Kevin Warsh hat mit seiner zweiten Pressekonferenz als Chef der Federal Reserve einen Kurssturz bei Aktien und einen kräftigen Satz der Renditen langlaufender Anleihen nach oben ausgelöst. Der Dollar gab nach. In den Reaktionen spiegelt sich die Sorge, dass mangelnde Entschlossenheit bei der Inflationsbekämpfung später große Leitzinserhöhungen erzwingen könnte.Der S&P 500, der unmittelbar nach der Veröffentlichung des Zinsentscheids der Fed, aber noch vor Warshs Pressekonferenz leicht ins Plus gedreht hatte, beendete den Handelstag mit einem Minus von 1,5 Prozent. Der Dow Jones Industrial Average brach um 2,2 Prozent ein. Der Nasdaq Composite gab 1,7 Prozent nach.Die Reaktion auf den Anleihemärkten war ähnlich stark. Warshs über den Äther kommende Worte wurden begleitet durch nach oben schießende Renditen für amerikanische Staatsanleihen. Die Rendite der 30-jährigen Anleihe verzeichnete den stärksten Tagesanstieg seit mehr als einem Jahr und kletterte auf 5,22 Prozent und damit so hoch wie seit 2007 nicht mehr. Auch die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ging nach oben.Drei Notenbanker folgen Warsh nichtDer für die Geldpolitik zuständige Offenmarkt-Ausschuss der Fed hatte mit neun zu drei Stimmen entschieden, die Leitzinsen im Zielkorridor zwischen 3,5 und 3,75 Prozent zu belassen, wo sie seit Dezember 2025 liegen. Drei Gegenstimmen gab es zuletzt häufiger: Im Dezember 2025 stimmten ebenfalls drei Mitglieder anders als die Mehrheit. Damals waren sie jedoch gespalten – einer wollte stärker senken, zwei wollten gar nicht senken.Das Bemerkenswerte diesmal ist allerdings: Zuletzt hatten sich im September 2016 drei Offenmarkt-Ausschuss-Mitglieder geschlossen für eine straffere Geldpolitik ausgesprochen. Es ist also der stärkste einheitliche Widerstand gegen die Zinsentscheidung seit fast zehn Jahren. Eine Palastrevolte war das gleichwohl noch nicht: Die Abweichler waren Gouverneure regionaler Notenbanken, während die Mitglieder des Gouverneursrats der Fed mit Warsh stimmten. „Dessen Mitglieder halten sich mit offenem Widerspruch gewöhnlich so lange zurück, bis sie ihn für unumgänglich halten“, sagt Diane Swonk, Chefökonomin von KPMG. Angesichts der hartnäckigen Inflation könnten jene Gouverneure, die zu einer Zinserhöhung neigen, im September die Bereitschaft verlieren, noch einmal stillzuhalten, spekuliert sie. Warsh dagegen lobte die Qualität der „familieninternen“ Debatten. Er habe nun den konstruktiven „Familienstreit“, den er sich gewünscht habe. Die Mehrheit der Marktbeobachter hatte ein Festhalten erwartet, zugleich aber mit Hinweisen auf eine Straffung der Geldpolitik noch in diesem Jahr gerechnet.Die Rhetorik des Fed-Chefs Kevin Warsh klang durchaus entschlossen. Er warnte vor dem Eindruck, die Notenbank habe sich insgeheim auf ein Inflationsziel verständigt, das oberhalb der kommunizierten Zweiprozentmarke liegt. „Lassen Sie mich herausstellen: Es gibt kein weiches Inflationsziel“, sagte Warsh in der Fed-Pressekonferenz. Die Fed werde Preisstabilität liefern, und diese sei als Zweiprozentinflation definiert.Beobachter rätseln, wie und wann Warsh die Inflation bändigen willNur, er gab wenig Hinweise, wie und wann er liefert. Auf der Pressekonferenz nach der Sitzung deutete Warsh vielmehr an, dass eine baldige Zinserhöhung möglicherweise nicht nötig sei, weil die Anleiherenditen auch ohne das Zutun der Fed in den vergangenen Wochen gestiegen seien und damit bereits die Finanzierungskosten in der gesamten Wirtschaft erhöht hätten. Der Renditeanstieg „hat uns etwas beruhigt“, sagte Warsh. Er deutete auch an, dass Leitzinsen womöglich gar nicht das richtige Instrument seien, um die Inflation zu bändigen.Warsh stellte die „eindrucksvolle Robustheit“ der amerikanischen Wirtschaft heraus. Sie halte jüngsten Schocks stand. Die Arbeitslosigkeit habe sich kaum verändert, die Konsumausgaben blieben stabil. Besonders auffällig sei das Wachstum der Investitionen, speziell Investitionen in Projekte, die mit der Expansion von Künstlicher Intelligenz (KI) im Zusammenhang stehen.Die Fed hat sich laut Warsh ausführlich mit der Frage beschäftigt, ob diese Investitionen die Inflation befeuern, nachdem die Preise für Speicherchips und KI-Infrastruktur gestiegen sind. Warsh hatte vor seiner Nominierung zum Fed-Chef für die These geworben, die KI-Revolution dämpfe dank gewaltiger Produktivitätszuwächse den Preisdruck und rechtfertige damit niedrigere Leitzinsen. Inzwischen hat er eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die genau diese Frage studiert.Neue Daten vom Donnerstag zeigen: Die Kerninflation liegt mit 3,3 Prozent weiter deutlich über dem von Warsh betonten Inflationsziel von zwei Prozent, wie schon seit mehr als fünf Jahren.
Kevin Warsh erschreckt Märkte: Dissens in der Fed wächst
Der neue Fed-Chef provoziert heftige Reaktionen. Er lässt im Unklaren, wie er die Inflation bekämpfen will. Der Dissens innerhalb der Fed wächst.










