Showdown bei VW: So funktioniert die Machtzentrale des grössten Industriekonzerns in EuropaDer Konzernchef Oliver Blume will sparen, braucht dafür jedoch die Erlaubnis des Aufsichtsrats. Die Erfolgschancen scheinen gering. Denn das Gremium tickt so politisch wie kein anderes.27.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenOliver Blume (oben) wird verschiedene Aufsichtsräte überzeugen müssen. Unter ihnen (von links nach rechts): Olaf Lies, Daniela Cavallo, Mohammed Saif al-Sowaidi und Wolfgang Porsche.Illustration NZZAnfang September könnte sich das Schicksal des grössten Industriekonzerns in Europa entscheiden. Nächste Woche wird der VW-Vorstandschef Oliver Blume erneut den Aufsichtsrat um Zustimmung für seinen «Zukunftsplan» bitten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Anlegern hat Blume bereits Anfang des Jahres einen radikalen Umbau seines Konzerns versprochen, mit dem das Unternehmen wieder wettbewerbsfähig werden soll. Die konkrete Umsetzung bleibt aber weiterhin offen. Massnahmen wie der Abbau von 50 000 zusätzlichen Stellen oder die Schliessung von vier Werken in Deutschland, die laut Medienberichten von der Konzernspitze geprüft werden, sind umstritten.Wie im Aufsichtsrat hinter verschlossenen Türen um die Zukunft von VW gerungen wird, ist streng geheim. Eigentlich kommuniziert der Konzern nicht einmal öffentlich, wann die Entscheidungsträger am Konzernhauptsitz in Wolfsburg zusammenfinden. Weil viele Aufsichtsräte einen Draht zu den Medien pflegen, sickern die Daten oft trotzdem an die Öffentlichkeit durch.Eines lässt sich aber sagen: Blume steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe.Staatliche Kontrolle institutionalisiertJede deutsche Aktiengesellschaft hat einen Aufsichtsrat. Bei kaum einem Unternehmen ist dieses Gremium aber mächtiger als bei VW. Dafür gibt es historische Gründe.Volkswagen war jahrzehntelang staatlich kontrolliert. Die Ursprünge des Unternehmens gehen zurück in die 1930er Jahre, als Adolf Hitler den Ingenieur Ferdinand Porsche beauftragte, einen für Familien bezahlbaren Wagen zu entwickeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen von der britischen Militärverwaltung in der Besatzungszone weiterbetrieben, die es dann in die Treuhandschaft des Bundeslandes Niedersachsen gab.Der staatliche Einfluss blieb auch nach der Privatisierung im Jahr 1960 fest verankert. Der Bund und das Bundesland Niedersachsen beteiligten sich mit je 20 Prozent. Ihre Kontrollrechte regelten sie mit einem «Gesetz über die Überführung der Anteilsrechte an der Volkswagenwerk Gesellschaft mit beschränkter Haftung in private Hand». Dieses «VW-Gesetz» gilt in abgeschwächter Form bis heute, auch wenn die Bundesregierung ihre Anteile vollständig verkauft hat. Es sichert den Gewerkschaften zudem Rechte zu, die weit über die übliche Mitbestimmung in anderen deutschen Konzernen hinausgehen. Denn diese hatten der Privatisierung von Volkswagen nur unter Bedingungen zugestimmt.VW ist heute ein globaler Konzern. Doch im Gegensatz zu anderen Aktiengesellschaften, in denen im Aufsichtsrat oft rein wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen, ist das Gremium beim niedersächsischen Autokonzern stark von lokalpolitischen Überlegungen geprägt. Zudem kommt es oft zu unüblichen Allianzen: Manche Aufsichtsräte, die eigentlich die Kapitalseite vertreten, argumentieren in wesentlichen Fragen gleich wie die Arbeitnehmerseite.Diese Personen entscheiden über die Zukunft von VWGrob lässt sich der Aufsichtsrat in vier Lager aufteilen:Die Vertreter der Arbeitnehmer stellen die grösste Gruppe im Gremium: Ihnen sind zehn Sitze vorbehalten, also die Hälfte aller Sitze – in Deutschland die übliche Quote für als Aktiengesellschaft organisierte Konzerne. Wortführerinnen sind Daniela Cavallo, die Vorsitzende des VW-Betriebsrats, sowie Christiane Benner, die Vorsitzende der Industriegewerkschaft IG Metall. Die Arbeitnehmer teilen Blumes Einsicht, dass VW zur Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit einen Wandel braucht. Gesprächsbereit sind sie für den Abbau von interner Bürokratie, Umstrukturierungen auf der Managerebene sowie Anpassungen des Produktportfolios. Sie wehren sich jedoch vehement gegen einen weiteren Stellenabbau sowie die Schliessung von ganzen Werken. Die Belegschaft habe mit dem letzten Sparprogramm, in dem der VW-Konzern Ende 2024 einen Stellenabbau ankündigte, grosse Zugeständnisse gemacht.Die Regierung des Bundeslandes Niedersachsen stellt mit dem Ministerpräsidenten Olaf Lies sowie der stellvertretenden Ministerpräsidentin Julia Willie Hamburg zwei Mitglieder im Aufsichtsrat. Als Grossaktionär besitzt die Landesregierung ein Interesse an soliden Erträgen und Dividendenzahlungen bei VW. Gleichzeitig wäre es politisch nicht tragbar, wenn die SPD-geführte Regierung einen massiven Stellenabbau in der Region verantwortete. Das Land Niedersachsen werde keiner Lösung zustimmen, die auf Werkschliessungen als vermeintlich einfache Lösung setze oder die bewährten Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer beschneide, schrieben die beiden Regierungsvertreter in einer gemeinsamen Erklärung.Die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch sind weiterhin die grössten Aktionäre des VW-Konzerns, gemeinsam besitzen sie mehr als die Hälfte der stimmberechtigten Anteile. Im Aufsichtsrat sind sie mit vier Gesandten vertreten, unter anderem Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch. Den Familien nahe steht zudem der Vorsitzende des Aufsichtsrats: Hans Dieter Pötsch, ehemaliger Finanzvorstand von VW und nun Chef der Holdinggesellschaft Porsche SE. Die Eigentümer haben Verständnis für die ausgeprägte Kultur der Mitbestimmung im Konzern, gute Beziehungen zu den Arbeitnehmern sehen sie als wichtige Bedingung für langfristigen Erfolg. Doch die Geduld neige sich dem Ende zu, heisst es aus dem Umfeld der Familien. Sie fordern offenbar tiefgreifende Veränderungen in der Konzernstruktur, um die Kosten zu senken. Werkschliessungen sähen sie offenbar als richtiges Signal. Pötsch sagte kürzlich: «Es gilt nun, sich ausschliesslich auf das unternehmerisch und wirtschaftlich Gebotene zu fokussieren. Alles andere muss zurückstehen.» Die Porsches und Piëchs sollen aber immer stärker daran zweifeln, ob der Konzernchef Oliver Blume stark genug für solche Massnahmen ist.Katar als drittgrösster Aktionär entsendet zwei Vertreter in den Aufsichtsrat, unter anderem Mohammed Saif al-Sowaidi, CEO des Staatsfonds Qatar Investment Authority. Der Wüstenstaat will ein profitables VW, um so die Abhängigkeit der eigenen Wirtschaft von Rohstoffen zu diversifizieren. Die Mitbestimmungstradition sowie die hohen Standortkosten sehen die katarischen Anteilseigner kritisch. Zudem blockierten sie jüngst eine Umnutzung des VW-Werkes in Osnabrück durch den israelischen Rüstungskonzern Rafael.Komplettiert wird der Aufsichtsrat traditionsgemäss von jemandem, der etwas ausserhalb der vier Interessengruppen steht. Zuletzt hatte Susanne Wiegand, die ehemalige Chefin des Rüstungskonzerns Renk, die Rolle einer unabhängigen Kontrolleurin eingenommen. Wiegand verliess das Gremium im Juni jedoch auf eigenen Wunsch nach nur einem Jahr im Amt. Sie soll laut Medienberichten frustriert gewesen sein, wie wenig sie in dem Gremium bewegen konnte.Offiziell ist der Sitz noch vakant. Am Mittwoch berichtete das «Handelsblatt» unter Berufung auf Konzernkreise allerdings, dass die österreichische Managerin Marianne Heiss die Position übernehmen könnte. Interessant daran: Heiss hatte diesen Sitz schon einmal inne – Wiegand trat vor einem Jahr ihre Nachfolge an. Heiss kennt sich im VW-Umfeld aus. Sie ist derzeit Aufsichtsrätin bei Audi und Porsche SE. Der VW-Konzern hat sich zu der Nachbesetzung bislang nicht geäussert.Statt den üblichen zwanzig hat der VW-Aufsichtsrat derzeit also nur neunzehn Mitglieder – womit die Vertreter der Arbeitnehmer gegenwärtig eine Mehrheit der Stimmen besitzen. Doch selbst wenn Heiss den vakanten Sitz Anfang September besetzen würde, bliebe die Arbeitnehmerseite einflussreich.Klare Machtverhältnisse im AufsichtsratSo sieht das «VW-Gesetz» vor, dass Entscheidungen über die «Errichtung und die Verlegung von Produktionsstätten» im Aufsichtsrat eine Zweidrittelmehrheit benötigen, also vierzehn von zwanzig Stimmen. Das räumt den Arbeitnehmern ein faktisches Veto über die Werkschliessungen ein, die sie als eine «Verlegung ins Nichts» erachten.Da die beiden Vertreter des Bundeslandes Niedersachsen gegenwärtig auf der Linie der Gewerkschaften argumentieren, herrschen im Aufsichtsrat in vielen Fragen klare Mehrheitsverhältnisse von zwölf gegen sieben beziehungsweise zwölf gegen acht bei einer vollen Besetzung des Aufsichtsrats.Damit scheint die Ausgangslage vor der nächsten Sitzung klar: Wesentliche Massnahmen wie die Schliessung von Standorten oder einen weiteren Stellenabbau, mit denen der Konzern seine Produktionskosten senken könnte, dürfte Blume nicht durch den Aufsichtsrat kriegen.Umstrittene UmgehungsversucheRechtlich gibt es zwei Szenarien, mit denen der Konzernvorstand um Oliver Blume die Entscheidungsfindung im Aufsichtsrat aushebeln und die Sparpläne stattdessen den Aktionären anlässlich einer ausserordentlichen Hauptversammlung vorlegen könnte.Der Vorstand begründet nach Ablehnung der Pläne im Aufsichtsrat, dass der Konzern in einer «existenzgefährdenden Lage» steckt.Blume schlägt den Aktionären eine Ausgliederung der Kernmarke VW als eigenständige Gesellschaft vor, womit sie ausserhalb des «VW-Gesetzes» stünde. Die Entscheidung über Schliessungen von VW-Werken läge danach nicht mehr beim Aufsichtsrat.Beide Wege haben aber einen Haken. Sie gelten nach Aktienrecht als weitreichende Beschlüsse, womit ihnen üblicherweise 75 Prozent der Aktionäre zustimmen müssten. Bei VW liegt dieser Wert, «VW-Gesetz» sei Dank, sogar noch höher. Es müssen mehr als 80 Prozent einverstanden sein. Das bedeutet: Das Land Niedersachsen, das 20 Prozent besitzt, hat eine Sperrminorität.Der Ministerpräsident Lies und seine Stellvertreterin Hamburg liessen bereits durchblicken, dass sie solche Schritte nicht mittragen würden. Sie sagten: «Mitbestimmung ist kein Wettbewerbsnachteil, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Erfolgsgeschichte von Volkswagen.» Wer den Konzern nachhaltig stärken wolle, dürfe die Rechte der Beschäftigten nicht aushöhlen. Auch die Gewerkschaften kündigten Proteste an, sollte der VW-Vorstand ohne ihre Zustimmung Sparpakete verabschieden wollen.Auch ein Chefwechsel brächte kaum etwasChristian Strenger ist Professor des Corporate-Governance-Instituts der Frankfurt School und Gründungsmitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate-Governance-Kodex. Er sagt: «Der VW-Konzern kann kaum mehr die dringenden Einschnitte umsetzen.»Umgehungen des «VW-Gesetzes», die dem Konzernvorstand einfachere Lösungen ermöglichten, hält Strenger für unrealistisch, da diese am Widerstand des Bundeslandes Niedersachsen scheitern würden. Rein institutionell sei die Ausgangslage also klar, sagt Strenger: «Lösungen kann es nur geben, wenn die Vertreter der Arbeitnehmer und Niedersachsens diese im Aufsichtsrat mittragen.» Gemessen an den öffentlichen Äusserungen jener Vertreter geht er nicht davon aus, dass der Aufsichtsrat in der Sitzung am 4. September wegweisende Entscheidungen treffen wird.Damit stiege der Druck auf Oliver Blume weiter. Müsste er womöglich gar bald von seinem Posten weichen? Strenger würde sich davon wenig erhoffen: «Auch ein neuer Konzern-CEO würde sehr schnell auf die gleichen Widerstände stossen.»Bei VW gibt es damit nur einen Weg zum Sparplan: Der Konzernvorstand muss im bestehenden Machtgefüge nach Kompromissen suchen – selbst wenn die Zeit drängt.Passend zum Artikel