GastkommentarGustav K. von SchulthessDie Lehren aus dem Fall Maisano: Das Universitätsspital Zürich ist nicht mehr führbarDas Problem des USZ ist nicht eine fehlende Regulierung, sondern die unklare Führungsstruktur. Viele der vermeintlich Verantwortlichen konnten gar nicht so handeln, wie es die Öffentlichkeit von ihnen erwartet.24.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAndré Zemp, Präsident des Spitalrats und Monika Jänicke, Vorsitzende der der Spitaldirektion USZ während der Medienkonferenz zur Administrativuntersuchung.Michael Buholzer / KeystoneWieder einmal steht das Universitätsspital Zürich (USZ) in den Schlagzeilen. Viele Reaktionen folgen einem bekannten Muster: Die Medien personalisieren, die Politik empört sich, die Strafverfolgungsbehörden prüfen, und am Ende werden neue Regeln geschaffen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was dabei zu kurz kommt, ist die Frage, ob das heutige Führungssystem des USZ überhaupt geeignet ist, solche Eskalationen frühzeitig zu verhindern. Ich bin dem USZ seit 45 Jahren in verschiedenen Funktionen verbunden. Gerade deshalb irritiert mich die derzeitige Debatte: Vieles bleibt faktisch unklar, während Verantwortlichkeiten vorschnell einzelnen Personen zugeschrieben werden. Der Fall Maisano zeigt weniger das Versagen einer einzelnen Führungsperson, als das Versagen einer Struktur, in der Verantwortung, Weisungsbefugnis und politische Kontrolle auseinanderklaffen.Das USZ im «Korsett»Als ich Klinikdirektor wurde, war das USZ keineswegs konfliktfrei. Aber es war führbar. Die Zuständigkeiten waren klarer, die Wege kürzer, und politische Verantwortung liess sich konkreter zuordnen. Prominente Chirurgen wie Åke Senning und Gazi Yaşargil waren weltweit bewunderte Grössen, und Andreas Grüntzig hatte am USZ die Koronarangioplastie entwickelt, mit der heute jährlich Millionen von Menschen mit Herzkranzverengungen behandelt werden.Alle drei waren grosse Innovatoren, wie sie ein universitäres Spital braucht, um sich differenzieren zu können. Die zuständigen Regierungsräte Wiederkehr (Jurist) und Gilgen (Mediziner) stimmten sich laufend miteinander ab, um einerseits den medizinischen Betrieb dank kompetenten Klinikdirektoren und weiterem akademischem Kader sicherzustellen und andererseits die Professoren zu wählen, die als Lehrer und Forscher der Universität und damit der Bildungsdirektion unterstellt sind.Am Samstagmorgen wurden der Verwaltungsdirektor und der ärztliche Direktor des USZ jeweils bei der Gesundheitsdirektion vorstellig. Dort wurde besprochen, wie weiter. Die Verantwortlichkeiten waren klar geregelt. Die Regierung war für das Umsetzen weitreichender Änderungen verantwortlich, aber auch weisungsbefugt. Verwaltungsdirektor und ärztlicher Direktor setzten um.Heute bestehen ums USZ unauflösbare Widersprüche. Der gesunde Bürger erwartet, dass am USZ Spitzenmedizin betrieben wird. Bei komplexen Gesundheitsproblemen ist das USZ die letzte Anlaufstelle, insbesondere in der Herzmedizin, wo im Kanton Zürich mehrere herzchirurgische Angebote existieren, aber die kritischsten Fälle immer am USZ landen.Dies hat einen Einfluss auf die Statistik. Für Gesunde erscheinen Spitzenmediziner rasch als übermächtige «Götter in Weiss». Schwer Kranke hingegen erleben dieselben Personen oft als letzte Hoffnung. Gerade deshalb braucht das USZ klare Verantwortlichkeiten. Entsprechend wurde die allseits gewünschte Verselbständigung des USZ ab Ende der 1990er Jahre angedacht und auf Anfang 2007 in die Tat umgesetzt. Die Bilanz ist ernüchternd. Heute besteht ein «Korsett», welches das sogenannte Unternehmen USZ nicht mehr führbar macht.Warum ist das heutige Konstrukt USZ nicht führbar? Ein erstes zentrales Problem ist die Doppelunterstellung einer wichtigen Angestelltengruppe, die akademische Titel trägt. Diese Angestellten sind weiterhin sowohl der Gesundheits- als auch der Bildungsdirektion unterstellt. Es ist trotz dem Wunsch der Kaderärzte nie gelungen, eine «Medizinische Akademie» zu schaffen, die nur einer Regierungsdirektion zugeordnet ist. Welcher Regierungsrat würde seinen Anteil an Einfluss auf die universitären Spitäler in Zürich gerne abgeben?Ein zweites Problem ist die Führungsstruktur im USZ selbst. Die Klinikdirektoren waren bis vor kurzem nicht etwa dem CEO des Spitals unterstellt, sondern dem Spitalrat. Heute hat hier wenigstens eine Klärung stattgefunden. Die Klinikdirektoren sind heute dem ärztlichen Direktor unterstellt. Der Spitalrat – von der Politik gewählt – ist eher ein politisches Gremium als ein Fachgremium.Erlaubt sich ein Angestellter inakzeptable Dinge, kann das System nur schlecht reagieren: Die Meinungen der Universitäts- und der USZ-Leitung oder des Spitalrats und der exekutiven Führungsebene widersprechen sich oft. In einem echten Unternehmen würde ein solcher Angestellter rasch freigestellt. Aber am USZ verhindern komplexe Abläufe rasches Handeln, wenn dies nötig wird. Sogar bei kleineren Entscheiden muss sich die Führung rückversichern. Die Politik hat in dieser Pseudoverselbständigung die Freiräume zur Gestaltung des USZ behalten und die Verantwortung nach unten delegiert.Drittens werden immer wieder neue Führungsebenen definiert und neue Kontrollorgane geschaffen. Als Folge des Falls Maisano wird dies sicher wieder der Fall sein. All dies verkompliziert die Abläufe, statt sie zu vereinfachen, Verantwortlichkeiten werden aufgeteilt und der Verwaltungsaufwand steigt. Gleichzeitig erwartet die Politik wirtschaftliche Eigenständigkeit und positive Ergebnisse. Dies führt zu erhöhten Betriebskosten.Die angedachten Konsequenzen aus dem Fall Maisano werden die gegenwärtige Situation also eher weiter verschlimmern. Verantwortlichkeiten werden noch weiter verteilt, und schliesslich ist eben niemand mehr verantwortlich. Politische Erwägungen höhlen die Selbständigkeit des USZ immer wieder aus.Viele der vermeintlich Verantwortlichen konnten im vorgegebenen Rahmen gar nicht so handeln, wie es die Öffentlichkeit im Nachhinein erwartet. Und solange die Rahmenbedingungen für das USZ unverändert bleiben, wird sich wenig ändern.Ich habe diese strukturelle Ohnmacht selbst erlebt. In meiner Zeit als ärztlicher Direktor hatte sich ein Klinikdirektor gegenüber dem USZ inakzeptabel illoyal verhalten. Alle Vorgesetzten waren sich einig, dass eine Freistellung angezeigt gewesen wäre. Nach sechs Wochen mahlender Regierungsmühlen lautete die Antwort der damals noch zuständigen Regierung: «Man müsste diesen Herrn entlassen, aber es ist politisch nicht umsetzbar.»Eine «Medizinische Akademie»Will man künftige Skandale verhindern, genügt es nicht, nach jedem Ereignis neue Regularien zu schaffen. Entweder wird das USZ wieder klar einer politischen Instanz unterstellt, die dann mit der Weisungsbefugnis auch die Verantwortung trägt. Oder das USZ wird wirklich verselbständigt: mit einem starken CEO, einem fachlich kompetenten Spitalrat und klarer operativer Führung. Für politische Sonderwünsche kann das Spital der Regierung dann Rechnung stellen.Ohne den Fall Maisano im Detail beurteilen zu wollen, scheint eines offensichtlich: Wenn schwerwiegende Vorwürfe im Raum stehen, braucht eine Institution Strukturen, die rasches, geordnetes und rechtssicheres Handeln ermöglichen. Die politische Aufsicht und Verantwortung müssen dort liegen, wo auch die Entscheidungsmacht liegt. Dies schafft schlagkräftige Führungsorgane. Dann funktioniert der Betrieb wieder so wie einst. Letztlich verantwortlich ist die Politik, die bisher zu keiner grundlegenden Strukturreform bereit war.Die Zukunft verlangt also ein anderes Führungsmodell. In einem ersten Schritt müsste das USZ selbst zur «Medizinischen Akademie» werden. Gemeint ist damit keine neue Parallelorganisation, die neben Universität, Gesundheitsdirektion, Spitalrat und Spitalleitung zusätzlich mitredet. Im Gegenteil: Die «Medizinische Akademie» müsste Verantwortung und Entscheidungsmacht zusammenführen.Das USZ als «Medizinische Akademie» müsste seine Professorinnen und Professoren selbst bestimmen können – nicht nur nach klinischen Fähigkeiten, sondern ebenso nach wissenschaftlicher Leistung, Lehrbefähigung und akademischer Integrität. Damit würde die heutige Doppelunterstellung aufgelöst, ohne dass Forschung und Lehre geschwächt würden.Der CEO dieser Akademie wäre mit den nötigen Instrumenten ausgestattet, um wirklich führen zu können. Der heutige Spitalrat würde zu einem Akademierat, dessen Fachkompetenzen das ganze Spektrum des Leistungsauftrags des USZ abdecken: Klinik, Spitzenmedizin, Forschung und Lehre. Da der Staat Eigentümer, politischer Gewährleister und letztlich Träger der institutionellen Verantwortung ist, müsste die Politik durch einen Regierungsrat angemessen eingebunden bleiben.Die Struktur müsste so offen angelegt sein, dass sich später auch die anderen universitären Spitäler Zürichs – Kinderspital, Balgrist und Psychiatrische Universitätsklinik – anschliessen könnten. Zunächst aber müsste das USZ selbst zeigen, dass akademische Exzellenz und operative Führbarkeit keine Gegensätze sind.Das heutige Zwischenmodell vereint die Nachteile beider Systeme: politische Einflussnahme ohne klare operative Verantwortung und operative Verantwortung ohne ausreichende Entscheidungsmacht. Die entscheidende Lehre aus dem Fall Maisano wäre deshalb nicht noch mehr Regulierung, sondern die Rückkehr zu einem einfachen Grundsatz: Wer Verantwortung trägt, muss auch entscheiden können.Gustav K. von Schulthess war Professor und Direktor der Klinik für Nuklearmedizin sowie 2005 bis 2007 ärztlicher Direktor am Universitätsspital Zürich.Passend zum Artikel