Im Machtkampf um die Aufstellung des Weltfußballs zieht Europas Fußball-Union (Uefa) ihren angekündigten Boykott aller Fifa-Turniere inklusive der WM der Männer wohl zurück. Über entsprechende Pläne berichteten am Rande der Auslosung der Europapokal-Wettbewerbe in Monaco am Mittwoch verschiedene Medien, auch der SZ wurde diese Absicht aus Uefa-Kreisen bestätigt. Eine offizielle Stellungnahme des Verbandes gab es zunächst nicht. Formal kann das Thema erst am Donnerstag bei einer neuerlichen Zusammenkunft aller 55 europäischen Nationalverbände sowie des Uefa-Exekutivkomitees besprochen und entschieden werden.Der Hintergrund dieses Schrittes ist offenkundig, dass die Uefa die Bedingungen, die sie dem Fußball-Weltverband (Fifa) und dessen Präsidenten Gianni Infantino gestellt haben, als erfüllt ansieht. Die Uefa hatte mit allen ihren Mitgliedern nach Bekanntwerden von Infantinos Investorenplänen, bei denen die WM-Rechte an eine neue Tochterfirma (FFE) ausgelagert und Teile dieser Firma von Investoren aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump erworben werden sollten, den WM-Boykott beschlossen und zugleich ein Szenario für ein mögliches Ende skizziert. Dafür müsse sichergestellt sein, „dass derartige Versuche, den Fußball auf diese Weise zu entstellen, niemals wieder unternommen werden“, hieß es Anfang August.Infantinos Fifa hatte in einem ersten Schritt zwar das konkrete FFE-Projekt abgeräumt, aber nicht die verbindliche Zusage gegeben, dass es nie mehr zu solchen Privatisierungsideen kommen würde. Nun ist nach SZ-Informationen bei der Uefa ein Schreiben des Fifa-Generalsekretärs und Infantino-Vertrauten Mattias Grafström eingegangen, das die Uefa als eine solche Zusage versteht.Damit dürfte die U20-WM der Frauen, die vom 5. September an in Polen stattfinden soll und die als erstes Turnier von einem Uefa-Boykott betroffen wäre, wie geplant stattfinden. Der polnische Verband teilte unter der Woche mit, die Vorbereitungen verliefen planmäßig und es gebe „keinerlei Informationen über einen möglichen Rückzug eines der teilnehmenden Teams vom Turnier“.Unabhängig vom Ende des WM-Boykotts dringen die Europäer weiter auf einen Abschied InfantinosDie klare WM-Boykott-Drohung der Uefa und ihrer Verbände war entscheidend gewesen dafür, dass sich eine breite Anti-Infantino-Allianz gebildet hat, der neben den Europäern auch der asiatische sowie der nord-/mittelamerikanische Verband angehören. Denn allen Beteiligten war klar, dass eine WM ohne europäische Nationen sportlich sinnlos und wirtschaftlich wenig ertragreich geworden wäre.Unabhängig vom Ende des WM-Boykotts dringen die Europäer und ihre Verbündeten aber weiter auf einen Abschied von Gianni Infantino von der Fifa-Spitze. Für den schwer angeschlagenen Fifa-Chef gebe es zwei Optionen, sagte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin zu Beginn der Woche im britischen Podcast „The Rest is Politics“. Infantino müsse erkennen, „dass er nicht über die nötige Unterstützung verfügt“ – und somit quasi zurücktreten. Sollte er sich beim Kongress im März 2027 dennoch zur Wiederwahl stellen, werde es wohl einen Gegenkandidaten geben, der angesichts der eurasisch-nordamerikanischen Allianz auch gute Chancen hätte.Er wisse noch nicht, wer ein möglicher Gegenkandidat sein werde, sagte Ceferin, eine eigene Kandidatur für den Posten an der Fifa-Spitze schloss der Slowene aber aus. Er bezweifelte außerdem, dass der Katarer Nasser Al-Khelaifi, mächtiger Klubboss von Paris Saint-Germain, antreten würde. Eine Option könnte sein, dass Victor Montagliani aus Kanada, Chef der Verbände aus Nord-, Mittelamerika und der Karibik (Concacaf), bis zum Ende der Nominierungsfrist am 18. November als Herausforderer ins Rennen gehen könnte, um Infantino zu Fall zu bringen.Allerdings wird hinter den Kulissen zugleich an einer ganz anderen Lösung gearbeitet: einer grundsätzlichen Reform der Fifa-Statuen, inklusive eines Rotationsmodells, bei dem es keinen festen Fifa-Präsidenten mehr gäbe, sondern sich die sechs Kontinentalchefs abwechseln. Das würde nicht nur verhindern, dass jemand eine solche Machtfülle anhäufen kann wie Infantino. Zugleich würde es die Anti-Infantino-Allianz weiter stabilisieren, weil sich mancher Kontinentalchef freuen dürfte, zumindest mal für eine kurze Zeit selbst Fifa-Präsident zu sein.Zudem droht Gianni Infantino auch noch an einer anderen Flanke in diesem Machtkampf Ungemach. Die FFE-Pläne haben denkwürdige Spuren hinterlassen, denen die Uefa nachgeht. Vor zwei Wochen hat sie an Infantinos Fifa und andere Beteiligte wie die Großbank JP Morgan oder die als Ankerinvestor vorgesehene Thrive Holding Warnschreiben verschickt, Materialien und Unterlagen zur Kommunikation rund um das Geheimprojekt nicht zu vernichten. Wer das jetzt noch tut, kann sich strafbar machen. Konkrete Klagen könnte es bald geben.