Seit Dienstag laufen im Volkswagen-Konzern etliche Betriebsversammlungen an großen deutschen Standorten. Für Vorstandschef Oliver Blume bedeutet das in diesen Tagen eine Art Tournee durch das krisengeplagte VW-Reich. Schon am Mittwochmorgen landet er gegen neun Uhr mit einem Privatjet der konzerneigenen Flugbereitschaft am Regionalflughafen in Emden, um von dort aus direkt zur Autofabrik in der ostfriesischen Hafenstadt zu eilen. Die Reisepläne des VW-Managements sind dem Betriebsrat bestens bekannt, und so postieren sich am Rollfeld einige Gewerkschafter mit Bannern, um gegen die Sparpläne zu protestieren, begleitet von örtlichen Pressefotografen.Dass Blume und seine Manager das Flugzeug nehmen, liegt auch am engen Terminplan. Schon am Mittwochnachmittag ist die nächste Betriebsversammlung geplant, diesmal im sächsischen Zwickau; mit dem Auto ist das rund sechseinhalb Stunden vom norddeutschen Emden entfernt und deshalb nicht pünktlich zu schaffen.Zu beiden Versammlungen hatte der VW-Konzernbetriebsrat die Führungskräfte zitiert, damit sie dort Rede und Antwort zu den geplanten Einschnitten stehen, die das Land schon seit Wochen in Atem halten. Und so verbreitet Blume – wie schon am Vortag im Wolfsburger Stammwerk – auch jetzt wieder dieselbe Botschaft: Die ganze Autoindustrie stehe „unter enormem Druck“. Man habe schon viel getan, um den Konzern besser aufzustellen. „Aber das alles reicht nicht, um in einer Welt mit so massiven Veränderungen dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben.“Blume übt sich im Spagat zwischen Zuversicht und DruckEs ist schon die zweite Sparrunde innerhalb von nicht einmal zwei Jahren, um die sich derzeit das Management und die Arbeitnehmervertreter von VW streiten. Kommende Woche, am Freitag, den 4. September ist wieder eine Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg geplant, und wie das Ringen um Werksschließungen und Stellenabbau ausgehen wird, ist alles andere als sicher.Die IG Metall läuft sich schon für einen „heißen Herbst“ mit vielen Protesten warm, und Blume und seine Vorstände klappern nun große Standorte ab, von denen gleich mehrere um ihre Existenz fürchten. Schließlich gehören Emden und Zwickau zu jenen Autofabriken, für die das Management laut dem Konzernchef noch keine „wettbewerbsfähige Belegung“ für die 2030er-Jahre sieht. Auch in Hannover und Neckarsulm geht die Angst um, dass VW in den dortigen Werken auf kurz oder lang den Stecker zieht.Auf der Betriebsversammlung im Emdener Werk übt sich Blume wie so oft in dem Spagat, einerseits Zuversicht zu verbreiten und trotzdem Druck aufzubauen. Der Standort mit seinen knapp 8000 Mitarbeitern habe Kosten gesenkt und Abläufe verbessert, sagt er laut Teilnehmern. In der Wolfsburger Zentrale sehe man „sehr genau, was ihr hier leistet“.Trotzdem lägen die Arbeitskosten noch bei mehr als dem Doppelten vergleichbarer europäischer Standorte, rechnet er dann vor. Und auch bei den Fabrikkosten seien andere Werke deutlich günstiger. Sollte es vor diesem Hintergrund nicht gelingen, eine „Nachbelegung“ für das Werk zu finden, also neue VW-Modelle dort fertigen zu lassen, dann sei die Verantwortung des Konzerns nicht einfach beendet, beteuert Blume weiter. Vielmehr werde es dann darum gehen, andere „Perspektiven“ zu finden. Damit könnte zum Beispiel eine Rüstungsproduktion gemeint sein, die derzeit auch schon für den Standort Osnabrück durchgespielt wird.Ob so etwas tatsächlich gelingen und viele Arbeitsplätze sichern kann, ist allerdings ungewiss. Für viele Beschäftigte in Emden dürften die Ausführungen daher eher wie die übliche Drohkulisse klingen: Strengt euch an, sonst endet hier die Autoproduktion.Debatte um Zukunft der VW-Standorte hochpolitischAn allen Standorten ist die Debatte hochpolitisch, schließlich geht es um Zehntausende weitere Arbeitsplätze, die das VW-Management in Deutschland abbauen will. In Niedersachsen stehen die Kommunalwahlen bevor. Auch deshalb ist im Emder Werk am Mittwochvormittag der parteilose Oberbürgermeister Tim Kruithoff zu sehen, der erst kürzlich in seinem Stadtrat eine Resolution verabschiedet hatte, um für den Erhalt des VW-Standorts zu werben. Noch viel schärfer wird die Debatte in Sachsen geführt. Dort produziert VW nicht nur in Zwickau, sondern betreibt unter anderem auch ein Motorenwerk in Chemnitz. Schon am Montag hatten sich Blume und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch in der Dresdner Staatskanzlei mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) getroffen, um über die Zukunft von VW im Bundesland zu reden. Auch für die Betriebsversammlung am Mittwoch wurde Panter als Gast erwartet.Vor dem Werkstor im Zwickauer Vorort Mosel hatten sich nicht nur Gewerkschaftsvertreter, sondern auch Zulieferer angekündigt, um gemeinsam gegen einen Kahlschlag der sächsischen Automobilindustrie zu demonstrieren. Im Werk hofft man darauf, dass dort auch in Zukunft Autos produziert werden – etwa Modelle aus den chinesischen Gemeinschaftsunternehmen des VW-Konzerns, die nach Ansicht mancher Beteiligter eine Lücke im Modellportfolio füllen könnten. Konkret soll es um eine elektrische Variante des SUV Touareg gehen. Dieser könnte dort künftig auf Basis chinesischer Antriebstechnik hergestellt werden.Gleichzeitig geben Insider unverhohlen zu, dass das bislang nur Hoffnungswerte sind. Und im benachbarten Bundesland, in Sachsen-Anhalt, wo ebenfalls viele Autozulieferer sitzen, wird die Unsicherheit von sehr rechten Kräften voll ausgeschlachtet. Am 6. September, kurz nach der Aufsichtsratssitzung in der kommenden Woche, wird dort ein neuer Landtag gewählt. Die AfD liegt in Umfragen stabil oberhalb von 40 Prozent der Stimmen.Erst einmal gehen aber die Betriebsversammlungen weiter. Nach den Auftritten von Blume in dieser Woche sollen Technikchef Thomas Schmall und Finanzvorstand Arno Antlitz an weiteren Standorten auftreten, etwa in Chemnitz, aber auch in Hannover, der Hauptstadt des Landes Niedersachsen. Dessen Ministerpräsident, Olaf Lies (SPD) blickt mit großer Sorge auf die Schwierigkeiten direkt vor seiner Haustür – auch er muss sich bald einer Wahl stellen, der Landtagswahl im Herbst 2027.