Volkswagen-Chef Oliver Blume stößt mit seinem Umbauplan für Europas größten Autobauer auf massiven Protest der Beschäftigten. Teilnehmern zufolge quittierten die mehr als 10.000 VW-Beschäftigten in und vor der Halle seine Rede auf der außerordentlichen Betriebsversammlung im Stammwerk Wolfsburg mit Pfiffen und bekundeten ihren Protest mit Schildern und Transparenten.Blume erklärte einmal mehr, dass VW unter großem Druck von US-Zöllen, geopolitischen Risiken und neuen Rivalen Kosten senken und schlanker werden müsse. Bei den Arbeitnehmervertretern stieß er damit auf scharfe Kritik. Die IG Metall kündigte Widerstand gegen die Abbaupläne des Managements an. „Kooperation ist möglich, aber wenn der VW-Vorstand einzig den Weg des Abbaus und der Kürzungen einschlägt, werden wir uns dem mit aller Kraft entgegenstellen“, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger. „Dann steht Volkswagen ein Konflikt bevor, der härter werden kann als zuvor.“ „Unsere Jobs sind nicht Eure Bilanzkorrektur“ Vor der Bühne hielten Vertrauensleute der IG Metall dem Management Parolen wie „Tarifbruch stoppen!“ und „Unsere Jobs sind nicht Eure Bilanzkorrektur!“ entgegen, wie Teilnehmer berichteten. Betriebsratschefin Daniela Cavallo verurteilte die kürzlich von Blume genannte Zahl von weiteren 50.000 abzubauenden Stellen, die theoretisch hergeleitet worden sei, um an der Börse gut anzukommen.„Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten!“, kritisierte sie in ihrer von frenetischem Applaus begleiteten Rede, dass bislang kein genauer Plan vorliege. „Unser Vertrauen in diesen Konzernvorstand, insbesondere auch in dessen Vorsitzenden Oliver Blume, ist beschädigt. Noch nicht irreparabel. Aber beschädigt.“ Cavallo warf Blume insbesondere vor, weiterhin Details zu seinen Plänen schuldig zu bleiben. Blume habe seine Chance verpasst, sagte sie nach der Betriebsversammlung.Der hatte erklärt, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten belastbare Perspektiven für alle Standorte zu schaffen. Die Konzernmarken hätten den Auftrag, gemeinsam mit den Werken konkrete Optionsräume zu erarbeiten. Werksschließungen für Emden, Hannover, Zwickau und Audi in Neckarsulm seien nicht beschlossen. „Sie sind immer die letzte und teuerste Lösung.“ „Unsere Marktanteile wachsen. Aber das reicht noch nicht aus“ Die Kosten außerhalb der Fahrzeugproduktion müssten sinken. Dabei sei die von ihm früher genannte Zahl von 50.000 Stellen keine Zielgröße, sondern eine theoretische Rechengröße. „Aus heutiger Sicht entfällt etwa die Hälfte des Anpassungsbedarfs auf Deutschland, die andere international – in insgesamt rund 170 Gesellschaften“, ergänzte Blume.„Wir müssen Komplexität reduzieren, unsere Strukturen konsequent verschlanken und Kosten senken“, sagte Blume. „Zölle, neue Wettbewerber und geopolitische Risiken: Die gesamte Autoindustrie steht unter enormem Druck.“ Der VW-Konzern habe „frühzeitig gegengesteuert“ und begonnen, Konzern und Marken neu auszurichten, betonte Blume. „Unsere Marktanteile wachsen. Aber das reicht noch nicht aus.“Wir müssen Komplexität reduzieren, unsere Strukturen konsequent verschlanken und Kosten senken.Oliver Blume, VW-ChefSeit der Ankündigung weiterer Sparzwänge in den vergangenen Monaten wird bei Europas größtem Autobauer um Zehntausende Stellen und vier Werke gerungen. Nach Wolfsburg sind in den nächsten Tagen acht weitere Betriebsversammlungen in Braunschweig, Emden, Zwickau, Chemnitz, Dresden, Kassel-Baunatal, Salzgitter und Hannover geplant.Wir sind der Meinung, die Beschäftigten haben ihren Beitrag geleistet, und das Management ist in der Verantwortung, Perspektiven aufzuzeigen.Christiane Benner, IG-Metall-ChefinIG-Metall-Chefin Christiane Benner hatte am Morgen gefordert, statt auf Personalabbau auf andere Sparmaßnahmen zu setzen. Die Lage der Automobilbranche sei mit Blick auf US-Zölle und die Konkurrenz aus China schwierig, räumte sie ein. „Erkennen wir die Lage an? Ja, aber wir sind der Meinung, die Beschäftigten haben ihren Beitrag geleistet, und das Management ist in der Verantwortung, Perspektiven aufzuzeigen.“ Vorschläge aus der Politik Auch der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sieht mögliche Werksschließungen bei VW weiter kritisch. Das sei „keine Zukunftslösung“, sagte er dem Deutschlandfunk. Die Größe des Konzerns sei eine Chance. Sie infrage zu stellen, „wäre wirklich fatal“.Lies sprach sich auch dafür aus, Wachstumspotenziale vor allem im E-Mobilitätsmarkt zu nutzen. Zudem könne man Synergien zwischen den unterschiedlichen Marken des Konzerns verbessern. Man müsse sich fragen: „Haben wir vielleicht eine zu große Variabilität von verschiedenen Fahrzeugen, von Ausstattung?“ Eine Möglichkeit sei auch die Produktion für die Rüstung, um phasenweise die Auslastung von Werken sicherzustellen.2024 war bereits die Rede von möglichen Werksschließungen gewesen. Die traditionell starken Arbeitnehmervertreter im VW-Konzern sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner rangen der Konzernspitze damals als Kompromiss ein Sparprogramm ab, das einen sozialverträglichen Jobabbau von zehntausenden Stellen bis 2030 vorsah. (Reuters/dpa)