Was will die UEFA?Seit Donnerstagabend ist klar, mit welcher Strategie die Europäer Gianni Infantino stürzen wollen. In der Schweiz sollen die Strafverfolgungsbehörden ein Ermittlungsverfahren gegen den Präsidenten des internationalen Fußballverbands FIFA wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung nach Artikel 158 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs eröffnen.Um Infantino anzuzeigen, begehrt die UEFA vor dem US-Bezirksgericht für den Bezirk Südflorida in Miami die Herausgabe von Dokumenten im Zusammenhang mit Infantinos inzwischen aufgegebenen Vorhaben, Anteile an Weltmeisterschaftsturnieren an Investoren zu veräußern und die kommerziellen Rechte in einer neuen FIFA-Tochtergesellschaft zu bündeln (FIFA Forward Enterprise, FFE).Das Begehr richtet sich auf Unterlagen des FIFA-Büros in Miami. Nach Darstellung der UEFA soll das FFE-Vorhaben anhand von Dokumenten nachzuvollziehen sein. Der Schriftsatz umfasst 55 Seiten. Eine Bitte der F.A.Z. um Stellungnahme ließ die FIFA bislang unbeantwortet.Was wirft sie Infantino vor?Die UEFA behauptet, Infantino habe seinen Plan „unter einem Schleier des Geheimen“ vorangetrieben und dabei zielgerichtet mit Investor Joshua Kushner, dem Bruder von Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, und Greg Maffei zusammengearbeitet. Maffei war bis Ende 2024 CEO von Liberty Media, der unter anderem die Formel-1-Gruppe gehört, und sei nun als Berater für Infantino aufgetreten. Die Planungen, die Infantino am 28. Juli 2026 öffentlich gemacht hatte, seien demnach weit mehr als ein Jahr lang vorangetrieben worden, ohne dass FIFA-Gremien, wie in den Statuten vorgesehen, eingebunden worden seien. Insbesondere die Hoheit des FIFA-Rats über die Bewerbung der Rechte an FIFA-Wettbewerben sei missachtet worden.Die UEFA stützt sich in ihrem Antrag auf die Medienberichterstattung in den vergangenen Wochen; mit der Herausgabe der Dokumente soll der Vorwurf belegt werden. Zentral ist dabei die Annahme, dass der Wert der Rechte bei der angestrebten Veräußerung von Anteilen an der Fußball-Weltmeisterschaft erheblich zu niedrig angesetzt worden sei.Gegner: Infantino und UEFA-Präsident Čeferin am 29. Juni 2024 in Berlindpa„Unter den Bedingungen, die Infantino verkündet hat“, heißt es in der den Schriftsatz einleitenden Bemerkung, „sollten diese Investoren permanente finanzielle Anteile an der finanziellen Tochter der FIFA für 4,2 Milliarden Dollar erwerben, was einen absurd niedrigen Unternehmenswert von etwa 20 Milliarden Dollar impliziert, eine Summe, die weder Gegenstand einer offenen, wettbewerblichen Auktion war noch durch irgendeinen unabhängigen Schätzer geprüft wurde.“Kushners Investmentfirma Thrive Eternal hätte demnach 20 Prozent an der FIFA-Tochter für rund 3,6 Milliarden Euro erwerben sollen. Die UEFA veranschlagt den Wert der FIFA-Tochter in dem Schriftsatz auf mindestens ein Drittel mehr, sie sei mehr als 30 Milliarden Dollar wert, also mehr als 25,75 Milliarden Euro.Zum Beleg führt der Antrag neben den Umsatzergebnissen der zurückliegenden Weltmeisterschaften aus, dass Infantinos erster Versuch, Rechte an FIFA-Turnieren zu veräußern, deutlich optimistischer angesetzt war. 2018 seien Investoren laut Infantinos eigener Darstellung bereit gewesen, 25 Milliarden Dollar für Rechte an der Klub-WM und einer künftigen weltweiten Nations League zu bezahlen, die Rechte sollten über einen Zeitraum von zwölf Jahren veräußert werden.Zugleich sei die FIFA als „untermonetarisiert“ dargestellt worden, den FIFA-Mitgliedsverbänden, denen „Infantino und seine Kumpane“ eine Frist zur Zustimmung bis zum 19. September gesetzt hatten, sei bei Zustimmung eine Einmalzahlung von 20 Millionen Dollar sowie eine Zahlung aus dem Entwicklungsfonds von weiteren 20 Millionen Dollar angeboten worden. Während eine solche Zahlung für viele Mitgliedsverbände „außergewöhnlich“ sei, hätten die Verbände bei Zustimmung einen Teil ihres eigenen zukünftigen Werts veräußert und wären dafür mit einer Zahlung aus den existierenden Töpfen belohnt worden.Wie wird die FIFA dargestellt?Im Schriftsatz an das Bezirksgericht in Miami werden das FFE-Vorhaben und Infantinos Gebaren als Fortsetzung einer jahrzehntealten Selbstbereicherungskultur an der FIFA-Spitze dargestellt. Diese Darstellung setzt unter der Überschrift „Die fortdauernde Geschichte der Korruption unter FIFA-Funktionären“ mit dem Rückgriff auf das Geschehen vor einem Vierteljahrhundert ein, als im Jahr 2001 der Sportrechtevermarkter ISL in Konkurs ging.2012 wurden damit im Zusammenhang stehende Schmiergeldpraktiken durch die Veröffentlichung eines verfahrenseinstellenden Deals zwischen der Staatsanwaltschaft des Kantons Zug, dem früheren FIFA-Präsidenten João Havelange und dem damaligen Präsidenten des brasilianischen Fußballverbands Ricardo Teixeira öffentlich.Musste 2015 gehen: der ehemalige FIFA-Präsident Joseph Blatter, hier zehn Jahre späterdpaÜber die Darstellung des FIFA-Skandals 2015, als amerikanische Strafermittler FIFA-Funktionäre in Zürich vor dem FIFA-Kongress verhaften ließen und der damalige FIFA-Präsident Joseph Blatter sein Amt aufgeben musste, wird Infantinos Präsidentschaft unter der Überschrift „Infantinos Bemühungen, die FIFA Governance Reformen zu seinem eigenen Vorteil zu unterlaufen“ eingeführt. Die Reformen, unter dem Druck der 2015 öffentlich gewordenen Verbandskultur eingeführt, „erwiesen sich Infantinos neuem Einsatz, die die Macht des Präsidenten einschränkenden Sicherungen zu schwächen, nicht gewachsen“.Wie geht es weiter?Neben dem Antrag auf Herausgabe der Dokumente in Florida hat die UEFA in New York Kushners Vorladung zur Aussage (englisch subpoena) beantragt. In dem in Miami eingereichten Antrag heißt es, die UEFA gehe davon aus, dass weder die FIFA-Abteilung in Miami (FIFA Americas) noch FWC 2026, die Gesellschaft für die WM 2026, angeklagt würden. Gleiches gelte für Kushner und seine Firma.Ungetreue Geschäftsbesorgung ist nach Schweizer Recht ein Delikt, das bei Anfangsverdacht von Amts wegen verfolgt werden muss. Für die Frage, ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird, kommt es nur bedingt auf eine Anzeige der UEFA an. Mit den öffentlich gewordenen Vorwürfen treibt der Europäische Fußballverband seine Strategie voran, den FIFA-Präsidenten vor dem für den 18. März 2027 angesetzten FIFA-Kongress zu stürzen.In einer Stellungnahme der Nationalverbandsvertreter in der UEFA-Exekutive, der europäischen Mitglieder im FIFA-Rat und der Präsidenten der Nationalverbände in der UEFA vom Donnerstag heißt es: „Sollte der jetzige FIFA-Präsident gleichwohl eine weitere Amtszeit anstreben, wird die UEFA gemeinsam mit Partnerkonföderationen sicherstellen, dass Mitgliedsverbänden eine glaubwürdige Alternative geboten wird.“ Die Frist zur Benennung eines Präsidentschaftskandidaten endet am 18. November.Zugleich versprechen die Europäer potentiellen Unterstützern Geld: „Die FIFA sitzt derzeit auf Milliarden. Dieses Geld gehört den Mitgliedsverbänden. Mit anderen Konföderationen wird die UEFA nach einer Möglichkeit suchen, einen Teil der FIFA-Reserven den Mitgliedsverbänden verantwortungsvoll zukommen zu lassen – und gleichzeitig sicherstellen, dass die finanzielle Stabilität der FIFA erhalten bleibt. Die Frage ist deshalb, warum der FIFA-Präsident glaubte, externe Investoren für die Ausweitung der Entwicklungsfinanzierung zu brauchen.“