GastkommentarAndré PlassOhne unabhängige Kontrollen der Spitäler geht es nichtUnabhängige Qualitätsprüfungen sind in vielen Lebensbereichen gang und gäbe. Warum nicht auch in Spitälern? So könnten Missstände frühzeitig erkannt und Kosten gesenkt werden.07.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWer untersucht die Untersucher?KeystoneDie meisten Menschen interessieren sich für das Gesundheitswesen erst dann, wenn sie selbst krank werden. Solange die eigene Gesundheit funktioniert, erscheinen andere Themen wichtiger. Gesundheit gilt als selbstverständlich – bis sie es nicht mehr ist. Dann wird entscheidend, wie gut das Gesundheitssystem tatsächlich funktioniert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Handelt es sich um einen Notfall, besteht oft keine Wahl. Wer mit einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder nach einem schweren Unfall ins Spital eingeliefert wird, kann selten selbst entscheiden, wo die Behandlung erfolgt. Die Qualität der Behandlung kann dann über Leben, Tod oder bleibende Schäden entscheiden.Die «NZZ am Sonntag» hat in ihrer letzten Ausgabe eine einfache, aber unbequeme Frage gestellt: Wie sollte man denn überhaupt ein Spital auswählen, falls man die Möglichkeit dazu hat? Genau hier liegt das Problem. Häufig fehlt die Grundlage für eine fundierte Wahl. Welche Qualitätsdaten sind wirklich aussagekräftig? Welche schaffen Transparenz – und welche erwecken nur deren Anschein?Die Schweiz verfügt über Qualitätsprogramme, Zertifizierungen und Audits. Dennoch basiert ein erheblicher Teil der Qualitätsbeurteilung auf Daten, die von den Leistungserbringern selbst erhoben oder geliefert werden. Diese müssen nicht falsch sein, sind aber nicht vollständig unabhängig. Qualität ist längst nicht nur ein medizinischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Gute Bewertungen stärken Reputation und Wettbewerbsfähigkeit.Gerade deshalb braucht es unabhängige Kontrollen.In nahezu allen Bereichen gelten externe Prüfungen als selbstverständlich: Banken werden revidiert, Lebensmittel kontrolliert und Fluggesellschaften überwacht. Warum sollte ausgerechnet das Gesundheitswesen dauerhaft auf vergleichbare unabhängige Qualitätskontrollen verzichten können? Kontrolle ist kein Ausdruck von Misstrauen. Sie schafft Transparenz, Glaubwürdigkeit und Vertrauen.Besonders deutlich wird die Problematik bei internationalen Spitalranglisten. Das häufig zitierte Ranking von «Newsweek» führt Schweizer Universitätsspitäler regelmässig in der Weltspitze. Die Bewertungen beruhen jedoch grösstenteils auf Expertenbefragungen und Angaben der Institutionen selbst. Solche Rankings liefern Hinweise, ersetzen aber keine unabhängige Qualitätsprüfung.Die Forderung nach mehr Transparenz ist keineswegs neu. Die Antwort auf eine 2025 im Kanton Schwyz eingereichte Motion für eine unabhängige medizinische Qualitätssicherung zeigte, dass Qualitätskontrollen heute weitgehend auf Selbstdeklarationen beruhen. Eine systematische unabhängige Qualitätskontrolle existiert nicht.Dass objektive Vergleiche aber möglich sind, zeigte ein Team der Berner Fachhochschule. Die Forschenden analysierten über 100 Schweizer Spitäler und machten Qualitätsunterschiede sichtbar. Solche Modelle sind nicht perfekt, belegen aber, dass Transparenz und Qualität messbar gemacht werden können.Hätte im Kanton Zürich ein unabhängiges Qualitätssicherungssystem bestanden, wären an der Klinik für Herzchirurgie des Universitätsspitals fragwürdige Indikationsstellungen, auffällige Operationsergebnisse sowie der Einsatz problematischer Implantate vermutlich früher erkannt worden. Hinweise von Mitarbeitenden und Betroffenen hätten eine unabhängige Instanz erreicht und zeitnah weiterführende Untersuchungen ausgelöst. Bereits eine unangekündigte externe Qualitätsprüfung anhand klar definierter Kriterien hätte Unregelmässigkeiten sichtbar machen können. Dadurch wären Patientinnen und Patienten besser geschützt worden, und die Abwärtsspirale aus fragwürdigen Implantateinsätzen und zunehmender Qualitätsverschlechterung wäre möglicherweise gestoppt worden.Die Diskussion über steigende Gesundheitskosten konzentriert sich meist auf Tarife, Prämien und Finanzierungsmodelle. Weniger Beachtung findet die Frage, welche Kosten durch Qualitätsmängel entstehen. Fehldiagnosen, unnötige Eingriffe, Komplikationen oder vermeidbare Hospitalisationen verursachen erhebliche Mehrkosten, die letztlich von allen Prämienzahlern getragen werden. Wer die Kostenentwicklung nachhaltig beeinflussen will, muss deshalb auch über Qualität sprechen. Mangelnde Qualität ist nicht nur ein Gesundheitsproblem, sondern auch ein Kostenproblem.Niemand fordert einen gigantischen Kontrollapparat. Bereits eine unabhängige Analyse der bestehenden Qualitätssicherungsmechanismen in den wichtigsten Spitälern wäre ein erster Schritt. Moderne digitale Auswertungen und KI-gestützte Verfahren könnten den Aufwand überschaubar halten.Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir uns unabhängige Qualitätskontrollen leisten können. Die entscheidende Frage lautet, ob wir es uns leisten können, weiterhin darauf zu verzichten. Im Zentrum steht dabei das Vertrauen: Denn Qualität entsteht nicht durch Zertifikate, Rankings oder Selbstdeklarationen. Sie zeigt sich in den Behandlungsergebnissen der Patientinnen und Patienten. Wer Transparenz schafft, schützt Menschen. Qualität darf deshalb nicht behauptet werden – sie muss unabhängig überprüft werden.André Plass ist Herzchirurg, Wissenschafter und Gründer von Medizintechnikunternehmen, die Rettungstechnologien und KI-gestützte Lösungen für das Gesundheitswesen entwickeln. Ausserdem ist er SVP-Kantonsrat im Kanton Schwyz, wo er sich für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens engagiert. Plass hatte Ende 2019 als Erster Missstände an der Klinik für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich gemeldet, die sich später bestätigt haben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel