Fifa-Krise: Die Europäer wollen Gianni Infantino stürzen, gehen aber nicht aufs GanzeDer angedrohte Boykott der Fifa-Wettbewerbe ist sistiert, dafür strengt die Uefa ein Strafverfahren gegen den Fifa-Präsidenten an. Die Europäer nehmen Gas weg, weil sie wissen, wie heftig in der Fifa-Welt die Haltung gegen Europa sein kann.28.08.2026, 15.13 Uhr5 LeseminutenUnter den Kontinentalverbände gibt es zwar Opposition gegen Gianni Infantino – aber wer stellt sich ihm wirklich entgegen?Imago/amy Elle/spp / ImagoDie Worte der Dachorganisation des europäischen Fussballs können nicht deutlicher sein. Die Kommunikationsabteilung der Uefa schreibt von «Machtmissbrauch», von «völlig fehlendem Urteilsvermögen», vom «Amtsmissbrauch des Präsidenten» und von einem Führungskonzept, «das mit den Pflichten des höchsten Amtes im Weltfussball unvereinbar ist». In der Zusammenfassung heisst das: Laut der Uefa ist der Fifa-Präsident Gianni Infantino spätestens am Fifa-Kongress am 18. März 2027 in Rabat nach elf Jahren Amtszeit abzuwählen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Uefa kündigt im Communiqué an, sich um eine «glaubwürdige Alternative» zu bemühen. Ähnlich äussern sich mit der Concacaf in Mittel- und Nordamerika sowie der AFC in Asien zwei andere Kontinentalverbände. Das ist darum bemerkenswert, weil mit den drei Dachverbänden 136 Stimmen zusammenkommen. Das wäre ein deutliches Mehr in der 211-köpfigen Fifa-Familie. Aber wie geschlossen wird die Opposition am Tag X sein? Das ist die Kardinalfrage.Nur 35 der 55 Uefa-Verbände waren in MonacoSeit vor ein paar Wochen Infantinos Pläne bekanntgeworden sind, Filetstücke der Fifa an Private zu veräussern, ist Feuer im Dach. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Infantino schnell zurückgerudert ist und das Projekt reumütig fallengelassen hat. Doch offen ist, wie gross das Feuer ist und wie stark es lodert. Das mit unerbittlichen Worten gewürzte Schreiben der Uefa wurde diese Woche am Rand der Europacup-Auslosung in Monaco verfasst. Es werde von «den in Monaco anwesenden Landesverbänden» getragen, schreibt die Uefa. Nur 35 der 55 Uefa-Mitglieder waren in Monaco zugegen.Die Opposition könnte niederschwellig einen ausserordentlichen Fifa-Kongress einberufen, um Infantino vorzeitig aus dem Amt zu hebeln. Aber noch immer gibt es keine Anzeichen, dass das umgesetzt wird. Zu gross scheint das Risiko der Niederlage zu sein. Denn sollte Infantino trotz starkem Gegenwind obsiegen, zumal ausserordentlich, wäre er danach stärker denn je.Dass die Uefa die unmittelbare Frontalkollision mit der Fifa scheut, belegt auch die Sistierung des vollmundig angedrohten Boykotts der Fifa-Wettbewerbe. Von einem Rückzug sieht die Uefa ab, «vorläufig», wie sie mitteilt. Davon betroffen gewesen wären die U-20-WM der Frauen im September in Polen, die U-17-WM der Frauen später in Marokko sowie die U-17-Endrunde der Männer im November. Letztgenannte findet neuerdings jedes Jahr statt, vorläufig immer in Katar. Die Fifa hat das Teilnehmerfeld des U-17-Turniers von 24 auf 48 und die Anzahl Spiele von 52 auf 104 verdoppelt. Sie hat das gemacht, was auch die Uefa beherrscht: alles vergrössern, aufblähen.Die Uefa peilt ein teures Strafverfahren anDie Europäer versuchen mit allen Mitteln, Infantino auch strafrechtlich anzugreifen. So kursiert ein 60-seitiges Schreiben mit dem Antrag an die Justiz, gegen Infantino vorzugehen. Angerufen wird die amerikanische Justiz zum Beispiel in Florida, wo seit 2024 die Rechtsabteilung der Fifa untergebracht ist. Letztlich müsste das Verfahren in der Schweiz aufgenommen werden. Dazu lässt sich festhalten, dass die Hürde für die Eröffnung eines Verfahrens in solchen Fällen ziemlich hoch ist.Die Stossrichtung: «ungetreue Geschäftsbesorgung». Ob das Hand und Fuss hat, wird sich weisen müssen. Infantino habe in klandestinem Vorgehen Teile der Fifa unter dem Marktpreis verkaufen wollen, behauptet die Uefa weiter. Bis jetzt steht einzig fest, dass ein paar Anwälte dank der Affäre gutes Geld verdienen. Einmal mehr. Und dass der Entscheid, ob da etwas in die Gänge kommt, nicht von heute auf morgen gefällt wird. Einstweilen werkelt die Uefa an ihrer Drohkulisse weiter.Sie versucht, auch Stimmen zu gewinnen, indem sie die Fifa-Reserven in Milliardenhöhe zur Diskussion stellt. Sie fordert tollkühn die «verantwortungsvolle Freigabe» eines «Teils» der Reserven und stellt Geldversprechen in den Raum. Aber wie würde die steinreiche Uefa selbst reagieren, wenn etwa der Schweizerische Fussballverband (SFV) verlangen würde, dass die Uefa gefälligst einen «Teil» ihrer Reserven von über einer halben Milliarde Euro verteile?Infantino umarmt in der Karibik die WeltDerweil zieht der Fifa-Präsident seine eigenen (Flug-)Kreise. Die Anfrage für ein Mediengespräch mit Gianni Infantino beantwortet die Fifa nicht einmal mehr. Da ist ein dunkles Loch. Der Walliser hat ein Nachwuchsturnier in der Dominikanischen Republik besucht und postet auf Instagram Bilder, auf denen viele Umarmungen und noch mehr Herzlichkeit zu sehen sind. Infantino schreibt vom «gemeinsamen Ziel», den Fussball «zu einer Quelle der Freude, der Hoffnung und der Inspiration für die Jungen zu machen».Der Karibik-Trip könnte sich für Infantino lohnen. Zur Erinnerung: In der Präsidentenwahl wiegen zum Beispiel die karibischen Stimmen von Aruba, Curaçao, Trinidad und Tobago, den Cayman-Inseln und von Puerto Rico gleich viel wie jene der fünf europäischen Fussball-Schwergewichte England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich.In der Uefa scheint in den letzten Wochen die Haltung gereift zu sein, dass Vorsicht geboten ist. Deshalb ist Stand heute davon auszugehen, dass sich kein Europäer Infantino 2027 gegenüberstellen wird. Zu heftig könnte in anderen Teilen der Fifa-Welt der Abwehrimpuls sein. Der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin ist zum Infantino-Gegenspieler schlechthin mutiert. Er tritt 2027 von der Uefa-Spitze zurück, verzichtet aber auf eine Fifa-Kandidatur.Der katarische Strippenzieher und heimliche Uefa-Dominator Nasser al-Khelaifi sagte Mitte August anlässlich des Super-Cups in Salzburg gegenüber RMC: «Ich bin glücklich, Präsident von Paris St-Germain zu sein, und ich bin glücklich, in dieser Position fortfahren zu können.» Das hört sich nach Fifa-Verzicht an. Noch bleibt Zeit fürs Taktieren. Bis Mitte November muss klar sein, wer anzutreten gewillt ist.Montagliani war 2017 gegen die bissige Fifa-EthikkommissionMüsste man im Moment einen Infantino-Konkurrenten aus dem Ärmel schütteln, wäre es der demnächst 61-jährige Victor Montagliani. Der Kanadier ist seit 2016 Concacaf-Präsident und als Fifa-Vizepräsident Mitglied des Fifa-Rats. Er hat sich gegen Infantino positioniert und ist frei von der Europa-Last. 2017 verteidigte Montagliani die Neubesetzung der Fifa-Ethikkommission gegenüber der BBC, ohne einen Zentimeter von Infantinos Haltung abzurücken. Damals hatte der Verband unter der Leitung von Infantino kurzerhand die ihm zu gefährlich gewordenen Juristen Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély abgesetzt.Das ist lange her. Zu fragen ist derzeit einzig, ob mit Montagliani der Fifa-Ethikkommission wieder Zähne eingesetzt würden. Auch potenzielle Revolutionsführer haben ihre Vergangenheit.Passend zum Artikel
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