Anne Teresa De Keersmaeker am Zürcher Theaterspektakel: Tanzen zu den Liedern Jacques BrelsDie grosse belgische Choreografin erkundet zusammen mit dem jungen Künstler Solal Mariotte die Lieder des legendären Chansonniers. Aus dem Miteinander wird eine Trennung – als müsste eine Mutter ihren Sohn loslassen.Lilo Weber25.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTanzen, als würden sie sich einfach des Lebens freuen: Solal Mariotte und Anne Teresa De Keersmaeker in «Brel».Simon Aurel Schwarz / ZTSIst das Magie? Zufall? Oder beides? Das Schiff tritt auf der Seebühne beim Zürcher Theaterspektakel genau zum richtigen Zeitpunkt auf. Über die Rückwand der Bühne flackern Flammen. Jacques Brel singt von der grossen Liebe, aber die Menschen frieren. Denn sie haben nur sich selbst zum Umarmen. Einsam stehen sie da, die Hände um den eigenen Leib geschlungen, und starren ins Feuer an der Wand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Da fährt die «Linth» über den See durchs Flammenmeer und legt, wie ihr der Fahrplan befiehlt, vor der Landiwiese an. «E la nave va» – ein Fellini’scher Moment zu dieser Hommage an den grossen belgischen Chansonnier: «Brel» von Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte. Und ein Moment, der ein anderes Bild ins Gedächtnis ruft: Wie einst Pina Bausch als blinde Prinzessin Lherimia an der Reling des Luxusdampfers stand, den Federico Fellini 1983 auf Kollision mit einem Panzerkreuzer schickte.Die Assoziation ist nicht abwegig: Anne Teresa De Keersmaeker sieht, je älter sie wird, der Ikone des Tanztheaters äusserlich zunehmend ähnlich – sie schafft aber einen völlig anderen Tanz. Und sie darf mit gutem Gewissen als die Pina Bausch des neuen belgischen Tanzes bezeichnet werden, hat sie doch zusammen mit Alain Platel, Jan Fabre und Wim Vandekeybus während der 1980er Jahre jene flämische Welle angestossen, die den Tanz im Westen für immer verändert hat.Quirlige, kreative TänzerSie ist die Einflussreichste der vier geblieben, weil sie unermüdlich kreiert und sich und ihren Tanz mehrmals neu erfunden hat. Aber auch, weil ihre 1995 in Brüssel gegründete Schule P.A.R.T.S. Generationen von quirligen Tanzschaffenden geprägt hat. Einer davon ist Solal Mariotte, mit dem Anne Teresa De Keersmaeker in «Brel» auf der Bühne steht: Er 25, sie 66. Er – ein Breakdancer. Sie – nach wie vor die Tänzerin der klaren Schritte und Formen, als die wir sie kennengelernt haben, als sie 1983 erstmals nach Zürich kam.Damals tanzte sie zusammen mit Michèle Anne De Mey «Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich» (1982) und zusammen mit ihrer neu gegründeten Kompanie Rosas das gleichnamige Stück «Rosas danst Rosas» (1983). Es war sofort klar, dass hier etwas ganz Neues geschah, eine neue Beziehung von Tanz und Musik.Drei Generationen: Solal Mariotte, 25-jährig. Anne Teresa De Keersmaekersie, 66-jährig. Und im Hintergrund Jacques Brel (1929–78).Simon Aurel Schwarz / ZTSIn scheinbar gleichbleibenden, sich wiederholenden Mustern bewegt sich «Fase» durch Veränderung der Tempi der Phasenverschiebung in Reichs frühen Kompositionen «Piano Phase» (1967), «Come Out» (1966), «Violin Phase» (1967) und «Clapping Music» (1972) – mit mathematischer Strenge.Minimalismus und Repetition werden in «Rosas danst Rosas» zu Musik von Thierry De Mey und Peter Vermeersch wiederaufgenommen, indes durch den heftigen Tanz der vier Frauen emotional unterfüttert. Beide Stücke sind im Repertoire der Kompanie Rosas geblieben und Hunderte Male aufgeführt worden. «Rosas danst Rosas» über 500 Mal, getanzt von 28 verschiedenen Tänzerinnen. Und jetzt tourt die Produktion in der fünften Generation – im November auch durch die Schweiz. Zürich hat damals also, am Theaterspektakel 1983, einem Stück Tanzgeschichte beigewohnt.LebensfreudeDaran erinnern sich womöglich einige im Publikum an diesem Abend auf der Landiwiese. Lange war Anne Teresa De Keersmaeker hier nicht mehr zu sehen. Nun steht die grosse Dame des belgischen Tanzes wieder mit der gewohnten Präsenz auf der Bühne, zwischen den Generationen: Solal Mariotte (geb. 2001) und Jacques Brel (geb. 1929). Ungewöhnlich ist freilich die Art und Weise, wie die Lieder über die Liebe und über den Tod befragt werden. Zuweilen geht Anne Teresa De Keersmaeker gewissermassen der Basslinie, dem Rhythmus des Chansons entlang, während Solal Mariotte unten am Boden sein Breakdance-Ding macht und sich damit im Laufe des Abends mehr und mehr Freiheiten nimmt.Manchmal treffen sie sich in der Melodie. Doch gehen beide mit ihren Bewegungen auch auf die Inhalte ein oder ahmen die Vortragsweise des Sängers nach, üben sich etwa in dessen Pathos. Sie albern auch herum, als altes Pärchen beispielsweise in «Les vieux». Derlei hat man von Anne Teresa De Keersmaeker bislang nicht gesehen. Als würde die Künstlerin, die wir als streng formal agierende, eher spröde Performerin kennen, einfach einmal die Form Form sein lassen und sich am Rest des Lebens erfreuen.Manchmal albern De Keersmaeker und Mariotte auf der Bühne herum.Simon Aurel Schwarz / ZTS«Brel» beginnt in «Le Diable (ça va)» mit dem Alter. Erst allmählich schälen sich die Tanzenden aus dem Schatten. Zu «Sur la place» beginnt De Keersmaeker leicht mit den Schultern zu zucken, die Hüfte zu schwingen, erste Schritte zu wagen. Von irgendwoher schreit Solal Mariotte in das Chanson «Quand on n’a que l’amour», als würde er sich über die Alten lustig machen.Walzer werden angetanzt und Bewegungen aus «Violin Phase» und «Piano Phase» von «Fase» zitiert. Der Blazer wird auf den Boden geschlagen, und die Kleider werden auch einmal ganz ausgezogen. Aus dem anfänglichen Miteinander wird ein Auseinander, als müsste eine Mutter ihren Sohn loslassen. Schliesslich legen sie sich auf den Boden und überlassen die Bühne Jacques Brel: «Six pieds sous terre, Jojo, tu n’es pas mort. Six pieds sous terre, Jojo, je t’aime encore.»«Rosas danst Rosas» ist am 25. November im Théâtre Les Halles, Siders, und am 27. und 28. November im Nebia, Biel, zu sehen.Passend zum Artikel