit für einige wichtige Botschaften – an seine Kollegen, an die Finanzmarktteilnehmer und an die Medien. Warsh machte einmal mehr deutlich klar, dass der Fokus des Fed derzeit auf der Preisstabilität liegen müsse, nicht auf der Wirtschaftsentwicklung. «Ein Signal ist unübersehbar», sagte Warsh. «Die Verantwortung für 65 Monate anhaltend hoher Inflation liegt eindeutig bei der Zentralbank.» Seit der Corona-Pandemie ist die Teuerung in den USA nicht mehr zum Zielwert von mittelfristig 2 Prozent zurückgekehrt.Die US-Notenbank schaut auf mehrere Inflationsindikatoren. Keiner davon sei perfekt, aber sie alle zeichneten ein ähnliches Bild, meinte Warsh: Die Inflation liege über dem Zielwert von 2 Prozent. Das von der Fed bevorzugte Inflationsmass ist die Veränderung des Preisindexes für persönliche Konsumausgaben (PCE). Dieser notiert im Vorjahresvergleich derzeit bei 3,7 Prozent. Zudem liegen vergleichbare Indikatoren ebenfalls zu hoch. Der Fokus des Fed sollte daher vorrangig auf den Preisen liegen, sagte Warsh weiter.Bereits in seinen ersten beiden Pressekonferenzen hatte sich Warsh verbal als harter Kämpfer gegen die Inflation präsentiert. Die Notenbank werde künftig «keine Toleranz» gegenüber einer zu hohen Teuerung haben, sagte der 56-Jährige. Allerdings scheute sich Warsh bis jetzt vor einem «walk the talk», wie die Amerikaner flapsig sagen. Er hat seinen klaren Worten also noch keine Taten folgen lassen. In der vergangenen Sitzung hatte er entsprechend vor einer Zinserhöhung zurückgeschreckt, obwohl bereits drei Mitglieder des zwölfköpfigen Offenmarktausschusses für einen solchen Schritt votiert hatten.Finanzexperten werteten Warshs Aussagen dennoch als Kampfansage gegen eine zu hohe Teuerung. Die niederländische Bank ING stufte den Tenor der Rede als restriktiv ein. An den Derivatenmärkten gehen die Händler nun laut der Nachrichtenagentur Bloomberg mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit von einer Zinserhöhung bei der nächsten Lagebeurteilung des Fed am 16. September aus. In Erwartung einer Straffung der Geldpolitik kletterte die Rendite von zweijährigen US-Staatsanleihen um deutliche 0,09 Prozentpunkte auf 4,32 Prozent.Damit ist nach Ansicht von Frederik Ducrozet, Leiter der Abteilung Strategie und Makroanalyse bei der Vermögensverwaltung der Bank Pictet, die Messlatte für einen Zinsschritt überraschend gesunken. «Das Signal von Warsh lautet: Bereits ein wenig höher als erwartete Teuerungsdaten reichen aus, um den Ausschlag für eine Zinserhöhung zu geben», sagte Ducrozet auf Anfrage der NZZ. Die bisherige Zurückhaltung von Warsh ist insofern verständlich, als er möglicherweise vor den Zwischenwahlen in den USA im November nicht an der Zinsschraube drehen will. Traditionell hält sich die Notenbank in politisch heiklen Phasen mit Zinsschritten zurück. Zudem hat er nach seinem Amtsantritt fünf Arbeitsgruppen zu den Themen Kommunikation, Bilanz, Daten, Produktivität und Arbeitsplätze sowie Inflationsrahmen eingesetzt. Das verschafft ihm Zeit, um auf die Ergebnisse der Arbeitsgruppen zu warten.Wie auch immer: So mancher Ökonom stellt sich die Frage, ob Warsh eine Rhetorik ohne Fundament betreibt. Das gilt umso mehr, als er sich für den künftigen geldpolitischen Kurs nicht mehr in die Karten schauen lassen, sondern sich von der sogenannten Forward Guidance verabschieden will. Diese sei ein Erbe aus Zeiten der grossen Finanzkrise 2008–2009. Transparenz in der Kommunikation über künftige Entscheidungen sei kein Selbstzweck. Die Kommunikation müsse dazu dienen, die richtige Geldpolitik zu gestalten. In normalen Zeiten sollte die Rolle der Forward Guidance daher begrenzt und klar definiert sein.Warsh fürchtet ein «Spiegelkabinett»-ProblemWarsh stellte erneut klar, die Fed benötige klare Signale, so ungefiltert wie möglich, aus den Märkten, aus dem Niveau und den Veränderungen der Vermögenspreise, den Preisen und Handelsvolumina von Staatsanleihen, dem Wechselkurs des Dollars und aus vielem mehr. Übermässige Hinweise auf die Entwicklung der Zinssätze würden die Flexibilität des Fed einschränken und ein «Spiegelkabinett»-Problem schaffen, bei dem sich Märkte und Notenbank gegenseitig beeinflussten.Zum Fokus auf die Inflation passt der ordentliche Zustand der amerikanischen Wirtschaft. Der Arbeitsmarkt ist stabil, und die Produktion solide. «Ich bin beeindruckt von der Gesamtleistung der Wirtschaft», sagte Warsh. Ein Indikator für Stärke sei es, wie gut eine Volkswirtschaft Schocks standhalte. In dieser Hinsicht hätten sich die Realwirtschaft und die Finanzmärkte bemerkenswert robust gezeigt.In den USA boomen die Unternehmensinvestitionen, die weitgehend durch das Aufkommen von künstlicher Intelligenz und den Bau von Rechenzentren getrieben sind. Warsh sieht durch die KI einen «Wendepunkt in der Geschichte». Die Fortschritte in diesem Bereich hätten die Prognosen längst übertroffen. Er betrachtet KI als potenziellen neuen Produktionsfaktor, was Fragen hinsichtlich der Produktivität, der Komplementarität der Arbeitskräfte, der Marktstruktur, der Kapitalrenditen und der Geldpolitik aufwerfe.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel