Maisano war nicht der Einzige mit fragwürdigen Beteiligungen. Seit dem Skandal prüft das Unispital Zürich sein Personal – und fand zehn RegelverstösseEine Recherche zeigt: Seit Einführung des Transparenzregisters sind bei Ärzten mehr Interessenbindungen sichtbar. Etwa zur Pharmabranche.26.08.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenSpitalangestellte dürfen keinen Nebenbeschäftigungen nachgehen, die im Arbeitsalltag zu Interessenkonflikten führen.Oliver Berg / KeystonePlötzlich diese Transparenz. Am Zürcher Universitätsspital scheint nach den Enthüllungen um die Verstrickungen des entlassenen Herzchirurgen Francesco Maisano das Zeitalter der gläsernen Klinikleiter anzubrechen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Da ist zum Beispiel der Chef der Rheumatologie. Ihm wird – das muss in diesem Kontext ausdrücklich betont werden – nicht das geringste Fehlverhalten vorgeworfen. Aber noch vor einem Jahr hätte die Öffentlichkeit auf der Website des Spitals nichts erfahren über seine zahlreichen Verbindungen zu privaten Firmen aus dem Medizinbereich.Jetzt steht da in einem Transparenzregister, dass er allein in diesem Jahr mehrmals als Berater für das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim tätig war. Und dass er seit 2024 in ähnlicher Funktion für acht weitere Firmen aus den USA, Schweden und der Schweiz fungierte.Auch auf die Information, dass der Klinikleiter 2023 das Startup Citus mitgründete, wäre man noch vor kurzem kaum gestossen. Es hat ein Messgerät zur Diagnose von Hauterkrankungen entwickelt und wird vom Health Innovation Hub des Universitätsspitals gefördert.Bei anderen Klinikleitern findet man viele ähnliche Muster. Hunderte solcher Interessenbindungen und Nebenbeschäftigungen von Angestellten sind seit Anfang Juni systematisch nach dem Vieraugenprinzip geprüft und für unproblematisch befunden worden. Es gab aber auch die anderen, wie das Spital auf Anfrage der NZZ publik macht: In rund zehn Fällen sind laut einem Sprecher des Unispitals Verstösse gegen die internen Richtlinien festgestellt worden. Dies habe «entsprechende Sanktionen» nach sich gezogen. Mehr könne man dazu aus «Vertraulichkeitsgründen» nicht sagen.Laut der obersten Compliance-Beauftragten, die am Unispital für die Prüfung der Interessenbindungen zuständig ist, geht es zum Beispiel um eine Nebenbeschäftigung, durch die das Spital konkurrenziert werde. Oder um Aktienanteile an einem Startup, welches das Unispital beliefere. Das Verständnis und die Akzeptanz für die Transparenzoffensive seien gross – selbst bei jenen Angestellten, die zu einem Gespräch aufgeboten worden seien, weil es Klärungsbedarf bezüglich der internen Regeln gegeben habe. Die Kultur am Spital wandle sich gerade merklich.Über tausend Anträge müssen kontrolliert werdenEs ist die Erfüllung eines Versprechens, das die Spitaldirektorin Monika Jänicke am 5. Mai abgegeben hat, dem schwersten Tag in der jüngeren Geschichte des Unispitals. Damals präsentierte der Bundesrichter Niklaus Oberholzer die Ergebnisse einer Untersuchung zu den Zuständen an der Herzklinik zur Zeit von Maisanos Wirken.Dabei bestätigte sich unter anderem, dass dieser als Klinikleiter Patienten wiederholt selbst mitentwickelte Implantate eingesetzt hatte, obwohl diese mit einer anderen Behandlung besser bedient gewesen wären. Über seine Interessenkonflikte – er war auch Aktionär des Implantateherstellers – waren die Patienten unzureichend informiert.Als Konsequenz daraus und um das Vertrauen zurückzugewinnen, kündigte das Unispital ein öffentliches Transparenzregister an. Sämtliche Angestellten mussten deshalb bis am 20. Mai ihre Nebenbeschäftigungen und Interessenbindungen zur Prüfung einreichen. Weil über tausend Anträge eingegangen sind, dauert die Bearbeitung immer noch an. Die Zahl der Problemfälle kann sich also noch erhöhen.Dass es überhaupt solche gibt, dass Angestellte des Unispitals trotz dem Skandal um Francesco Maisano nicht längst alle Verbindungen aufgelöst haben, die zu Interessenkonflikten führen könnten, mag erstaunen. Es könnte aber auch als Hinweis auf mangelndes Unrechtsbewusstsein gelesen werden.Das käme nicht von ungefähr. Laut dem Untersuchungsbericht zu den Vorkommnissen an der Herzklinik wurden schon vor dem Fall Maisano immer wieder Interessenkonflikte leitender Spitalangestellter publik, oft via Medien. Die oberste Spitalführung habe aber lange «wenig Sensibilität für die Problematik» an den Tag gelegt, heisst es im Bericht.So liess sie etwa jene Klinikdirektoren gewähren, die nebenher ein eigenes Zentrum für teure Vorsorgeuntersuchungen betrieben, deren medizinischer Nutzen stark umstritten war. Trotz Konkurrenzsituation und Reputationsrisiken hatte dies keine Konsequenzen. Bleiben durfte auch ein Klinikdirektor, der Patienten systematisch in die eigene Privatpraxis überwies. Und als der Spitaldirektor persönlich ein Aufsichtsratsmandat bei einer amerikanischen Firma für Dialysegeräte übernahm, die vom Spital Aufträge erhielt, sah man darin ebenfalls kein Problem.Das Personalreglement wurde Jahr für Jahr verschärftWenn man davon ausgeht, dass verschärfte Vorschriften oft auf Missstände reagieren, lässt das Personalreglement des Unispitals tief blicken: Der Spitalrat hat sie in den letzten vier Jahren ebenso viele Male verschärft, unter dem Druck von Politik und einer zunehmend skeptischen Öffentlichkeit. Allein der Seitenumfang der Regeln zu Nebenbeschäftigungen und Interessenkonflikten hat sich verdreifacht.Eine Auswahl: Als Erstes wurden Nebenbeschäftigungen verboten, bei denen der Eindruck erweckt wird, es handle sich um eine Leistung des Unispitals. Dann wurde bestimmt, dass direkte Beteiligungen an Medizinaltechnikfirmen gemeldet werden müssen – und überhaupt alles, was zu einem Interessenkonflikt führen könnte. Die entsprechenden Einträge hätten zunächst allerdings nicht öffentlich sein sollen. Das wurde später korrigiert und ein öffentliches Register vorgeschrieben. Zuletzt wurde unter anderem noch einmal präzisiert, dass ganz besonders Tätigkeiten für Unternehmen transparent gemacht werden müssen, die Leistungen für das Spital erbringen oder Patienten vom Spital übernehmen.Genau das passiert jetzt. Die nächste Ergänzung des Transparenzregisters ist für Oktober angekündigt. Danach soll der Prozess jedes Jahr wiederholt werden.Passend zum Artikel