Nach Maisano-Skandal: Welches ist das beste und welches das schlechteste Spital?Eine neue Studie zeigt: Die Qualitätsunterschiede zwischen den Spitälern sind riesig. Doch die Namen bleiben geheim, obwohl der Bund Betriebsvergleiche längst veröffentlichen müsste.30.05.2026, 21.45 Uhr4 LeseminutenBei Transparenz kämen schlechte Spitäler stark unter Druck.Sandra Ardizzone / CH MediaFür Hotels gibt es Sterne, für Kopfhörer Testberichte und für Katzenfutter Tausende Online-Bewertungen. Kaum etwas entgeht heute dem Vergleich. Doch ausgerechnet bei der eigenen Gesundheit fehlt diese Transparenz in der Schweiz: Patientinnen und Patienten können oft kaum beurteilen, welche Spitäler und Behandlungen tatsächlich die besten Ergebnisse erzielen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in der Schweiz bis heute weder ein Ranking noch ein Ampelsystem, das Spitäler systematisch miteinander vergleicht. Die Frage nach mehr Transparenz beschäftigt die Gesundheitspolitik seit Jahren. Nun wurde mit dem Fall Maisano am Universitätsspital Zürich die Diskussion neu entfacht. Denn dort brauchte es erst eine riesige Untersuchung, um die schon länger vermutete, stark erhöhte Sterblichkeitsrate unter dem italienischen Herzchirurgen zu belegen.Der Appenzeller Mitte-Nationalrat Thomas Rechsteiner fordert nun rasche Schritte. Seine letztjährige Motion für mehr Transparenz bei der Qualität von Spitälern soll nun möglichst schnell vom Parlament behandelt werden. «Ich will ja auch in einem Restaurant essen, das gute Bewertungen hat», sagt er. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Informationen überhaupt öffentlich seien. Ähnlich argumentiert der FDP-Ständerat Damian Müller: «Wer hohe Prämien zahlt, soll wissen können, wo die beste Behandlung erfolgt», sagt der Luzerner Politiker.Genau das wäre eigentlich längst vorgesehen. Der Bund hat sogar einen Auftrag: Gemäss Krankenversicherungsgesetz muss er landesweite Betriebsvergleiche zu Kosten und Qualität veröffentlichen. Zwar publiziert er seit einigen Jahren verschiedene Qualitätsindikatoren wie die Fallzahlen oder Mortalitätsraten, doch für die meisten Patientinnen und Patienten sind diese Daten kaum verständlich. Statt einer einfachen Orientierungshilfe finden sie Tabellen voller Fachbegriffe und standardisierter Raten vor.Dabei wäre mehr Transparenz von grosser Bedeutung für die Bevölkerung. Denn Schweizer Spitäler unterscheiden sich in der Qualität stark voneinander, wie neue Untersuchungen zeigen.Massiv höheres Risiko eines SchlaganfallsEin Team der Berner Fachhochschule hat über hundert Spitäler analysiert – unter anderem bei Operationen von Leistenbrüchen und dem Einsetzen künstlicher Hüftgelenke. Die Ergebnisse zeigen, wie gross die Unterschiede sind: Bei Hüftimplantaten beispielsweise ist die Komplikationsrate in den «schlechtesten» Spitälern bis zu 230 Prozent höher als in einem «durchschnittlichen» Spital. Das Risiko eines Nierenversagens oder eines Schlaganfalls nach einer Hüftoperation ist dort massiv höher.Die Forscher haben analog zur Hotelbranche ein System entwickelt, das den Spitälern bei häufig vorkommenden Operationen Sterne verteilt. Ein Ranking in dieser Art ist ein Novum in der Schweiz, doch Patientinnen und Patienten bringt das kaum etwas: Auf der Grafik blinken nur farbige Punkte, aber keine Namen. «Wir erhalten nur anonymisierte Daten vom Bund», kritisiert der Forschungsleiter und Gesundheitsökonom Tobias Müller. Selbst er darf nicht wissen, welches Spital das «beste» oder das «schlechteste» ist.Wenn selbst Wissenschafter keine offenen Spitalvergleiche erstellen dürfen, wie sollen dann Patienten ihr Spital nach Qualitätsmerkmalen aussuchen können? Studien belegen, dass die Wahl deshalb primär auf nah gelegene Spitäler oder die Häuser mit dem besten Komfort fällt. «Gerade die Nähe ist ein problematischer Indikator, der wenig mit der Behandlungsqualität zu tun hat», sagt Müller.Dass Qualitätsüberlegungen hierzulande wenig Einfluss auf die Spitalwahl haben, stellt auch die Krankenkasse Concordia fest. Sie gilt auf dem Gebiet als Pionierin und hat als eine der ersten Krankenkassen schon vor Jahren ein statistisches Modell aus einem Mix von öffentlichen und eigenen Daten gebaut, das Versicherten bei ihrer Wahl hilft. «Wettbewerb mit freier Spitalwahl funktioniert nur, wenn die Qualitätsindikatoren transparent und verständlich veröffentlicht werden», sagt Matthias Steiner, Leiter Gesundheitsdienste bei der Concordia.Das eigene Ampelsystem darf die Krankenkasse nicht publizieren, sie berät jedoch ihre Patienten auf dieser Grundlage. Sobald sie wüssten, wie gut ein Spital sei, würden sie nicht mehr nur das nächste wählen: «65 Prozent der Patienten, die bei uns nachfragen, wählen eines der drei empfohlenen Spitäler für ihre Behandlung», sagt Steiner.BAG-Zahlen versagen im Fall MaisanoBetriebsvergleiche wie jene der Wissenschafter und der Krankenkassen wären eigentlich Aufgabe des Bundes. Doch dieser ist weit davon entfernt, Patienten eine echte Entscheidungshilfe zu bieten. Vor wenigen Wochen hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zwar eine neue Plattform aufgeschaltet, die genau dieses Ziel verfolgt. Die Seite befindet sich allerdings in einem sehr rudimentären Stadium: Bis jetzt lassen sich lediglich Pflegeheime für eine Qualitätseinschätzung auswählen – mit gerade einmal sechs beliebigen Qualitätsindikatoren, wie zum Beispiel, ob ein Bettgitter vorhanden ist.Eine Mitteilung zur Lancierung gab es nicht. Schämt man sich beim Bund für die unausgegorene Plattform? Fachpersonen schütteln jedenfalls den Kopf und sprechen von einem Rohrkrepierer.Das BAG sieht auch beim Fall Maisano nicht gut aus. Die Experten, die den Untersuchungsbericht verfasst haben, schreiben: «Die geringste Aussagekraft kommt dem Vergleich mit den BAG-Sterblichkeitsraten zu.» Andere Zahlen würden viel präzisere Aussagen ermöglichen.Wie ist ein solches Verdikt möglich? Weshalb ist die Qualität im teuersten Gesundheitssystem der Welt nach Jahren von Diskussionen und neuen Gesetzestexten immer noch so intransparent? Und: Ist dieser Blindflug vielleicht sogar gewollt?Für den Gesundheitsökonom Tobias Müller ist die Intransparenz das Resultat von jahrelangem und intensivem Lobbying der Spitalverbände, dem die Behörden zu stark nachgeben. «Transparenz zur Behandlungsqualität würde echten Wettbewerb zwischen den Spitälern auslösen – aber eben auch einen enormen Druck auf schlechte und ineffiziente Spitäler aufbauen», sagt der Wissenschafter.Die Spitäler wehren sich gegen den Vorwurf. Man sei nicht gegen Transparenz, aber gegen «Scheingenauigkeit», sagt der Spitalverband H+ auf Anfrage. «Ein Zentrumsspital behandelt schwerere, risikoreichere Fälle als ein Regionalspital.» Eine höhere Mortalitätsrate könne deshalb durch den Auftrag des Spitals begründet sein und zu falschen Schlüssen führen, so der Verband.Der Gesundheitsökonom Tobias Müller hält dagegen, er und sein Team würden solche Unterschiede statistisch berücksichtigen. «Einzelne Spitäler schneiden nicht schlechter ab, nur weil sie komplexere Fälle haben», sagt Müller.Wenn die Daten und Methoden vorhanden sind – warum macht der Bund daraus keine brauchbare Orientierungshilfe? Das komme, schreibt das BAG auf Anfrage. Die Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Spitäler hochwertige und vergleichbare Daten zur Verfügung stellten. Bis 2031 würden jährlich zusätzliche Daten auf der neuen Plattform aufgeschaltet.Für Menschen, die jetzt vor einer grossen Operation stehen, ein schwacher Trost.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel